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Freitag, 07.06.2013

Anarcho-Avantgarde: Alejandro Jodorowsky

LA DANZA DE LA REALIDAD und Retrospektive des Psychomagiers

Anarcho-Avantgarde: Alejandro Jodorowsky Foto: Pascale Montandon-Jodorowsky

LA DANZA DE LA REALIDAD läuft in der Reihe CineMasters.

Alle Auftritte von Alejandro Jodorowsky in München finden Sie hier.

Das FILMFEST MÜNCHEN zeigt dieses Jahr eine Retrospektive des multitalentierten Kreativphänomens Alejandro Jodorowsky: Schauspieler, Regisseur, Autor, Comiczeichner, Spiritist und Weltenbummler. Seine Filme waren Vorbild für Nicolas Winding Refn und Marilyn Manson, sein Comic "John Difool" mit Mœbius ist bis heute ein Klassiker. Doch immer wieder musste Jodorowsky gegen große Widerstände kämpfen, um seine Visionen verwirklicht zu sehen. In München präsentiert er seinen ersten Film seit 23 Jahren, den autobiografischen LA DANZA DE LA REALIDAD, und einen Überblick über sein bemerkenswertes Schaffen.

Fando-Lis

FANDO Y LIS

Jodorowsky, geboren 1929, wuchs als Kind jüdischer Einwanderer aus der Ukraine in Tocopilla, einem Provinzstädtchen im Norden Chiles auf. Schon als Kind beschäftigte er sich mit Literatur, Poesie und verbrachte viel Zeit im Kino.

1957 drehte er in Paris seinen ersten Kurzfilm LA CRAVATE, eine 20-minütige Adaption von Thomas Manns Novelle "Die vertauschten Köpfe". Jodorowsky übernahm selbst die Hauptrolle, Jean Cocteau schrieb die Einleitung. Der Film galt lang als verschollen und wurde erst 2006 wiederentdeckt. Sein erster Spielfilm FANDO Y LIS entstand erst zehn Jahre später, 1967 in Mexiko. In ihm beschreibt er in surrealen Bildmontagen die Reise eines jungen Paares in das verheißene Land Tar, in dem alle Wünsche wahr werden. Der Film zog einen großen Skandal nach sich und wurde in Mexiko zeitweise verboten.

Topo

EL TOPO

Seinen Rang als Kultregisseur erwarb sich Jodorowsky mit EL TOPO (1970). Der Acid-Western wurde ein Hit der Mitternachtsschiene in Amerika. Wieder übernahm er die Hauptrolle und spielte einen mexikanischen Banditen und Revolverhelden auf der Suche nach Erleuchtung. John Lennon, der den Film in New York sah, unterstützte daraufhin Jodorowskys nächstes Projekt bei der Finanzierung. Das Resultat - MONTANA SACRA - DER HEILIGE BERG (1973) - festigte seinen Ruf als Kultregisseur. Im Mittelpunkt der komplexen Geschichte steht ein mystischer Alchemist und ein Dieb, der sich mit sieben weiteren Dieben auf die Suche nach dem heiligen Berg macht, um das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen. Die Dreharbeiten riefen religiöse Fanatiker auf den Plan und auch von Seiten der Regierung wurde er unter Druck gesetzt. Jodorowsky floh daraufhin mit seiner Familie und dem Filmmaterial nach New York, wo er seinen Film fertigstellte.

Montana

MONTANA SACRA

Unstimmigkeiten mit seinem Verleiher Allen Klein führten aber dazu, dass beide Filme rund 30 Jahre keine größere Öffentlichkeit erreichten. Jahrelang waren sie nur als Raubkopien zu sehen, wurden dadurch aber zu Untergrund-Klassikern. Die Mischung aus Abenteuer und New Age, seine Bilderflut allegorischer Darstellungen versetzt mit Brutalität und Nacktheit, traf den Zeitgeist. Die Rechtefrage wurde erst 2004 geklärt.

1975 begann Jodorowsky mit der Arbeit an der Verfilmung von Frank Herberts Roman DUNE. Nach Jodorowskys Ideen sollte der Film zehn Stunden lang werden, mit Orson Welles, Salvador Dalí und Gloria Swanson als Darsteller und Filmmusik von Pink Floyd. Als sich die Geldgeber aus dem Projekt zurückzogen, wurde David Lynch mit der Verfilmung beauftragt. Aus Mitschnitten zu Jodorowskys Projektvorbereitungen machte Frank Pavich den Dokumentarfilm JODOROWSKY'S DUNE (2012).

Mit TUSK (1980) widmete er sich anschließend einem komplett neuen Thema. Die Kindergeschichte nach Reginald Campbells Roman "Poo Lorn of the Elephants" erzählt von der Seelenverwandtschaft zwischen einer jungen Britin in Indien und einem Elefanten. Der Film war nur selten zu sehen, Jodorowsky selbst verleugnete ihn lange Zeit.

