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Freitag, 09.06.2017

Texas Manic Pixie Dream Girl

YouTube Star Noël Wells mit MR. ROOSEVELT in München

Texas Manic Pixie Dream Girl

Noël Wells in MR. ROOSEVELT


Noël Wells wurde 1986 in San Antonio, Texas geboren, als Tochter eines tunesischen Vaters und einer halbmexikanischen Mutter. Sie studierte Funk und Fernsehen an der Kreativwerkstatt von Texas, der Universität von Austin, begann schon im Studium Sketchcomedy zu machen und zog 2010 nach Los Angeles, um Schauspielerin zu werden. Für die Hollywood-Caster drehte sie ein Video mit ihren Impressionen von Promis wie Kristen Stewart, Mary-Kate Olsen, Britney Spears u.ä. Während sie auf Castings wartete stellte sie das Video auf YouTube, wo es plötzlich viral ging. Sie drehte mit Freunden weiter YouTube Videos, u.a. den Duschsketch "sequence_4", der mittlerweile fast 10 Millionen Klicks hat. Dank ihrem raketenhaften YouTube-Erfolg wurde sie von Sketch-Plattformen wie Cracked.com und CollegeHumor engagiert, wo sie Figuren wie die beängstigend quirlige "Manic Pixie Dream Girl" schuf und damit YouTube-Geschichte schrieb.

Daraufhin wurde sie 2013 von US-Comedy-Oberligist SATURDAY NIGHT LIVE engagiert und spielte u.a. mit Tina Fey in der Lena-Dunham-Parodie "Girls". Das Engagement beim Comedy-Schlachtross "SNL" währte aber nur eine Saison, ein Rückschlag, den Wells erst mal verdauen musste. In 2015 wurde sie von Aziz Ansari als Rachel in seiner vielgelobten Netflix-Comedy MASTER OF NONE besetzt, der 2016 für vier Emmys nominiert wurde und "Bestes Comedydrehbuch" gewann. Von MASTER OF NONE läuft gerade die zweite Staffel auf Netflix. Auf dem FILMFEST MÜNCHEN präsentiert die 30-Jährige ihren ersten Spielfilm MR. ROOSEVELT, bei dem sie das Drehbuch schrieb, Regie führte und die Hauptrolle spielte.

Du zeigst in München MR. ROOSEVELT über eine aufstrebende Jungschauspielerin, die mit einem viralen YouTube Video berühmt geworden ist, und nach Austin, Texas zurückkehrt, wo sie studiert hat, um ihre Katze zu beerdigen, die sie bei ihrem Ex-Freund gelassen hat. Klingt alles ziemlich autobiografisch. Gab es die Katze wirklich?  Den Ex-Freund?

Ich würde sagen, alles was im Film passiert, ist mir in gewisser Weise auch passiert. Trotzdem ist alles frei erfunden. Aber die Katze, der Ex-Freund, die kreativen Zweifel, das Versagen und die Angst, oben ohne meine Titten in der Öffentlichkeit zu zeigen, sind alles Variationen der Wirklichkeit.

Ist es nicht ein seltsames Gefühl, für dich selber Regie zu führen, während du dich selber spielst? Macht einen das nicht verrückt?

Seit meiner Studienzeit filme ich mich selber und schneide das. Es ist also nichts Neues für mich, mir selber zuzusehen, alles Scheiße zu finden, was ich mache, mich trotzdem durchzubeißen und einfach Geschichten zu erzählen. Im Schnitt waren das dann zwei verschiedene Personen für mich: Einerseits die Figur "Emily" – so in dem Stil, "Sowas würde Emily nicht tun, so ist sie nicht", oder "wir brauchen einen Take, in dem Emily folgendes macht", "es gefällt mir, wie zerzaust Emily in diesem Take aussieht", und andererseits die Schauspielerin "Noël", so wie, "Igitt, Noël, warum hast du in dieser Szene mit der Figur gebrochen, warum macht Noël das mit ihrer Hand, sowas würde Emily nicht tun, Noël." Und dann betrachte ich mich auch noch von Außen als Regisseurin, kritisiere, was ich regiemäßig getan oder nicht getan habe, wie ich der Figur Emily oder der Schauspielerin Noël und der jeweiligen Szene nicht gerecht wurde. Ich bin wohl ein bisschen schizophren.

