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Dienstag, 09.05.2017

Mehr als Krimis und Milieustudien

20 neuen TV-Produktionen als Weltpremieren

Auch ARME RITTER wollen feiern

Die deutsche TV-Landschaft liebt Krimis und bürgerliche Milieustudien. Das zeigt auch die Reihe Neues Deutsches Fernsehen beim FILMFEST MÜNCHEN 2017. Doch von stereotypen Gemeinplätzen sind die 20 Filme, die als Weltpremieren in München zu sehen sind, weit entfernt. Vielmehr zeigen die Beiträge der Reihe, dass hierzulande Fernsehfilme entstehen, welche die ganze Bandbreite der Gattung abdecken: mal schmerzlich und mal humorvoll, von skurill bis tragisch, mit bekannten Namen und neuen Gesichtern, aktuellen Settings und historischen Stoffen. Gemeinsam konkurrieren sie um den von der Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten (VFF) gestifteten und mit 25.000 Euro dotierten Bernd Burgemeister Fernsehpreis.

 


 

Da machen sich Jürgen und Bernd in JÜRGEN- HEUTE WIRD GELEBT in Osteuropa auf die Suche nach der Frau fürs Leben – und werden doch letztlich mit dem Leben selbst konfrontiert. Die beiden verschrobenen Jungs sind eigentlich zu alt für eine Coming-of-Age-Geschichte, aber die Lebensreife kommt eh, wann sie will, manchmal ganz unvermutet früh und schockierend: In ICH GEHÖRE IHM verführt ein Loverboy eine 15-Jährige mit Geschenken – für die sie schließlich mit ihren Diensten für Freier doch selbst und teuer bezahlen muss. In einem anderen Genrebeitrag bringt eine Siebzehnjährige von ihrem Schüleraustausch nicht nur interessante Erfahrungen mit – sondern auch eine Schwangerschaft. Geht es in ELLAS BABY um das Erwachsenwerden und den Beginn eines neuen Lebens, machen die FALSCHEN SIEBZIGER mit dem Sterben einen Reibach: Wer nicht für tot erklärt wird, kassiert schließlich weiter Rente.

Um Geld geht es auch in Paul Harathers Film über die neoliberalen Mechanismen eines modernen Unternehmens, in dem „Abschiedstoleranz gechallenget“ wird und jungdynamische Praktikanten buckeln: DIE FIRMA DANKT. Auch in einer Klinik an der Mecklenburgischen Seenplatte geht es wenig gesundheitsfördernd zu: Ein obskures Antibiotikum stellt die vermeintlichen GÖTTER IN WEISS vor ein medizinisches Rätsel und schwerwiegende Hygieneprobleme. Gegen Schädlingsbekämpfung und eine ungeahnte Rattenplage kämpft auch DER KÖNIG VON BERLIN mit grellem Witz und Mut zum Burlesken. Dagegen sprengt der blanke Horror im Frankfurter „Tatort“ FÜRCHTE DICH das Format des klassischen Fernsehkrimis: Blitze zucken, Nebel wabert noch bis in Krankenhaustoiletten hinein und alle Zuflüchte sind versperrt.

Nicht immer sind Jugendliche Opfer

 

Nur vermeintlich ticken die Uhren im Harz langsamer: ein Dorfpolizist meistert es mit knapper Not, in ein HARTER BROCKEN - DIE KRONZEUGIN zu schützen. Nicht verhindert werden kann der Tod eines Zeugen in VERRÄTER – TOD AM MEER, wo kurz vor der Wende die Stasi den Tod einer Frau als gescheiterten Fluchtversuch in den Westen tarnt. Dagegen spielt ZUCKERSAND in Zeiten, als die DDR noch vor proletarischem Optimismus strotzte – und wo doch zwei Jungen dem Traum verfallen, sich bis nach Australien durchzugraben.

Selbst 1944 beschritten Jugendliche unbeschwert ihren Weg zum Erwachsenwerden – der allerdings von zeitgeschichtlichen Geröllbrocken versperrt wurde, zum Teil mit tödlichen Folgen: Vom sinnlosen Endkampf, in den DIE FREIBADCLIQUE von fünf Jungs eingezogen wird, kehren nur drei zurück.  Noch weiter in der Geschichte zurück greifen DIE PUPPENSPIELER: Hier will ein Klosterschüler Rache an dem Inquisitor üben, der seine Mutter auf den Scheiterhaufen schickte.

Brutalität gegenüber Jugendlichen gibt es aber auch 2017: DER GUTE BULLE kämpft gegen einen gerissenen Entführer und seine eigenen Emotionen an, um eine Reihe verschwundener Mädchen zu retten. Eine alleinerziehende Frau verliert am Meer ihre kleine Tochter und muss sich der Herausforderung stellen, EINE GUTE MUTTER zu sein. Ein guter Vater möchte auch der Altpunk und Gitarrenlehrer sein, dessen Tochter zu den Überlebenden der Katastrophe bei der Duisburger Love Parade 2010 gehört – und die DAS LEBEN DANACH mit ihrer hilflosen Zerstörungswut mehr schlecht als recht bewältigt.

 

Familie ist in unseren Fernsehfilmen kein statisches Gebilde

Familie ist in unseren Fernsehfilmen kein statisches Gebilde

 

Nicht nur Mädchen, auch Jungs haben es schwer: In DER POLIZIST, DER MORD UND DAS KIND muss ein Elfjähriger den Mord des Vaters an der Mutter mitansehen; die Formel LEIDER VERWANDT gilt zunächst auch im Falle des dickschädligen Norddeutschen, der nach zehn Jahren Funkstille von seinem Sohn mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert wird. Aber sind Jugendliche immer nur Opfer? Diese Frage stellt sich in DER SOHN eine Mutter, die einen furchtbaren Verdacht gegen ihr Kind hegt. Und auch als Mid- und Best-Ager ist man vor den Verwirrungen des Lebens nicht gefeit: Ein charismatischer Prediger nimmt mit seiner Frau aus Barmherzigkeit einen drogenabhängigen jungen Musiker auf und entdeckt dabei eine Liebe, die er nicht für möglich gehalten hätte und gegen die keine Gebete helfen: So geht es vielleicht nicht im Himmel zu, aber SO AUF ERDEN.