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Montag, 23.06.2014

Die American Indie Party 2014

Von Träumern, Rebellen und anderen Psychopathen

Natalia Dyer in I BELIEVE IN UNICORNS

Dank handlicher Digitalkameras, Crowdfunding und vieler junger Talente erlebt das U.S.-Independentkino eine neue Blüte. Junge Filmemacherinnen wie Leah Meyerhoff und Lola Bessis erobern das Indie-Kino für sich, Meyerhoff diskutiert im Panel Film Fatales - Emanzipation hinter der Kamera über Gleichberechtigung im Filmgeschäft. Etablierte Stars wie Scarlett Johansson, Jon Favreau, Dustin Hoffman und Kirsten Wiig lassen sich auf das Abenteuer Indie-Film und Guerilla-Dreh ein. Dabei scheint es ein wenig so, als wolle man sich im amerikanischen Independentkino derzeit von der Realität abwenden - in romantische Träume, in rebellische Gegenwelten oder auch in abwegige Bewusstseinszustände.

In LITTLE FEET wollen die 7-jährige Lana und der 4-jährige Nico nichts mehr von der Welt der Erwachsenen wissen und machen sich bei ihrer Abenteuerreise durch Los Angeles auf die Suche nach einem Ersatz für ihren toten Goldfisch. Gedreht von Indie-Ikone Alexandre Rockwell mit seinen Kindern (Lesen Sie hier unser Interview mit Alexandre Rockwell.) LITTLE FEET läuft zusammen mit dem Kurzfilm BONESHAKER von Frances Bodomo mit Quvenzhané Wallis, die mit 9 Jahren für BEASTS OF THE SOUTHERN WILD (Filmfest 2012) als jüngste Schauspierlerin aller Zeiten für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert war.

Quvenzhané Wallis in BONESHAKER

Auch Davina (Natalia Dyer) möchte dem tristen Hier und Jetzt entfliehen und sucht in EINHÖRNER (I BELIEVE IN UNICORNS) nach ihrem Traumprinzen. Eine neue Chance erhoffen sich Nina und die anderen Mädchen in UNCERTAIN TERMS, die zusammen in einem Heim leben und mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens hadern. Nathan Silver, der bereits mit seinen früheren Filmen aus einer Mischung aus Fassbinder meets Cassavetes international für viel Aufsehen gesorgt hat, präsentiert mit UNCERTAIN TERMS sicherlich das Eigenwilligste und Experimentierfreudigste, was das Independentkino aus den USA derzeit zu bieten hat.


Regisseurin/Darstellerin Lola Bessis und Dustin Guy Defa in SWIM LITTLE FISH SWIM

Die Geschwister Maggie und Milo, gespielt von den aus der Comedy Show Saturday Night Live bekannten Schauspielern Kirsten Wiig und Bill Hader, wollen in THE SKELETON TWINS Abschied nehmen vom Leben in der Hoffnung auf Erlösung. Dem Ernst des Lebens davonschwimmen, das wünschen sich Leeward und Lilas in SWIM LITTLE FISH SWIM und finden zurück zu ihrer Unbeschwertheit in der Kunst und der Musik. Den Traum, sein eigener CHEF zu sein, träumt Carl Casper, gespielt von Regisseur Jon Favreau selbst (Regisseur von IRON MAN). Er schmeißt im wahrsten Sinne des Wortes das (Küchen-)Handtuch und entwirft mit seiner Crew (Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, John Leguizamo) in seinem neuen Food-Cart  kulinarische Köstlichkeiten.


Emma Roberts und James Franco in PALO ALTO

Weitere große Stars lassen ihre Garderoben und Wohnmobile hinter sich um sich auf spannende Indie-Projekte einzulassen: In THE HARVEST von John McNaughton (HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER; WILD THINGS) spielen Samantha Morton und Michael Shannon Eltern, die ein dunkles Geheimnnis hüten. In YOUNG ONES von Jake Paltrow spielt Shannon an der Seite von Elle Fanning in einem apokalyptischen Endzeitszenario. In BENEATH THE HARVEST SKY verkörpert Aiden Gillen (Kleinfinger in GAME OF THRONES) einen Vater, der die Familienkasse mit Medikamentenschmuggel füllt. DAYS AND NIGHTS mit Katie Holmes, William Hurt, Ben Whishaw, Jean Reno und Michael Nyqvist ist eine Indie-Version von "Die Möwe" von Anton Teschchow. Und PALO ALTO basiert auf den Jugenderinnerungen von James Franco, der einen einsamen Pädo-Sportlehrer spielt.