Sangre

SANTA SANGRE

Erst 1989 drehte Jodorowsky mit dem surrealistischen Horrorfilm SANTA SANGRE (HOLY BLOOD) einen neuen Film. Basierend auf Motiven von Alfred Hitchcocks PSYCHO handelt es von einem Mann, der als Kind miterlebt, wie seine Mutter beide Arme verliert, und als Erwachsener seine Arme für sie morden lässt. Im Jahr darauf folgte THE RAINBOW THIEF mit den beiden LAWRENCE VON ARABIEN Veteranen Peter O'Toole und Omar Sharif in den Hauptrollen. Die ambitionierte surreale Geschichte von Freundschaft und Gier scheiterte an der Kinokasse, danach drehte Jodorowsky 20 Jahre lang keinen Film mehr.

Rainbow Thief

THE RAINBOW THIEF

Basierend auf seiner Autobiographie begannen 2012 schließlich die Dreharbeiten zu LA DANZA DE LA REALIDAD. Neben seiner Familiengeschichte geht er auch auf seine Erfahrungen im Bereich der Spiritualität und Heilkunst ein. Sein Sohn Brontis Jodorowsky ist darin sein Co-Star. Der Film feiert seine Deutschlandpremiere in München. Auch Pavichs JODOROWSKY'S DUNE ist in München zu sehen.

Seine Theaterkarriere begann mit poetischen Akten und Marionettentheater in seiner Heimat Chile. Nach Abbruch seines Studium der Psychologie und Philosophie arbeitete er als Clown und gründete 1947 seine eigene Gruppe, Teatro Mimico, für die er auch als Autor tätig war. In den 50ern studierte er in Paris bei Étienne Decroux und schloss sich anschließend der Gruppe des weltbekannten französischen Pantomimen und Decroux-Schülers Marcel Marceau an, mit der er auf Welttournee ging. 1962 gründete Jodorowsky in Paris mit dem spanischen Dramatiker Fernando Arrabal und dem französischen Künstler Roland Topor die anarchistische Avant-Garde Performance-Bewegung "Mouvement Panique". Der Name leitet sich vom Gott Pan ab und steht für Terror, absurden Humor und Simultanität. In den 1960er und 1970er Jahren rief manche seiner experimentellen, freizügigen und zügellosen Performances und Improvisationen Skandale hervor. 1993 führte er in Italien gemeinsam mit seinen Söhnen das Stück "Opera Panica" auf, es wurde ein großer Erfolg. Seit den 70ern inszenierte er v.a. in Frankreich, Mexiko, Spanien und Italien über 100 Theaterstücke.

Seine Karriere als Comicautor startete 1966 mit der Anibal 5-Serie und dem selbst gezeichneten wöchentlichen Comicstrip "Fabulas pánicas" im El Heraldo de México 1967-1973. "The Incal" (1980-1989) entstand in Zusammenarbeit mit Jean Giraud (Mœbius) und gilt als eines der besten Comics aller Zeiten. Die Science-Fiction-Serie um den Privatdetektiv John Difool beruht auf Entwürfen für das gescheiterte Filmprojekt DUNE. Weitere bekannte Comics sind "Bouncer" illustriert von Francois Boucq, "Juan Solo" und "Le Lama blanc", beide illustriert von Georges Bess, und "Borgia" (2006) in Zusammenarbeit mit Milo Manara. Für "Le Cœur couronné", gewannen Jodorowsky und Jean Giraud 2001 den Haxtur Award.

In Lateinamerika und Spanien ist er zudem ein bekannter Autor. Sein umfangreiches Werk besteht aus Romanen, Kurzgeschichten, Gedichten, Sachbüchern, autobiographischen Texten und Theaterstücken. Auf Deutsch liegt erst ein kleiner Teil vor.

Jodorowsky lebt derzeit in Paris, wo er seine Methode der Psychomagie praktiziert, die sich auf Alchemie, Tarot, Zen Buddhismus und Schamanismus beruft. Zu seiner Form der kreativen Lebensberatung veröffentlichte er verschiedene Bücher und hielt immer wieder kostenlose Séancen mit Live-Demonstrationen und Vorträge.

Als Vorbild führt er u.a. Federico Fellini auf und wird wiederum von Marilyn Manson als Einfluss benannt, dessen Hochzeit mit Dita Von Teese Jodorowsky 2005 vollzog. Nicolas Winding Refn widmete seinem Vorbild Alejandro Jodorowsky seinen Film DRIVE (2011), für den er in Cannes als Bester Regisseur geehrt wurde.

Lesen Sie hier die Pressemitteilung zur Retrospektive Alejandro Jodorowsky.

Cravate

Der junge Jodorowsky in LA CRAVATE