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Dienstag, 24.05.2011

The Big Chill: Interview Tom DiCillo

Neben Richard Linklater ist er über die Jahre der häufigste Gast der American-Independents-Reihe gewesen: Das FILMFEST MÜNCHEN zeigt eine komplette Retrospektive von Tom DiCillo.

Tom DiCillo und Brad Pitt bei den Dreharbeiten zu JOHNNY SUEDE

Er studierte zusammen mit Jim Jarmusch an der New York University zu einer Zeit, da der Washington Square in Manhattan das filmische Epizentrum der Welt zu sein schien. 1991 drehte er mit Brad Pitt und Catherine Keener in ihren ersten Hauptrollen den kultigen Rockabillyfilm JOHNNY SUEDE, u.a. auch mit Samuel L. Jackson und Nick Cave, der noch nie in Deutschland im Kino lief. Basierend auf seinen Erlebnissen als Independentfilmer setzte er dieser Ära und Arbeitsweise 1995 ein unvergesslich komödiantisches Denkmal mit LIVING IN OBLIVION. In BOX OF MOONLIGHT mit John Turturro und Sam Rockwell perfektionierte er das Indie-Genre des Midlife-Crisis-Sinnsucher-Roadmovies. Darauf folgten weitere Parodien auf die New Yorker Unterhaltungsbranche, ECHT BLOND, DOUBLE WHAMMY und DELIRIOUS. 2009 landete er wieder einen großen Erfolg mit dem Dokumentarfilm WHEN YOU'RE STRANGE über The Doors, laut Keyboarder Ray Manzarek die "wahre Geschichte der Doors" und der "Anti-Oliver Stone".

Bereits vier Mal haben Ihre Filme beim FILMFEST MÜNCHEN ihre Europapremiere gehabt. Was gefällt Ihnen an München?

Wenn ein amerikanischer Independent-Regisseur mit seinem Film auf ein Festival in Europa geht, dann wegen der Offenheit und Neugier des Publikums, der Hingabe und Unterstützung des Festivals den Filmemachern gegenüber, dem Geschmack des jeweiligen Pilseners der Stadt und dem Niveau der Porno-Kanäle im Hotelzimmer. Meiner Erfahrung nach hat München hier in allen Bereichen Hervorragendes zu bieten.

Sie studierten an der NYU mit Jim Jarmusch und begannen Ihre Karriere als sein Kameramann. Dabei halfen Sie mit, eine einzigartige filmische Handschrift zu entwickeln. Wie ist das passiert?

Diese Frage enthüllt eine der größten Mythen und Missverständnisse seit Michael Jacksons jungfräulicher Geburt. Ich habe meine Karriere nicht als Kameramann von Jim Jarmusch begonnen. Eines Tages wurde ich an der NYU per Zufall ausgelost, um eine Kameraübung zu drehen, und Jim wurde ausgelost, um Regie zu führen. Ich hatte noch nie etwas gefilmt oder Kamera studiert. Aber es war in kreativer Hinsicht ein sehr anregendes Erlebnis für uns beide.

Ich denke, was Jim an mir schätzte war, dass ich keine vorgefasste Meinung hatte, was "richtige" Kameraführung war. Ich ging wie ein Regisseur mit völliger Offenheit an die Dreharbeiten heran. Die meisten Kameraleute erzählen dir immer nur, warum etwas nicht geht. Bei mir war das anders herum.

Ich habe nur zwei Filme für Jarmusch gedreht (PERMANENT VACATION und STRANGER THAN PARADISE, d.Red.) und bin sehr stolz auf meinen Beitrag. Es war ein aufregendes und lohnendes Erlebnis, aber ich bin auch glücklich, nicht mehr hinter der Kamera stehen zu müssen, weder für ihn noch für andere.

Sie gaben Brad Pitt seine erste Hauptrolle in JOHNNY SUEDE. Wie kam das zustande?

Es hatten bereits über 300 Schauspieler für die Rolle des Johnny vorgesprochen, als ich Brad Pitt gecastet habe. Als er hereinkam, hatte ich keine Ahnung wer er war. Auf seinem Lebenslauf stand, dass er gerade in einem Film namens THELMA UND LOUISE mitgespielt hatte, der allerdings erst etliche Monate später ins Kino kommen sollte. Doch als er den Raum betrat, wusste ich sofort zwei Dinge: Er war Johnny Suede, und er würde ein Star werden.

