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Mittwoch, 26.06.2013

Interview Adele Romanski

Die Low-Budget-Queen zu Kickstarter und Hollywood

Adele Romanski ist eine der führenden Produzentinnen der amerikanischen Independent-Szene. Sie gehört mit Lynn Shelton (TOUCHY FEELY) zur Mumblecore-Schule um die Brüder Mark und Jay Duplass, mit denen sie u.a. 2012 den Thriller BLACK ROCK produziert hat, nach einem Buch von Mark Duplass und unter der Regie von dessen Frau Katie Aselton. Romanski hat an mehreren Filmen mitgewirkt, die in den letzten Jahren auf dem FILMFEST MÜNCHEN gezeigt wurden: THE MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER von David Robert Mitchell und THE FREEBIE (beide FILMFEST MÜNCHEN 2010) als Produzentin, sowie LEAVE ME LIKE YOU FOUND ME als Autorin und Regisseurin (FILMFEST MÜNCHEN 2012).

In München präsentiert sie dieses Jahr am Mo. 01.07. um 19:30 h in den Kinos Münchner Freiheit die absurde Horrorkomödie MILO von Jacob Vaughan und diskutiert beim Crowdfunding Panel am Di. 02.07. um 19:30 h in der Black Box mit. Regisseur Jacob Vaughan kommt ebenfalls nach München und steht dem Publikum nach der Vorführung von MILO am Mi. 03.07. um 22:30 h im Filmmuseum Rede und Antwort.

In MILO wohnt ein Dämon im Hintern des Helden - ein, sagen wir mal, ungewöhnlicher Ansatz für einen Kinofilm. Wie hast du dich in dieses Projekt verliebt?

Als Mark Duplass und Jake Vaughan mir MILO gepitcht haben, sagte ich, "Ich lese es, aber es hört sich ziemlich strange an." Ich hatte schon öfters mit Mark gearbeitet und drehte gerade mit Jake BLACK ROCK. Das war ein super Dreh und ich wollte gerne mit ihm weiter arbeiten, deshalb habe ich das Drehbuch gelesen. Es war zum Totlachen. Manche Szenen fand ich zu eklig, aber im Großen und Ganzen haben Jake & Ben Hayes ein tolles Buch geschrieben. Ich musste beim Lesen so lachen, dass ich gar nicht nein sagen konnte. Deshalb bin ich so gerne Produzentin - ich kann von einem Genre zum nächsten springen und mit unterschiedlichen Regisseuren an sehr besonderen Geschichten arbeiten. Ich kann meine Stimme mit einbringen und an einer größeren Bandbreite von Filmen arbeiten, als wenn ich jedes Drehbuch selber konzipieren und schreiben würde.

Teufel in dir: Ken Marino in MILO

David Robert Mitchell war mit THE MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER einer der Publikumslieblinge beim Filmfest 2010 und gewann den "American Indie Preis". Ihr wart Kommillitonen an der Filmfakultät der Florida State University. Wie war das gemeinsame Studium? Habt ihr viel Party gemacht, oder wie habt ihr euch kennen gelernt?

Ich habe David Mitchell 2001 an der Florida State kennengelernt. Ich glaube es was das Drehschlussfest für seinen Abschlussfilm … das ist schon so lang her! Tallahassee war ein ganz besonderer Ort zum Studieren, ich habe dort viele Menschen kennen gelernt, mit denen ich heute noch zu tun hab - unter anderem meinen Ehemann. Wir habe alle gemeinsam Studentenfilme gedreht und ja, gefeiert haben wir auch. Den Großteil der Studienzeit in Tallahassee habe ich in einem großen alten Haus mit lauter anderen Filmstudenten und Künstlern gewohnt (unter ihnen die Schauspielerin Megan Boone). Unsere Feste waren berüchtigt, ja. Sollte ich mir Sorgen machen, wenn mir der Ruf der Florida State als Partyuni bis nach Deutschland vorauseilt?

