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Donnerstag, 12.05.2011

Retrospektive Roy Andersson: Jenseits der Sch(m)erzgrenze

Sämtliche Filme des Altmeisters des Absurden und Genies des Grotesken beim FILMFEST MÜNCHEN 2011.

"Eines Tages verstand ich, dass ich den Naturalismus zugunsten der Abstraktion verlassen musste." -Roy Andersson

Eine Patientin muss beim Arzt bar bezahlen. Die Sprechstundenhilfe dreht ihre Handtasche um, schüttelt die letzten Münzen heraus... Diese düstere Vision einer "Praxisgebühr" von Roy Andersson aus einem Werbespot von 1985 kommt dem heutigen Zuschauer fast prophetisch vor. Andersson ist ein visionärer Kämpfer für eine gerechtere Welt, ein schonungsloser Provokateur des Absurden.

"Roy Andersson ist einer der außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Regisseure Europas mit einem ganz besonderen, skurrilen Humor", sagt Festivalchef Andreas Ströhl. "Wir freuen uns außerordentlich, dass er mit seinen Filmen zu uns nach München kommt." Das FILMFEST MÜNCHEN zeigt eine komplette Retrospektive aller Filme von Roy Andersson, dem "Slapstick Ingmar Bergman" (Village Voice) und "tragischen Groucho Marx" (Roger Ebert), inklusive seiner Studentenfilme, die noch im realistischen, intensiv beobachtenden Stil gehalten sind: VISITING ONE'S SON, TO FETCH A BIKE und SATURDAY OCTOBER 5.  Bei der Tennis-Doku THE WHITE SPORT um die Demos und Krawalle im Rahmen der Davis-Cup Austragung zwischen  Schweden und Rhodesien 1968 verlies er schon die Zuschauerrolle, als er sich mit seinem Filmkollektiv "Grupp 13" in die Straßenschlachten mit der Polizei einmischte.

Die apart-zuschauende Haltung perfektioniert er jedoch in EINE SCHWEDISCHE LIEBESGESCHICHTE (1970), seinem ersten und kommerziellsten Kinofilm. In dieser Teenie-Romanze irgendwo zwischen UN HOMME ET UNE FEMME und EIS AM STIEL kontrastiert Andersson seine jungen Liebenden mit den frustrierten, spießigen Eltern und scheint fasziniert von der rebellischen Kraft unbändiger Jugend. Fast voyeuristisch klebt er 119 Minuten lang an den betörend jugendlichen Gesichtern seiner Hauptdarsteller - Ann-Sophie Kylin war zur Zeit der Dreharbeiten 14, Rolf Sohlman 15. Dabei verharrt die Kamera für heutige Standards etwas zu lange auf ihrem Minirock, während er lasziv Kette raucht. Der Film kommt fast ohne Dialog aus, wie ein langer Videoclip, lässt die Teenie-Darsteller sich auch mal peinlich-verliebt schweigend angrinsen, als könne man die junge Liebe gar nicht in Worte fassen, nur fühlen. EINE SCHWEDISCHE LIEBESGESCHICHTE war ein Publikumserfolg und gewann vier Preise auf der Berlinale. Danach stürzte Andersson, der sich schon als Gefangener seines eigenen Erfolgs sah, in eine tiefe Depression.

1975 folgte das absolute Gegenteil: die tiefschwarze Gesellschaftssatire GILIAP, eine absurde Slapstick-Komödie über die ausgebeuteten Angestellten eines heruntergekommenen Hotels, die das heutige Publikum am ehesten an Monty Python oder DELICATESSEN erinnert und seinen späteren, surreal-expressionistischen Stil vorwegnimmt: Die schmerzhafte Szene, in der ein reicher Unternehmer dem armen Besoffenen, der ihn in der Limousine anschnorrt, die Hand im Fenster einklemmt, die Zigarette in der Hand ausdrückt, ihm die Kippen zu Füßen wirft und sich dieser auch noch dafür bedankt, könnte als symptomatisch für das ganze restliche Schaffen Anderssons gesehen werden: Schmerz und Grausamkeit als Komik, Kritik und Katharsis. Einen krasseren Gegensatz zur naiv-idealistischen Haltung der SCHWEDISCHEN LIEBESGESCHICHTE gibt es nicht. Die gnadenlose Persiflage auf den Kapitalismus lief zwar in Cannes, kostete jedoch zuviel und floppte im Kino. Danach sollte Andersson 25 Jahre lang keinen langen Spielfilm mehr drehen, in seiner ganzen Laufbahn waren es bisher nur vier Kinofilme.

Auch sein AIDS-Aufklärungsfilm SOMETHING HAPPENED (1993), der ursprünglich von der schwedischen Gesundheitsbehörde in Auftrag gegeben wurde und im ganzen Land gezeigt werden sollte, geriet zum Debakel: Andersson vertrat darin die Theorie, der HIV-Virus entstamme geheimen amerikanischen Versuchen und legte Parallelen zu KZ-Experimenten nahe. Der Skandal-Film wurde vor Fertigstellung von den Auftraggebern kassiert und existiert heute nur als Kurzfilm.