Meine Produzenten weigerten sich jedoch, ihn zu besetzen. Sie sagten, er sei zu unbekannt. Deshalb musste ich mich von den Produzenten trennen und mit der Finanzierung nochmal ganz von vorne anfangen. Brad hielt mir und dem Film jedoch die Stange. Er hatte sich dieser Rolle zu 100% verpflichtet. Bis heute ist es immer noch eine seiner mutigsten Darbietungen, finde ich.

Sie haben vier Filme mit Catherine Keener gedreht. Ihre Muse? Ihre geheime große Liebe? Wir wollen alle schmutzigen Details wissen.

Ich habe Catherine am selben Tag wie Brad Pitt kennen gelernt. Sie kam in das billige Motelzimmer spaziert, aus dem wir in L.A. casteten. Sie sprach sogar mit Brad vor. Sie war während des Castings so überdreht und durchgeknallt, dass ich sie fast nicht genommen habe. Doch mitten in der Nacht bin ich aufgewacht und habe mir gesagt, "Diese Frau hat etwas so Fantastisches, Originelles, dass ich ein Trottel sein müsste, sie nicht zu besetzen."

In LIVING IN OBLIVION sagt jemand von Catherines Figur: "Sie ist intelligent, sie ist sexy und sie spinnt ein bisschen." Das trifft es ziemlich gut, finde ich. Als Darstellerin hat sie die unheimliche Fähigkeit, vor der Kamera total authentisch und gleichzeitig total unterhaltsam zu sein. Das ist eine seltene Kombination. Sie brachte mich zum Lachen. Ich brachte sie auch gerne zum Lachen. Vor allem im Bett.

Ich verstehe Ihr Bedürfnis, die "schmutzigen Details" zu erfahren, doch mein Anwalt hat mir nahegelegt, Stillschweigen zu bewahren, denn einige meiner außerehelichen Kinder sind gerade aus der Therapie entlassen worden und verklagen mich nun, um zu erfahren, wer ihre Mütter waren.

LIVING IN OBLIVION ist ein Denkmal an die boomende New Yorker Independent-Szene der späten 80er - Wie ist ihnen diese Zeit in Erinnerung geblieben? Warum ist sie zu Ende gegangen?

Ich habe meine ersten New Yorker Independent-Filme gesehen, als ich 1976 in die Stadt gezogen bin. Verrückte Regisseure, von denen ich nie gehört hatte, so wie Amos Poe, Eric Mitchell, John Lurie und Beth und Scott B, drehten Filme auf Super 8mm und zeigten sie in Kneipen in der Lower East Side. Dieser Geist damals war ungeheuer berauschend. Es war ein Gefühl der Entfesselung, der völligen Freiheit - die Vorstellung, dass man ohne Geld einen Film über alles Mögliche drehen und jeden besetzen konnte, den man wollte.

Dieser Geist formte mein filmisches Bewusstsein, ebenso wie LA STRADA, den ich das Jahr zuvor gesehen hatte. Wie alle wirklich neuen Bewegungen hierzulande dauerte die echte Independent-Bewegung nur kurz. Doch während dieser kurzen Zeit war sie sehr echt und real. Es war das Gegenteil von Hollywood. Daher rührte ihre Macht, dass sie Hollywood so laut und deutlich und begeistert "FUCK YOU" sagte. Ich habe nichts gegen Hollywood. Ich denke nur, dass beide Arten Kino ihre Daseinsberechtigung haben. Der Independent-Film ist gestorben, als er begann, die gleichen Götter wie Hollywood zu verehren: Die Kinokasse und das Startwochenende; Zahlen, Dollar, Zahlen. Heute gibt es in den USA keinen Independent-Film mehr. Das ist längst Indiewood oder Hollydent geworden, je nachdem welchen Ausdruck man über die Lippen bringt ohne vor Wut auszurasten oder in Tränen auszubrechen.

