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Montag, 26.06.2017

Wir bleiben alle!

Lateinamerikas Kino, das Vergessene und das Verdrängte

Wir bleiben alle!

Antonia Zegers und Alfredo Castro in LOS PERROS

 

Den „Vergessenen“ widmete einst Luis Buñuel seinen Film LOS OLVIDADOS, der rasch zu einem Gründungswerk des neuen lateinamerikanischen Kinos wurde. Gerade heute, 66 Jahre später, ist dieses Meisterwerk über die Ausgegrenzten und aus dem bürgerlichen Bewusstsein Verdrängten in den Slums von Mexiko-Stadt von einer ungekannten neuen Präsenz. Die Elendsviertel und die Klassenunterschiede sind gewachsen, die gescheiterten Heilsversprechen des Neoliberalismus und seiner linkspopulistischen Widerparts haben ein Heer von Abgehängten geschaffen. Parallel ist das Verdrängen und Vergessen zu einem Leitmotiv des heutigen Filmschaffens geworden.

Seine Schauplätze sind meist die Peripherie, fern der Metropolen oder außerhalb der schmucken urbanen Zentren. So in Venezuela, das inmitten der wohl gravierendsten Krise in der Geschichte des Landes die bislang größte Blüte eines künstlerischen Autorenkinos erfährt. In Gustavo Rondóns Debüt LA FAMILIA über die Flucht eines Halbwüchsigen und seines Vater vor der Lynchjustiz ihres Viertels erfahren die Jugendlichen aus Buñuels Meisterwerk in den desolaten Vorstädten von Caracas ihre heutige Verkörperung im „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Von dessen Erfolgen für die populären Klassen ist in diesem Film ebenso wenig zu spüren wie in Jorge Thielen Armands Erstling LA SOLEDAD. Drehort ist hier die einstige Luxusvilla der Familie des Regisseurs, heute eine bewohnte Ruine, Auffangort für von Obdachlosigkeit Bedrohte, die als Mikrokosmos die Ausweglosigkeit einer ganzen Gesellschaft vorführt. Wenig Hoffnung auf die staatlichen Institutionen verheißt auch EL AMPARO, wo die Angehörigen der Opfer eines irrtümlich von den Militärs angerichteten Massakers im Amazonas bis heute für Strafverfolgung der Täter kämpfen – und erst von Rober Calzadilla wieder in die Erinnerung einer größeren Bevölkerung gerufen werden.


 Samantha Castillo in EL AMPARO


In Brasilien widmet die Regisseurin Eliane Caffé in ERA O HOTEL CAMBRIDGE einer Gruppe von Marginalisierten eine Hommage, die gemeinsam das ehemalige Hotel Cambridge in São Paulo besetzt haben: Brasilianische Obdachlose ebenso wie Entwurzelte aus den Kriegen des Nahen Ostens, die nach dem Motto „Wir bleiben alle!“ gegen die Räumung kämpfen – und zugleich die sogenannte „Flüchtlingskrise“ in ihrer globalen Reichweite zeigen. In Fellipe Barbosas GABRIEL E A MONTANHA macht sich umgekehrt ein solidaritätsbewegter Oberschichten-Sohn auf, um den „vergessenen Kontinent“ Afrika als nachhaltiger Traveller zu erkunden – und dort an seinen eigenen Widersprüchen zu scheitern. Mit A DESTRUIÇÃO DE BERNARDET setzen Cláudia Priscilla und Pedro Marques einer Ikone der Gegenkultur ein Denkmal, dem Filmkritiker Jean-Claude Bernardet. Von der Militärdiktatur und der Filmindustrie wurde er einst an den Rand gedrängt und erlebte dann ein widerständiges Revival als Schauspieler.

Mit vier starken Filmen festigt Chile seinen Rang als heimliches neues Zentrum der lateinamerikanischen Filmavantgarde. Der junge Regiemeister Christopher Murray gibt in EL CRISTO CIEGO einer Gruppe von Laien aus einer entfernten Nordprovinz, die im Film ihre eigene Geschichte vortragen, eine Stimme und verbindet sie in einem Drama um religiöse Erweckung und verlorene Illusionen. Niles Atallah begibt sich in REY zu den indigenen Vergessenen des Südendes dieses über 4.000 km langen Landes und ruft dabei zugleich das vergessene, von Mapuche-Stämmen gegründete „Königreich von Araukanien und Patagonien“ und dessen selbsternannten französischen Herrscher wieder ins Gedächtnis. Marcela Said führt in LOS PERROS die selbstgerechte Amnesie der chilenischen Bourgeoisie im Umgang mit den oft bis heute nicht aufgeklärten Morden der Pinochet-Diktatur vor. Und Alicia Schersons und Cristian Jiménez’ erste Co-Regie FAMILY LIFE folgte in den gentrifizierten Vierteln der „Bobos“ von Santiago de Chile einem Mann, der seine eigene Lebensgeschichte zum Vergessen bringen und durch eine neue, fiktive ersetzen möchte.


