News

Donnerstag, 08.06.2017

CineMasters: Stunde der Verführer

12 Filme im Wettbewerb um den ARRI/Osram Preis

CineMasters: Stunde der Verführer

EL CHRISTO CIEGO von Christopher Murray

 
Schon gemein, dass sich unsere Beziehungen nicht einfach vom Flow naiver romantischer Gefühle hinwegreißen lassen, zumindest nach dem ersten Bäm! nicht auf Dauer, sondern dass irgendwann sich Strukturen einschleichen, die denen von Wirtschaft und Politik ähneln. Dann geht es nicht mehr um Schmetterlinge im Bauch und die eine wahre Liebe, sondern um das Verhältnis von Geben und Nehmen, um den verdammten evolutionär verankerten Trieb zur (Selbst-)Optimierung, um elende Machtverhältnisse. Also darum, wer im gemeinsamen Film des Lebens eigentlich die Regie führt.

L'INTRUSA von Leonard di Costanzo

 

Nun beherbergt der Wettbewerb CineMasters gerade Kinowerke von nicht nur etablierten, sondern ganz großen FilmemacherInnen, von denen man schon gerne wüsste, wie sie eigentlich arbeiten: diktatorisch streng, weil sie es eh am besten wissen, oder doch eher kreativ chaotisch, gar improvisatorisch, mit Lust daran, den DarstellerInnenn in der Szene das Ruder zu überlassen, was freilich auch zu klaren, wiedererkennbaren Regiehandschriften führen kann. Bei Michael Haneke, einer der Meister in dieser Reihe, lässt sich schon eine starke Stringenz in der, sicherlich liebevollen, Führung des Teams vermuten. Denn seine Filme durchblicken höchst wiedererkennbar, stets ohne viel Schnörkel die Mechanismen zwischenmenschlichen Verhaltens. Allein im Titel seines neuen Werks steckt ein Hauch von Haneke: Seine FUNNY GAMES waren schon alles andere als komisch, LOVE erzählte von Liebe – und Sterbehilfe. Und wenn nun über der Geschichte eines sterbenden Patriarchen HAPPY END steht, ahnt der versierte Kinogänger, dass das Glück und das Ende sich eher ironisch reiben. Oder anders gedacht: Vielleicht ist es besser angesichts all der familiären Zerwürfnisse im Taumel der Interessenskonflikte und des Leidens den Löffel abzugeben – nicht nur für den gealterten Teamchef.

Jean-Luc Godard, Meister aller Meister, hat zuletzt in AUDIEU AU LANGUAGE die Kinocodes, auch jene der filmischen Liebe, mit ewig junger Frische umgeworfen. Ihm hat Michel Hazanavicius eine filmische Hommage gewidmet, jener Hazanavicius, der sich 2011 nach herrlich depperten Agentenfilmparodien mit der Stummfilm-Reminiszenz THE ARTIST gar oscargekrönt in die Reihe der Großen katapultierte. Im Godard-Porträt hat die Revolution der 68er eine erotische, auch zerstörerische Anziehungskraft, der Godards Amour fou mit einer 20 Jahre jüngeren Frau womöglich nicht gewachsen ist. Dazu kommt auch noch eine Krise der Inspiration – zu viel Politik, zu viele der Leidenschaften für LE REDOUTABLE.

HOME von Fien Troch


Der Künstler an sich sieht sich gern im Zentrum der Aufmerksamkeit, oft noch ziemlich genderplatt inmitten von Frauen, die aber immer mehr die roten Erzählfäden in der Hand halten. Der (fiktive) Regisseur in LES FANTÔMES D’ISMAËL sieht sich von zwei Lebensdamen umgeben, eine davon als Geist herumspukend, womit sich ein Beziehungsdreieck ergibt, dessen finale Koordinaten ausgedealt werden müssen. Auf dem Regiestuhl saß der (reale) Autorenfilmer Arnaud Desplechin, der auch das Drehbuch erträumt hat. Und, voilà, der Godard-Darsteller aus Hazanavicius' Film, Louis Garrel erscheint als Geheimagent, Hauptakteur eines Films-im-Film, womit sich die Ebenen hübsch verwirren.

Der Zuschauer will in die Filme hineingelockt werden, die Cinemasters beherrschen, wir gehen davon aus, die Kunst der Verführung und taktieren sich einen. Kleine böse Spielchen spielen die Bewohnerinnen einer Mädchenschule zur Zeit des Sezessionskriegs, besonders perfide, als ein verletzter Soldat auftaucht und allenthalben Begehren weckt. Sofia Coppola hat in DIE VERFÜHRTEN ihre früher eher losen Erzählstrategien in den Dienst eines Thrillers gestellt und prompt den Regiepreis in Cannes gewonnen - da hast du eine Meisterin in der Männerrunde.

DIE SANFTE von Sergei Loznitsa

 

Claire Denis schaut in UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR ebenfalls auf die Politik der Beziehungen, aus Sicht einer Frau in den besten Jahren, die, trotz Verkörperung durch Juliette Binoche, nachhaltige Kuscheleien nicht erzwingen kann. Das blöde Wort Beziehungskrieg wollten wir eigentlich ad acta legen, aber es wird weiter gekämpft, und besonders übel wird es, wenn ein kleiner Junge in LOVELESS zwischen die elterlichen Fronten gerät.

Männer wollen nur das eine, die Frauen das andere oder das gleiche, und in der mexikanischen Tiefebene landet in LA REGIÓN SALVAJE ein Alien, das dieses Tohuwabohu noch mehr durcheinanderbringt. Ja, höhere Mächte sind schon erwünscht! Ein neuer Christus wandelt in EL CRISTO CIEGO durch die Wüste und will Wunder wirken. An sowas glauben die alten und jungen MeisterInnen hoffentlich auch, lassen vielleicht mal die Erzählstrategien fahren für spacige Momente. Denn die Stunde der Verführung, taktisch klug, so attraktiv, kann doch in allen möglichen Tonlagen schlagen.

-Michael Stadler

 

THE DAY AFTER von Sangsoo Hong