In Ihren Filmen beschäftigen sie sich gerne selbstreflexiv mit den modernen Medien. Phase oder Obsession?

Verwunderung ist vielleicht der beste Ausdruck. Ich war schon immer fasziniert von der seltsamen Welt, die irgendwo zwischen dem Kameraobjektiv und dem Promilächeln existiert. Wenn ich sehe, was mit Menschen vor der Kamera passiert, kommt es mir vor, als beobachtete ich Außerirdische.

Noch nie waren so viele Menschen so von Ruhm und Prominenz besessen wie jetzt. Die Medien speisen diese Besessenheit und zehren gleichzeitig davon.  Das ist ein symbiotischer Teufelskreis. Die Medien hypen unsere Promi-Fixierung, wir verkonsumieren das und geben dafür Geld aus - und die Medien verdienen daran.

Aber das würde alles nichts bedeuten, wenn es uns nicht emotional berühren würde. Was sagt uns unsere Promi-Besessenheit? Was bedeutet das für unsere universelle Psyche, wenn unser eigenes Selbstwertgefühl so von der Anerkennung anderer abhängt? In unserer modernen Welt ist Aufmerksamkeit egal welcher Art ein Wert an sich.

Sind Sie in einem 60er-Jahre-Haushalt aufgewachsen? Wie standen Sie zu den Doors? Ist Jim Morrison eine Tom-DiCillo-Figur?

Ich wuchs in den 50ern, 60ern und Anfang der 70er auf. Mein Vater war Oberst bei den Marines. Er erlaubte keinen Fernseher im Haus. Ich musste mich zu einem Freund rüberschleichen, um fernzusehen.

Ich habe meinen Alten für seine ganzen Vorschriften und Verbote gehasst - aber heute bin ich ihm für einiges auch dankbar, weil ich zum Beispiel in jungen Jahren sehr viel gelesen habe, da ich nicht fernsehen durfte. Erst, als ich für den Doors-Film zu recherchieren begann,  bemerkte ich die großen Ähnlichkeiten zwischen Jim Morrisons Kindheit und meiner eigenen.

Jims Vater war Admiral in der Navy. Aus meinen Gesprächen mit Jims Schwester wurde klar, dass Admiral Morrison in seinem Haus die Befehle gab und alle zu parieren hatten. Mein Vater war genauso - deshalb kann ich es bis heute nicht leiden, wenn man mir sagt, was ich zu tun habe. Von mir aus kann mir jeder seine Meinung sagen, oder mir einen Rat geben, aber wenn jemand mich herumkommandieren will, nur weil er in einer gewissen Position ist, werde ich fuchsteufelswild.

Morrison reagierte mit ganzer Seele gegen solche Autoritäten. Je mehr ich über ihn gelernt habe, desto größer wurde mein Respekt vor ihm als Künstler. Er glaubte, man könne nur kreativ sein, wenn man vollkommen frei ist. Sobald du darauf hörst, was andere von dir oder deiner Arbeit denken, ist es aus. Diese Ähnlichkeit unserer Erfahrungen zog mich zu ihm hin. Ich hatte das Gefühl, einen kleinen Blick von dem, wie er wirklich war, erheischt zu haben.  Das inspirierte mich mehr denn je, Filmemacher zu sein und dafür zu kämpfen, woran ich glaube.

Einige Ihrer Filme kamen nur auf DVD heraus, dann drehten Sie eine Folge von  LAW & ORDER basierend auf dem YouTube-Kanal "Lonelygirl15". Wo wird sich ihrer Meinung nach die Filmindustrie in zehn Jahren befinden?

Bisher war es nur ein Film (DOUBLE WHAMMY, d.Red.), der direkt auf DVD rauskam, und das war nur, weil die Verleihmanager, die ihn eingekauft hatten (und vertraglich verpflichtet waren, ihn ins Kino zu bringen) die Beherrschung verloren haben und wieder ihr wahres Gesicht gezeigt haben - als Schlangen und Spinnen.