Michael Pitt und Astrid Bergès-Frisbey in I ORIGINS

Für den Molekularbiologen Ian Gray (Michael Pitt) geht in I ORIGINS ein Traum in Erfüllung als er auf Sofi (Astrid Bergès-Frisbey) trifft und sich in ihre verführerischen Augen verliebt. Aber was, wenn die Annahme der Einzigartigkeit, die Vorstellung, dass Augen der Spiegel der Seele sind, nur Illusion und wissenschaftlich widerlegbar sind? In dem Sci-Fi Drama I ORIGINS, dem offiziellen Abschlussfilm des FILMFEST MÜNCHEN 2014, lässt der Regisseur Mike Cahill die Frage nach Glaube und Fakten, Wissenschaft und Spiritualität filmisch erneut aufleben.

Die Dokus THAT GUY DICK MILLER und VERFÜHRT UND VERLASSEN beleuchten den U.S.-Showbiz von einer Indie-Perspektive. THAT GUY DICK MILLER porträtiert Charakterdarsteller Dick Miller, der seit 1955 Nebenrollen in Filmen wie TERMINATOR und GREMLINS spielt. Und in VERFÜHRT UND VERLASSEN folgen wir Filmemacher James Toback und Alec Baldwin, die in Cannes versuchen Geld für einen neuen Film aufzutreiben - u.a. mit Martin Scorsese, Diane Kruger, Ryan Gosling, Francis Ford Coppola, Roman Polanski und Jessica Chastain.


LET THE FIRE BURN

Weniger träumerisch geht es in zwei politischen Dokumentarfilmen THE OVERNIGHTERS und LET THE FIRE BURN zu, in denen statt eines Rückzugs nur die Rebellion gegen die Wirklichkeit einen Ausweg darstellt. LET THE FIRE BURN zeichnet die Ereignisse nach, die 1985 in Philadelphia dazu führten, dass die afro-amerikanische "MOVE"-Gruppe von der Polizei brutal niedergeschlagen wurde. In dem international mehrfach preisgekrönten Film THE OVERNIGHTERS stellt sich ein Pastor gegen seine Gemeinde, gewährt Männern am Rande der Gesellschaft Unterschlupf und lässt sie buchstäblich zwischen Kirchenbänken hausieren.


Danai Gurira in MOTHER OF GEORGE

Widerstand leistet auch Adenike in MOTHER OF GEORGE. Die junge Nigerianerin in New York wird von dem Druck der Familie ihres Ehemanns, einen männlichen Nachkommen zu gebären, erdrückt und stellt tradierte Rollenbilder in Frage. Regisseur Andrew Dosunmu kommt nach München und stellt den Film selber vor. Wenn in der Coming-of Age-Komödie PING PONG SUMMER Rad sich gegen Lyle auflehnt, dann um ihm zu beweisen, dass er nicht die Alleinherrschaft  über den Jugendclub, dem "Fun Hub", inne hat. Gecoacht von Randy (Susan Sarandon) fordert Rad seinen Gegenpart beim Tischtennis heraus.


Jake Weary und Maika Monroe in IT FOLLOWS

Die beiden bereits jetzt schon zu Kultfilmen avancierten Indies im Programm, IT FOLLOWS und COLD IN JULY, tauchen in die Welt des Genres ein und erzählen spannende Geschichten von Untoten und Psychopathen. Ohne Special Effects, mit einem fantastischen Sound Design ausgestattet, großartig gespielt von Jungschauspielern Maika Monroe, erzählt IT FOLLOWS die Geschichte einer jungen Frau, die nach dem Sex mit ihrem Freund von einem mörderischen Widergänger verfolgt wird. Regisseur David Robert Mitchell gewann 2011 mit THE MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER in München den Indie-Filmpreis. IT FOLLOWS zählte dieses Jahr zu den Hits von Cannes. In COLD IN JULY wird Richard (Michael C. Hall) ebenfalls verfolgt, nachdem er einen jungen Einbrecher aus Notwehr niederschießt. Der Vater des Jungen, der brutale Knacki Russell, schwört blutige Rache (Sam Shepard). Doch ist Russell wirklich der Vater des Jungen - oder wird hier ein böses Intrigenspiel gespielt? Richard macht sich auf, das Geheimnis zu lüften.

Die American Indies 2014 - Come join the party!

-Susana Gomes


Sam Shepard, Michael C. Hall und Don Johnson in COLD IN JULY