Der Kurzfilm WORLD OF GLORY (1991), seine Auseinandersetzung mit dem Massenmord im Dritten Reich, in eine moderne, Orwell'sche Welt transportiert, etablierte endgültig seinen manieristischen Stil der langen Einstellungen, gnadenlosen Überhöhung und emotionalen Kälte. Wenn die grauen Männer im Anzug regungslos zusehen, wie ein schreiendes Mädchen mit anderen nackten Menschen in einen LKW gesperrt und vergast wird, ist es beinahe unerträglich mitanzusehen. Durch Gefühllosigkeit wachzurütteln, scheint Anderssons Devise zu sein.

Das Stilmittel der schmerzhaften Komik setzte er konsequent in seinen über 300 Werbespots ein, für die er achtmal den Goldenen Löwen in Cannes gewann und von denen eine Auswahl beim FILMFEST unter dem Titel ROYS REKLAM präsentiert wird. In seinem Spot für die schwedischen Sozialdemokraten "Warum wir für andere da sein sollten" wird ein Mann, der seine am Boden verstreuten Sachen zusammenklauben will, von einer gesichtslosen Menge einfach über den Haufen gerannt. Ein Schlägertyp, der sein Bier in einer Kneipe trinken will, nimmt einem Pärchen den Tisch weg und wird dann von einem noch bulligeren Schläger verdrängt. Und die Krankenschwester will vor der Behandlung erst mal Knete sehen: Es herrscht das Recht des Stärkeren.

Seine dystopische Vision der völlig entmenschlichten Gesellschaft bringt Andersson im Jahr 2000 in seinem Meisterwerk SONGS FROM THE SECOND FLOOR, seinem ersten Langfilm seit 25 Jahren, wieder auf die große Leinwand. Wenn die grauen Menschen in einer riesigen Schalterhalle ihre überladenen Kofferkulis zu den Schaltern schleppen, vermutlich einem sonnigen Urlaub entgegen, aber keinen Zentimeter vom Fleck kommen, oder der Zauberer den Freiwilligen in der Kiste zersägen will, dieser aber plötzlich vor Schmerzen aufschreit, sind wir endgültig im Land von BRAZIL und Buñuel angekommen. Die beinahe sprachlosen Figuren ertragen stoisch das Unerträgliche, bis zum Menschenopfer eines unschuldigen jungen Mädchens vor der versammelten, reglosen Trauergemeinde. Am Ende wirft einer Kruzifixe vom Pritschenwagen auf den Müllhaufen der Geschichte, düsteres Sinnbild der postmodernen Apokalypse.

Um den Spielfilm realisiert zu bekommen, musste Andersson nicht nur das Buch schreiben und Regie führen, sondern auch produzieren und schneiden. Der surreal komische Höllentrip wurde vom ZDF ko-produziert und gewann 2000 den Spezialpreis der Jury in Cannes. Die elegische Musik, bei der teils die ganze Stadt gespenstisch-schön zu singen beginnt, stammt von Benny Andersson von ABBA, ebenso wie im darauffolgenden DAS JÜNGSTE GEWITTER, quasi die Fortsetzung einer Trilogie, die er nun mit seinem aktuellen Dreh A PIGEON SAT ON A BRANCH, REFLECTING ON EXISTENCE beenden will. Aneinandergereihte absurde Anekdoten der Verzweiflung und Sinnlosigkeit. So sagt die Figur des depressiven Psychiaters in DAS JÜNGSTE GEWITTER:

"Ich bin seit 27 Jahren Psychiater. Jetzt bin ich total ausgebrannt. Seit Jahren höre ich unglücklichen Patienten zu. Ich soll ihnen helfen, wieder Freude am Leben zu haben. Das geht einem ganz schön auf die Nerven. Mein Leben ist ja auch kein Freudenfest. Nach all den Jahren bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Menschen immer zuviel erwarten. Sie wollen unbedingt glücklich sein, aber selber sind sie egoistisch, eigensinnig und geizig. Ich wäre gerne ehrlich und würde ihnen sagen, dass sie meistens ganz einfach gemein sind. Welchen Sinn hat es da, in stundenlanger Therapie zu versuchen, jemanden glücklich zu machen? Das geht nicht. Ich habe aufgegeben. Jetzt verschreibe ich nur noch Tabletten. Je stärker, desto besser."

Roy Andersson - eine bittere, aber heilsame Pille. Das FILMFEST MÜNCHEN präsentiert die komplette Werkschau. Bei Filmmakers Live in der Gasteig Black Box wird der Regisseur sich den Fragen des Publikums stellen und erste Einblicke in seinen nächsten Film A PIGEON SAT ON A BRANCH, REFLECTING ON EXISTENCE bieten. Zudem läuft das Porträt des Regisseurs TOMORROW IS ANOTHER DAY von Johan Carlsson, der Roy Andersson 4 Jahre lang bei den Dreharbeiten zu DAS JÜNGSTE GEWITTER begleitete.

Mehr zu Roy Andersson in unserem Filmfest-Blog, oder auf der Homepage und dem YouTube-Channel des Künstlers.

Alle Filme von Roy Andersson auf dem FILMFEST MÜNCHEN

Collin McMahon

SwedishLove

Ann-Sophie Kylin und Rolf Sohlman in SCHWEDISCHE LIEBESGESCHICHTE:
Von der Romanze der Jugendrebellion...

...zum Kafkaesken Alptraum DAS JÜNGSTE GEWITTER.