 João Pedro Zappa in GABRIEL E A MONTANHA


Paz Encina aus Paraguay – ein Land ohne Filmförderung und quasi ohne Filmindustrie – kämpft in ihrem poetischen Essay EJERCICIOS DE MEMORIA in Form einer titelgebenden filmischen „Gedächtnisübung“ gegen das Vergessen der 35 Jahre dauernden Stroessner-Diktatur, deren Verbrechen in Deutschland noch immer quasi unbekannt sind, obwohl sie von hier tatkräftig unterstützt wurde. Insbesondere aus der Filmfest-Stadt München: Die CSU-Regierung unter Ministerpräsident Goppel machte Stroessner 1973 zum Träger des Bayerischen Verdienstorden – und Bayern so zum Mitverantwortlichen des von ihm verübten Genozids.

Aus Cuba kommt mit SANTA Y ANDRÉS eine eindrucksvolle Independent-Produktion, die Carlos Lechuga ohne die Mittel und ohne die Zensurmechanismen – des staatlichen Filminstituts ICAIC produziert hat. Auf dem Weg der berührenden Portraits eines in die Berge verbannten homosexuellen Schriftstellers und einer zusehends zweifelnden Vertreterin des Parteikomitees bringt er zum ersten Mal in aller ungeschminkten Schärfe Fidel Castros Schwulen- und Dissidentenverfolgungen aus den 70er- und 80er-Jahren auf die Leinwand. Und setzt damit einer Generation von aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängten Künstlern ein Denkmal.


 Daniel Hendler in EL OTRO HERMANO


Beim FILMFEST MÜNCHEN gilt es dieses Jahr eine große Zahl an Neuentdeckungen und Filmdebüts zu erkunden. Zugleich aber zeigt das diesjährige Filmfest auch die neuen Werke zweier der großen Figuren des lateinamerikanischen Films: Israel Adrián Caetano brachte 1998 mit BIRRA PIZZA FASO als einer der ersten die erfrischende neue Welle des Latino-Kinos ins Rollen und wirft nun mit EL OTRO HERMANO, der Adaption des Kultromans „Unter dieser furchterregenden Sonne“ von Carlos Busqued, einen grotesk-rabenschwarzen Blick auf den nordargentinischen Chaco – und erschließt dabei eine vom Kino bislang weitgehend übersehene Filmregion. Und – last but not least – der CineMasters-Gewinner des Jahres 2013, Amat Escalante („Heli“). Mit seinem in Venedig preisgekrönten Drama LA REGIÓN SALVAJE schafft er eine einzigarte Kreuzung aus ungeschminktem sozialem Realismus und Science-Fiction. Die titelgebende „wilde Region“ der menschlichen Triebe entlädt sich metaphorisch in phantastischen Elementen. Ein ebenso reifes wie ungewöhnliches Werk eines Regisseurs, der mit Ende 30 bereits zu den Meistern des Weltkinos gehört.

Florian Borchmeyer

 

Zum Thema Lateinamerika finden auch zwei FILMMAKERS LIVE! Diskussionen im Gasteig statt:

ÄSTHETIK UND WIDERSTAND: NEUES KINO AUS LATEINAMERIKA UND PORTUGAL findet Montag, 26.06.2017, 15:30 Uhr (90 Min.) im Gasteig Carl-Amery-Saal statt. Auf dem Panel erwarten wir: Eliane Caffé (ERA O HOTEL CAMBRIDGE), Carlos Lechuga & Claudia Calvino (SANTA Y ANDRÉS), Niles Atallah (REY), Pedro Pinho (A FÁBRICA DE NADA)

KUNST UND KRISE: NEUES KINO AUS LATEINAMERIKA Donnerstag, 29.06.2017, 15:30 Uhr (90 Min.) im Gasteig Carl-Amery-Saal. Als Gäste erwarten wir Julio Hernandéz Cordón (ATRÁS HAY RELÁMPAGOS), Rober Calzadilla (EL AMPARO), Fellipe Gamarano Barbosa (GABRIEL E A MONTANHA).

Der Eintritt zu FILMMAKERS LIVE! ist frei. Bitte sichern Sie sich rechtzeitig Ihre Einlass-Tickets – direkt hier im WebShop oder an unseren Filmfest-Kassen.