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Montag, 12.06.2017

CineVision: Die Welt kommt zu uns

12 internationale Newcomer im Wettbewerb

CineVision: Die Welt kommt zu uns

Noée Abita und Juan Cano in AVA

 

Im Wettbewerb des mit 12.000 Euro für Regie/Produktion dotierten CineVision-Preises, gestiftet von MPLC Deutschland GmbH, stehen die aus unserer Sicht aufregendsten 12 Newcomer des internationalen Kinos. Thematisch mutig, erzählerisch kompromisslos, formal innovativ oder optisch visionär, unser Wettbewerb CineVision möchte außergewöhnlichen neuen Regietalenten und ihren wagemutigen Produzenten ein besonderes Forum bieten. Präsentiert wird eine Auswahl der für uns stärksten Erstlings- oder zweiten Filme aus Chile bis Australien - eine wahre cineastische Weltreise in diesem Jahr!

Beginnen wir mit einer Reise innerhalb der Weltreise: Felipe Barbosa, mit CASA GRANDE bereits 2014 beim FILMFEST MÜNCHEN, begibt sich mit GABRIEL E A MONTANHA auf eine atemberaubende Spurensuche nach Ostafrika. Spuren der Vergangenheit sind auch das erzählerische Herz von Marcela Saids (2013 beim Filmfest mit THE SUMMER OF THE FLYING FISH) chilenischem Gesellschaftsdrama LOS PERROS. Das lateinamerikanische Kino forscht mit starken neuen Geschichten weiter nach den Wunden der eigenen Vergangenheit.

An die Wurzeln des amerikanischen Indiekinos, das traditionell stark vertreten ist beim FILMFEST, erinnert schon rein optisch GOOK von Justin Chon. Der Gewinner des NEXT-Audience-Awards in Sundance ist ein rauer Trip in brüchigem Schwarz-Weiß in die Suburbs von L.A. und spielt während der dortigen Rassenunruhen vor 25 Jahren. Dies allerdings spannenderweise aus einem asiatisch-amerikanischem Blickwinkel.

Florence Pugh in LADY MACBETH


Machen wir einen Sprung nach Südostafrika: Sambia. Die in Wales aufgewachsene Regisseurin Rungano Nyoni, deren familiäre Wurzeln in Sambia liegen, erzählt in I AM NOT A WITCH die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines zur Hexe erklärten Mädchens und gibt einen satirischen Einblick in ein Parallel-Universum, das man so noch nicht im Kino gesehen hat. Nebenbei bemerkt auch eine herrliche Parodie männlichen Popanzgehabes! Großartig weiblich dominiert auch der britische Film LADY MACBETH, Erstling des schon als Theaterregisseur sehr erfolgreichen William Oldroyd, mit der teuflisch eiskalten Schauspielentdeckung Florence Pugh. Im klammen Klima eines viktorianischen Nordwest-England brechen vor dem Hintergrund krasser Gegensätze von Adel und Lumpenproletariat erotische Leidenschaften sich zerstörerisch Bahn. Ein vom Branchenblatt „Variety“ gefeierter emotionaler Hochseilakt.

Aus dem fortdauernd mit einer Vielzahl von jungen Talenten strahlenden Filmland Frankreich erreicht uns ein überwältigender Erstling: AVA von Léa Mysius, vielleicht eine der ganz grossen Entdeckungen des Festivals von Cannes 2017 und für uns einer der Schlüssel-Filme für eines der grossem Themen beim diesjährigen Filmfest „Youth on the Move“. Das Gleiche gilt für A CIAMBRA des Italieners Jonas Carpignano (bereits mit MEDITERRANEA 2015 beim Filmfest). AVA und A CIAMBRA gehören zum stärksten Kino, das für uns das Filmjahr hervorgebracht hat: ein Kino, das optisch besticht, in der Darstellung des sozialen Umfelds unbestechlich authentisch bleibt und das schauspielerisch zentral getragen wird von jugendlichen Outcasts, die einen ganz eigenen Kosmos behaupten!

José Smith Vargas in A FÁBRICA DE NADA


Inszenatorisch nicht minder bestechend ist das portugiesische Werk A FÁBRICA DE NADA von Pedro Pinho. Die Belegschaft eines portugiesischen Fahrstuhlwerks besetzt ihre Fabrik und führt sie in Freestyle-Selbstverwaltung weiter, während der Film in eine Art groteskes Musical kippt.

Aus Russland kommt mit Kantemir Balagovs CLOSENESS eine neue Stimme des Weltkinos, mit der zu rechnen sein wird. Seine persönlich inspirierte Geschichte spielt in der abgelegenen nördlichen Provinz Naltschik in einer jüdischen Familie, umgeben und bedroht von muslimischen Sektierern. Politisch brisant ist auch PARTING, ein Erstling des Iraners Navid Mahmoudi, in dem er vom Alpdruck einer Minderheit von afghanischen Flüchtlingen im heutigen Iran erzählt, „Flüchtlingen“ auf der Durchreise in unser begehrtes Europa gewissermassen.

Ashley Cummings in HOUNDS OF LOVE


Mit einem völlig anderen Zeitmaß führt uns der junge Chinese Wang Xuebo in KNIFE IN THE CLEAR WATER in eine kontemplative und mythisch entlegene Welt. Ein wunderbares Beispiel wie das Politische im Privaten verborgen sein kann, sozialer Sprengstoff im traditionsbestimmten ländlichen China. Ein alter Mann will seinen geliebten Stier, den er opfern soll, entgegen althergebrachter Tradition am Leben halten.

Unsere cineastische Weltreise endet mit einem auf einem historischen Fall beruhenden veritablen Alptraum. HOUNDS OF LOVE ist ein beklemmender Genre-Thriller der dunkelsten Art, dem man sich in seiner inszenatorischen Dichte kaum entziehen kann – eine Reise in die Nacht perverser Begierden und Sehnsüchte. Nichts für schwache Nerven!

-Bernhard Karl

 

Der Gewinnerfilm des CineVision Wettbewerbs wird am Samstag, 01.07.2017 um 22:30 Uhr im Rio 2 wiederholt.

Fereshteh Hosseini in PARTING