Ich habe mehrfach fürs Fernsehen Regie geführt. Das mache ich einzig und allein, damit ich Geld verdienen kann, um die Miete zu bezahlen und meiner Frau das Gefühl zu geben, dass sie nicht bloß mit einem kreativ ambitionierten Gigolo zusammen wohnt. Ich kann mir die Drehbücher für diese Fernsehfolgen weder aussuchen noch schreibe ich sie selber. Ironischerweise erhielt ich aber dank der Folgen von Law & Order, bei denen ich Regie geführt habe, die Gelegenheit When You're Strange zu machen, den ersten Dokumentarfilm über die Doors.

In zehn Jahren wird es keine Kinos mehr geben. Wir werden alle zuhause sitzen und per Knopfdruck die Premiere von PIRATES OF THE CARIBBEAN Teil 23 auf unseren kombinierten  Computerbildschirmen/Mikrowellenöfen gucken. Millionen Menschen in der Filmbranche werden arbeitslos werden. Die Filmkritiker werden leider, leider aussterben und wir werden unsere Filmtipps wieder wie früher vom Taxifahrer oder vom Metzger bekommen.

Was haben Sie als Nächstes in der Schublade? Und welchen Film wollen Sie wirklich unbedingt machen?

Ich habe drei Drehbücher geschrieben, die alle sehr unterschiedlich sind, und ich sehne mich danach, alle drei zu verwirklichen. Das Erste ist eine moderne Sexkomödie nach dem Vorbild der klassischen Sexkomödien aus Frankreich und Italien der späten 60er. Das Zweite ist ein sexuell geladener Thriller. Und das Dritte ist eine Komödie über einen frustrierten Dozenten an einer amerikanischen Uni, wo alle Studenten Vollidioten sind.

Für ein Drehbuch brauche ich mindestens 6 Monate. Um soviel Zeit zu investieren, muss ich mich sehr stark persönlich einbringen. Und die einzige Möglichkeit, dieses persönliche Engagement zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu bringen, ist, den Film auch tatsächlich zu drehen. Es gibt für einen Regisseur nichts Deprimierenderes als ein Drehbuch, das unverfilmt in der Schublade liegt. Jahr für Jahr starrt es dich mit großen, traurigen Augen an und das Gefühl der Isolation und Vergessenheit in seinem Blick wird dir zunehmend unerträglich.

Und die wichtigste Frage: Was ist der Unterschied zwischen den Brez'n in New York und München?

Ich muss zugeben, ich hasse Brez'n. Als ich nach New York gezogen bin, habe ich eine gegessen, das hat etwa 3 Stunden gedauert. Es war, als esse man eine ganze Küchenrolle leicht gesalzener Papiertücher.

Interview: Collin McMahon - Nachdruck frei mit Beleg.

Alle Filme der Retrospektive Tom DiCillo

Mehr über Tom DiCillo auf seiner Homepage

JohnnySuede

"Ich kenn dich irgendwoher. Wie heißt du nochmal?" Brad Pitt und Nick Cave in JOHNNY SUEDE

LivingInOblivion

"Warum muss es immer ein Zwerg sein?" Peter Dinkladge und Catherine Keener in LIVING IN OBLIVION

RealBlonde

"Sorg dafür, dass die in der ersten Reihe einen gescheiten Arsch haben": Steve Buscemi und Dave Chapelle in ECHT BLOND

WhenYoureStrange

"I am the Lizard King, I can do anything": Jim Morrison in WHEN YOU'RE STRANGE



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El festival de cine de Munich es el más grande festival no competitivo en Alemania. Cada verano en medio de una atmósfera relajada tiene lugar en la Rambla del Isar un intensivo diálogo entre cineastas y directores de cine. Aunque se recrea el cine en sus variantes artísticas y culturales, este festival constituye también una plataforma de la industria del cine alemán y su mercado, el cual goza de gran prestigio a nivel internacional.

Le FILMFEST MÜNCHEN est le plus grand festival public non-compétitif d’Allemagne.
Dans une atmosphère de détente, un dialoge intensif entre réalisateurs et cinéastes se tient tous les étés sur les rives de l’Isar. Bien que le film y soit célébré pour son essence artistique et son expression culturelle, le Filmfest München est un marché très populaire, aussi bien sur le plan de l’industrie du film allemand que celui de l’industrie cinématographique internationale
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