Als Kristen Stewart

 

Du bist eher zufällig mit deinen Impressionen von weiblichen Promis auf YouTube berühmt geworden. Dein Kanal hat jetzt über 18,5 Millionen Klicks. Was ist das Geheimnis? Hast du Tipps für aufstrebende YouTuber?

Ich kann keine Tipps geben, weil ich nie YouTuber werden wollte und auch nicht davon lebe. YouTube war für mich einfach immer nur eine Plattform, Dinge hochzuladen, die ich machen wollte, wie ein Vorführraum, wo jeder vorbeigucken kann. Allgemein würde ich jedem, der kreativ tätig sein will, raten: Sei du selbst, sei mutig genug es anderen zu zeigen, aber nicht eingeschnappt darüber, was dann damit passiert.

Du hast mal gesagt, deine Lieblingsvideos sind die, in denen du dich über das Internet lustig machst. Du nennst das "Comedy Art". Kannst du uns ein Beispiel geben?

Es klingt vielleicht komisch, aber ich trolle Leute gerne. Es geht mir darum, Erwartungen auf den Kopf zu stellen und zu sehen, was passiert. Mein Freundin Molly Green und ich nannten meine "Toxische Duschsequenz" sequence_4.mov "Comedy Kunst"... Sogar der Name war Teil des Witzes. Wir haben diese Tanz-Karaoke-Videos gemacht, die von außen vielleicht sehr bedacht wirken, aber wir hatten gar kein Ziel, wir wollten nur etwas machen. Als wir sequence_4 gedreht haben, dachten wir, "OK, die Leute sehen ein Thumbnail von einem Mädchen unter der Dusche und klicken es deswegen an, aber dann übergießt sie sich in der Dusche mit widerlichen Fressalien und das ist so unerwartet, dass es lustig ist." Dann mussten wir uns nur noch überlegen, wie wir die Reihenfolge der verwendeten Lebensmittel dramaturgisch steigern können.

sequence_4

 
Wir dachten, das klicken vielleicht 500 Leute an. Das war das Abgefahrenste dran. Wir haben nie erwartet, dass das irgendjemand sieht, außer ein paar notgeile Typen, die auf unser Clickbait reinfallen. Jetzt hat das Millionen von Klicks und die Leute interpretieren alles Mögliche hinein: Dass wir möglichst viele Klicks wollten, die Menschen aufreizen wollten, unbedingt berühmt werden wollten. Aber Molly und mir war nur langweilig, wir wollten uns gegenseitig zum Lachen bringen. Was dann passiert ist war etwas beängstigend, weil man plötzlich total im Rampenlicht stand. Man hat mir auch gesagt, ich soll das Video lieber wieder entfernen, aber ich sagte mir Nein, ich darf mich nicht für meine Sachen schämen... man muss einfach damit leben, es ein bisschen von Außen betrachten und es sich nicht zu Kopf gehen lassen.

In einigen deiner besten YouTube Videos hast du nach der Hälfte des Videos scheinbar einen Nervenzusammenbruch vor der Kamera. Der Humor entsteht aus dem Fremdschämeffekt und ist fast schmerzhaft. Tut Comedy weh? Ist Schmerz lustig?

Ich kann gar nicht sagen, was lustig ist und was nicht, denn es gibt so viele Menschen, die glauben zu wissen was witzig ist, aber ich finde sie überhaupt nicht komisch. Mir ist am Wichtigsten, dass die Dinge sich wahrhaftig anfühlen. Lachen ist für mich ein Ventil, bei dem etwas nach außen tritt, das man in sich getragen hat, eine Reaktion auf etwas, das verborgen bleiben soll und ans Licht kommt. Deshalb ist es vielleicht lustig, wenn jemand einen Nervenzusammenbruch hat, weil das etwas ist, dass wir normalerweise nicht zeigen. Wenn wir dabei zusehen können wie jemand die Krise kriegt und es einfach nicht mehr packt, ist es lustig, weil ihr wirkliches Ich ans Licht kommt. Ich glaube, es ist witzig, seine Schattenseiten zu zeigen, vor allen Leuten. Aber ich weiß es nicht genau.

Du sagst, du improvisierst nicht gerne, aber bei MASTER OF NONE hast du mit Schöpfer und Hauptdarsteller Aziz Ansari viel improvisiert. Liegt das einfach an der richtigen Chemie, oder was war der Unterschied, schauspielerisch? Improvisiere deine Antwort. Los!

