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Mittwoch, 21.06.2017

JUNGES BLUT

American Indies auf dem FILMFEST MÜNCHEN

JUNGES BLUT

Kyle Mooney: Darsteller und Autor von BRIGSBY BÄR

Schon seit Jahren ist das FILMFEST MÜNCHEN für seine große Auswahl an amerikanischen Independent Filmen bekannt; früher in eigener Sektion, inzwischen gemeinsam mit verwandten Indiefilmen aus aller Welt in unserer Reihe International Independents. Auch in diesem Jahr erwartet sie ein spannender Bogen von sozialpolitischer Reflektion über Beziehungskomödien bis hin zum Künstlerdasein als Gegenentwurf zum Standardleben.

Kürzlich vollendete Filmproduktionen können die Trump-Ära natürlich noch nicht direkt reflektieren, da sie lange vor seiner Vereidigung geschrieben und gedreht wurden. Dennoch kündigt sich im jungen Independent Kino Amerikas schon an, was an sozial- und innenpolitischen Problemen nun erst recht hochkocht. Der Rassismus wird aktuell wieder schlimmer und Polizeigewalt gegen Minderheiten eskaliert weiter.

Zwei Filme gehen dem Thema Rassismus in einem Geflecht von Macht und Armut nach. GOOK spielt im L.A. des Jahres 1992. Die koreanisch-stämmigen Brüder Eli und Daniel verkaufen Schuhe in South Central, einem ursprünglich nur von Schwarzen bewohnten Stadtviertel. Sie ertragen tagtäglich rassistische Anfeindungen. Dann brechen Unruhen in L.A. aus: Nach dem Freispruch der vier Polizisten, die wegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner Rodney King angeklagt waren, toben bürgerkriegsartige Zustände.

Baltimore ist – spätestens seit der Fernsehserie THE WIRE – als Brennpunkt sozialer Spannungsverhältnisse bekannt: Kriminalität, Drogenhandel, Polizeigewalt und Rassismus. Über 60% der Bevölkerung sind hier Afroamerikaner. An die Pfoten der Ratten in Baltimore heftet sich der RAT FILM. Von historischer Betrachtung der Stadtentwicklung über spirituelle Fragen bis hin zur Rattenplage collagiert Filmemacher Theo Anthony ein abwechslungsreiches Stadtportrait.


 Madeline Brewer und Mark Webber in FLESH AND BLOOD


Der semi-autobiographische Film FLESH AND BLOOD zeigt die problematischen Lebensbedingungen, unter denen viele Familien in den USA leiden – jenseits von sozialem Sicherheitsnetz oder Krankenversicherung. Regisseur Mark Webber kehrt als Hauptfigur seines halbdokumentarischen Films aus dem Knast zurück in eine Heimat, die kaum Halt zu bieten scheint. In sensibel und authentisch beobachteten Szenen entfaltet sich das Portrait einer Familie – gespielt und gelebt von der Familie des Regisseurs.

Künstler versuchen immer aus diesem Hamsterrad auszubrechen und finden einen Gegenentwurf - aktuell ist dies erstaunlicherweise in vielen Komödien zu sehen, die wie die Ruhe vor dem Sturm wirken, der sich mit den oben genannten Filmen gerade im amerikanischen Indiefilm ankündigt. BRIGSBY BEAR ist mit Mark Hamill, Andy Samberg und Claire Danes hochkarätig besetzt. Auf verschroben liebenswürdige Art und Weise zeigt der Film, welch identitätsstiftende Kraft Kunst und Film entwickeln können. Ebenso COLUMBUS, in dem die Architektur den beiden sinnsuchenden Figuren Halt gibt und ihnen einen Raum zur Selbstreflektion bietet.

Der Autor David (Wyatt Cenac) müht sich in FITS AND STARTS vergeblich ab, seiner literarisch erfolgreichen Ehefrau (Greta Lee) das Wasser reichen zu können. Während Iggy Pop und Josh Homme sich im Dokumentarfilm AMERICAN VALHALLA gegenseitig an Großartigkeit und Coolness permanent überbieten.


 Greta Lee und Wyatt Cenac in FITS AND STARTS


Auch Multitalent Noël Wells trumpft gleich mehrfach auf dem FILMFEST MÜNCHEN auf: Sie ist selbst mit ihrem Regiedebüt MR. ROOSEVELT zu Gast. Darin spielt sie eine Variation von sich, als Heimkehrerin in Austin, Texas, die ihre verstorbene Katze betrauert und dabei ihrem Exfreund und dessen perfekter neuer Freundin begegnet.

Aber auch in Bob Byingtons absurder Zukunftsvision INFINITY BABY hat es Noël Wells nicht leicht. Als Schutzschild gegen feste Bindungen zu Frauen dient Ben (Kieran Culkin) seine Mutter, keine ist gut genug für die Glucke. Im Job versucht Ben auch das Beziehungsleben von anderen zu erleichtern: mit Stammzellenforschung in Uncle Neos Firma, gespielt vom großartigen Nick Offerman, soll ein pflegeleichtes Baby serienmäßig produziert werden. Wie soll denn Stress in der Familie entstehen, wenn das Kind weder schreit noch öfter als einmal in der Woche gewickelt werden muss.

Lautes Geschrei auch ohne Baby? Jeder Mensch reagiert anders auf Stress, vor allem auf Beziehungsstress. In THE BIG SICK und BAND AID beleben diese beiden Extreme die Liebe von zwei Paaren auf seltsame Weise. Anna und Ben werden von Ihrem Therapeuten auf die Idee gebracht, ihre Streitereien in positive Energie umzuwandeln. Kurzerhand gründen sie eine Band und verarbeiten ihre Auseinandersetzungen in Songs. Regisseurin und Hauptdarstellerin Zoe Lister-Jones nutzt in BAND AID eine scheinbar unüberwindliche Krise und verwandelt sie in Kreativität.


 Zoe Lister-Jones: Autorin, Regisseurin und Darstellerin in BAND AID

Bei dem Comedian Kumail Nanjiani scheitert die Kommunikation mit der neuen Bekanntschaft in Michael Showalters neuem Film THE BIG SICK an ihrer Unerreichbarkeit. Die kulturellen Differenzen zwischen dem gebürtigen Pakistani und der Amerikanerin Emily (Zoe Kazan) scheinen unüberbrückbar. Kumail trennt sich von ihr. Doch kurz darauf fällt sie ins Koma. Überfordert von der Situation und unklar über seine Gefühle für Emily, trifft Kumail auf ihre Eltern.

Gesellschaft, Kultur, Beziehung: Um diese Kernthemen kreist das amerikanische Independent Kino in dieser Saison. Schon im nächsten Jahr könnte eine Welle politischer Satirekeulen durch das Land rollen. Momentan lauschen wir noch auf die feinen, privateren Nuancen und freuen uns über beispielhafte Gesellschaftsportraits.