Amy Seimetz war in MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER und mit THE OFF HOURS beim Filmfest 2011. Kennt ihr euch auch vom Studium in Florida? Seid ihr noch in Verbindung?

Ich kenne Amy auch vom Studium, ja. Sie gehört auch zu diesem Tallahassee-Kreis, mit dem ich immer noch arbeite. (Ich habe bei einem ihrer ersten Regiearbeiten Schnitt gemacht, und sie war in Detroit um mit uns MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER zu drehen). Wir stehen uns sehr nah und sprechen oft. Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder zusammen arbeiten werden.

Myth American Sleepover

Summertime Blues: Claire Sloma in MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER

MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER habt ihr in deiner zweiten Heimat Detroit mit einem Budget von $30 000 gedreht und musstet an allen Ecken und Enden sparen. Das war vermutlich ein ziemliches Abenteuer...

Vor Kurzem habe ich mich wehmütig an den Dreh von MYTH errinnert. Mitchell und ich haben uns zwei Monate lang von Dosenthunfisch und Haferbrei ernährt. Wir haben immer gescherzt, wir würden sicher an einer Quecksilbervergiftung sterben. Wir hatten so wenig Geld, aber Mitchell und ich wollten beide unbedingt diesen Film machen und das war der einzige Weg ihn zu drehen. Von diesem Sommer gibt es viele Geschichten. Es ist ein Nostalgiefilm über Jugendliche in den Sommerferien, und ironischerweise empfinde ich für den Sommer des Drehs auch viel Nostalgie. Das besondere war, dass es für viele im Team der erste lange Spielfilm war. Der erste Dreh hat etwas Magisches - wie der erste Kuss und die erste Liebe. Man steckt noch voller Unschuld und Leidenschaft, die meiste Zeit hat man keine Ahnung, was man da eigentlich macht - alles ist Neuland - man wurschtelt sich halt irgendwie durch. Rückblickend hätten wir sicher vieles anders machen sollen, wenn wir es gewusst hätten, aber ich bin immer noch unheimlich stolz auf diesen Film… also ist er vielleicht genau richtig so wie er ist.

Du hast THE FREEBIE und BLACK ROCK mit Katie Aselton und ihrem Mann Mark Duplass produziert - wird es nicht manchmal ein bisschen zu eng, mit Freunden zu arbeiten? Was machst du wenn jemand dich ärgert, oder einer den anderen übers Ohr haut?

Ich persönlich arbeite sehr gerne immer wieder mit den selben Leuten. Daraus entsteht eine Vertrautheit und ein Vertrauen, das ich sehr schätze - man versteht sich irgendwann fast blind. Man freundet sich unweigerlich mit Kollegen an. Anfangs ist es vielleicht rein professionell, aber irgendwann wird es zwangsläufig persönlich. Wir müssen uns unbedingt in unserer künstlerischen Entwicklung unterstützen und bei jedem neuen Projekt gegenseitig künstlerisch und professionell herausfordern - ich glaube je öfter wir zusammen arbeiten, desto besser werden wir.
Klar gibt es auch mal Streit. Es wird auch vielleicht mal ein bisschen lauter werden. Aber mit den Jahren kommt auch gegenseitiger Respekt und Vertrauen, sogar Liebe zustande. Mit diesen Zutaten kann man sich miteinander auseinandersetzen und streiten, sich dann wieder entschuldigen, gemeinsam ein Bier trinken und an der gleichen Stelle weitermachen.

Die Schauspielerin Megan Boone war letztes Jahr mit LEAVE ME LIKE YOU FOUND ME in München, einen No-Budget-Film, für den ihr mit dem ganzen Team zwei Wochen im Zelt im Sequoia Nationalpark gewohnt habt. Sie hat zugegeben, dass ihr nach zwei Wochen auf dem Campingplatz der Luxus eines Hollywood-Wohnwagens abgegangen ist. Wie hast du das erlebt? Hattest du am Ende die Schnauze voll von Grillwürstchen und Lagerfeuer?