Tja, ich glaube Impro und Comedy sind einfach unterschiedliche Bereiche. Ich kann diese Art von pop-referentieller Impro nicht sehr gut, mit lauter Zitaten und Filmanleihen und Witzen, weil ich mich da einfach nicht so gut auskenne und nicht mithalten kann. Manche können das toll. Ich nicht. MASTER OF NONE war für mich einfach bodenständiger, die Figur Rachel war jemand die ich sehr gut verstehen konnte. Deshalb konnte ich also mehr improvisieren und mir Jokes ausdenken, die zur Figur passen. Rachel ist selber keine geniale Komikerin, deshalb muss sie auch nicht eine Schote nach der anderen raushauen. Das passt einfach nicht zu ihr. Letztendlich musste ich wohl einsehen, dass ich Impro doch kann, solang es etwas ist, was ich kenne. Ich glaube, ich kenne die Menschen und wie sie ticken ganz gut.

 

Mit Aziz Ansari in MASTER OF NONE


In MASTER OF NONE sagt Aziz, "Schauspieler casten eigentlich nicht mit YouTube Videos". Ist das ein Seitenhieb auf dich? Hat er recht? Kann YouTube einer seriösen Schauspielerkarriere auch schaden?

Ich glaube nicht. Wenn du Kackvideos machst, vielleicht, oder bei Leuten die sehr kritisch eingestellt sind. Aber wenn du gute Sachen ablieferst und dich immer weiter entwickelst, kann dich meiner Meinung nach nichts aufhalten.

Du entwickelst mit deinem Lebenspartner, dem Autoren Flint Wainess, die Comedyserie BAD COUPLE für Comedy Central, die aber seit zwei Jahren in der Entwicklung feststeckt und jetzt umgeschrieben wird. Belastet sowas eine Beziehung? Oder steckt ihr das einfach weg?

Keine Beziehung ist perfekt, und es ist nicht immer leicht oder lustig, zusammenzuarbeiten. Aber Flint und mir geht es in allererster Linie um die Komik, und das schweißt uns zusammen. Diese Welt ist zu bescheuert, um nicht drüber zu lachen. Bei jedem Streit, den wir haben, jedem Rückschlag, retten wir uns meistens, indem wir sagen, "Hey, weißt du was lustig wäre...?"

Warum wolltest du MR. ROOSEVELT drehen? Wie war der Umstieg vom Sketch zum Langfilm für dich?

Ich bin einfach gerne kreativ tätig. Ich wollte schon immer Regie führen, das war schon immer mein Ziel. Einen Langfilm nach den ganzen Sketchen zu machen ist so etwa wie eine LP aufzunehmen statt einzelne Songs. Ein Film ist letztendlich nur eine Reihe von Szenen und Sequenzen, die man zu einer Geschichte zusammenwebt, die man selber gerne sehen würde, genauso wie man bei einer Platte lauter Songs in ein Ganzes gießt. Ich brauchte nur genug Selbstvertrauen, um diesen Schritt zu gehen.

Du hast auf Kodak 16mm gedreht. Warum? War es die Mühe wert?

Es gab viele Gründe. Die einfache Antwort lautet, ich fotografiere schon seit Jahren auf 35mm Standbild und habe keine Berührungsängste. Außerdem wollte ich einen anderen Look wie die meisten Indie-Filme, die alle auf den selben Digicams gedreht werden. 16mm hat eine etwas andere Textur als 35mm, es hat mehr Ecken und Kanten. Es sieht toll aus, aber fühlt sich immer noch roh und wild an. Ich wollte nicht, dass der Film zu glatt daherkommt, er sollte sich nach der Figur und auch nach mir als Erzählerin anfühlen.... Ich bin kein supertoller Filmemacher und hab auch nicht die teuerste Ausrüstung, und ich will auch nicht mit irgendwelchen extravaganten Kamerafahrten angeben. Ich wollte nur EINEN FILM DREHEN, der zugleich realistisch und kinomäßig sein sollte.

Warst du schon mal in Europa? Worauf freust du dich in München?

Ich habe jetzt zum ersten Mal in meinem Leben einen Reisepass beantragt, und war bisher nur in Kanada! Ich freu mich also riesig auf Europa!

Danke schön!

-Interview: Collin McMahon

 

 

Mit Tina Fey bei SATURDAY NIGHT LIVE