Der Dreh zu LEAVE ME LIKE YOU FOUND ME war schon ein einmaliges Erlebnis. Wir haben wirklich alle in einem großen Zelt geschlafen. Wir mussten selber kochen, abspülen, Feuer machen, das Lager sauberhalten und nebenbei noch einen Kinofilm drehen. Aber ich liebe die Natur.  Campen zählt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, weil ich als Kind nie Campen war.  Ich bin in Florida aufgewachsen, dort ist es das ganze Jahr über zu heiß und schwül um draußen zu übernachten. Als Erwachsene in Kalifornien habe ich mich ins Campen verliebt. Nur draußen in der Wildnis kann ich total abschalten und bin nicht zu erreichen. Das brauche ich einfach ab und zu. Ich würde sofort wieder einen Dreh wie LEAVE ME LIKE YOU FOUND ME machen. Aber beim nächsten Mal würde ich jemanden extra abstellen, um aufs Lager aufzupassen.

David Nordstrom und Megan Boone in LEAVE ME LIKE YOU FOUND ME

Für LEAVE ME LIKE YOU FOUND ME habt ihr auf Kickstarter bei einem Ziel von $5000 insgesamt $10 641 aufgetrieben. Was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne? Wie erreicht man die Leute, wenn sogar schon Hollywoodstars um Aufmerksamkeit buhlen?

Ich bin ein großer Kickstarter-Fan. Ich habe schon 25 Projekte unterstützt und für zwei Spielfilme Geld gesammelt, also finde ich das Konzept offensichtlich gut. Ich mag die Vorstellung, dass ich einem Projekt ein paar Dollar zuschießen kann und wenn genug andere Leute dasselbe tun, wird das Projekt gemacht.

Ein weit verbreitetes Missverständnis über Kickstarter ist der Glaube, dass man viel Geld spenden muss. Wer ein Projekt einreicht sollte keine Riesenbeträge erwarten, und das Publikum muss wissen, dass auch Spenden von $5, $10, oder sogar nur $1 willkommen sind. Die Crowdfunding-Philosophie ist ja, jedes bisschen zählt. Wer das nicht verstanden hat, hat meiner Meinung nach das ganze Konzept nicht verstanden und sollte vielleicht die Finger vom Crowdfunding lassen.

Ich sehe mich auf Kickstarter nicht in Konkurrenz mit irgendwelchen Hollywoodstars. Wer an Veronica Mars oder Zach Braff spendet unterstützt damit deren Projekte, weil er oder sie daran glaubt. Wer an meine Projekte spendet tut das, weil er oder sie an meine Projekte glaubt. Vielleicht gibt es gewisse Überschneidungen, aber es ist keine direkte Konkurrenz. Manch einer findet vielleicht, Promis hätten beim Crowdfunding nichts zu suchen, weil sie auch anderweitig an Geld kommen könnten … aber ich glaube nicht, dass sie irgendwem was wegnehmen.

Ihr entwickelt schon seit etlichen Jahren ELLA WALKS THE BEACH, die Fortsetzung von MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER - wie ist jetzt der Stand der Dinge?

Keine Sorge, Mitchell und ich arbeiten noch an ELLA WALKS THE BEACH! Das Drehbuch ist schon mal wunderschön. Ich glaube an ELLA genauso wie ich an MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER geglaubt habe. Mitchell und ich hatten in letzter Zeit beide anderweitig viel zu tun, aber ELLA ist immer noch in der Mache.

Die Gebrüder Duplass haben kürzlich bei Fox unterschrieben - würdest du dich auch "an Hollywood verkaufen?" Wolltest du schon mal einen Blockbuster drehen?

Aber hallo! Ich würde mich sofort an Hollywood verkaufen...

Interview: Collin McMahon
Nachdruck frei.

Patrick Warburton in MILO