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Montag, 03.07.2017

SCRIPTED REALITY ROMCOM

Ein fiktives Interview, oder: auf missglückter Zeitreise mit Bryan Cranston

SCRIPTED REALITY ROMCOM

Bryan Cranston bei FILMMAKERS LIVE!

„München verliebt: in Bryan Cranston“ – so könnte die neueste Romanze des Kinosommers heißen. Denn der Besuch des Hollywoodhelden, der auf dem Filmfest München mit dem CineMerit Award geehrt wurde, gestaltete sich als eine Art ‚Reality Romcom‘, eine romantische Komödie aus dem wahren Leben; oder vielleicht doch eher ein Scripted Reality Format, also eine für die und von der Filmwelt inszenierte Lovestory. Wie dem auch sei: Fakt ist, dass der Amerikaner die Herzen im Sturm eroberte – und das nicht nur mit seinen Arbeiten, die auf dem Festival gezeigt wurden: von seinen Serienerfolgen MALCOM MITTENDRIN und BREAKING BAD über die Kinofilme TRUMBO (2015), ALL THE WAY (2016) und THE INFILTRATOR (2016) bis zur Vorstellung seines neuesten Werks Wakefield. Insbesondere im direkten und persönlichen Umgang verzauberte er die Münchner, beinahe mehr als die kühle Sofia Coppola, die das Publikum dafür mit ihrem in Cannes preisgekrönten Südstaaten-Thriller The Beguiled verführte.

Einen Eindruck des charmanten Menschenfängers Bryan Cranstons vermittelt sein FILMMAKERS LIVE-Auftritt am 24. Juli in der Black Box des Gasteig München. In diesem Format stehen mal nicht die Werke, sondern die Macher im Zentrum des Interesses und plaudern mit dem Publikum aus dem Nähkästchen ihres Lebens und Schaffens. Mit Cranston auf der Bühne waren Programmerin Sofia Glasl und Malco Solf vom Seriencamp München, also zwei erfahrene Filmmenschen, vorbereitet mit einer Phalanx an guten Fragen. Allein – Cranston ist ein Showprofi und eine Rampensau; einer, der das Spotlight auf sich zieht, ohne zu posen; einer der mit professioneller Nahbarkeit unterhält und mit spontanem Witz Geschichten spinnt. Ein Entertainer also, der keine Fragen braucht, um eine Gesprächsrunde mit Inhalten zu unterhalten.

Augenscheinlich wurde diese Gabe besonders, weil Malco Solf in der Anmoderation das Konzept der Fragestunde vorstellte: Man wolle mit Bryan Cranston eine Zeitreise unternehmen und ausgehend von Fragen zu seiner Vergangenheit, über einen Zwischenstopp in der Gegenwart, zu den zukünftigen Plänen des Schauspielers und Regisseurs gelangen. Ein stimmiges Konzept – doch Cranston durchkreuzte diese Pläne, indem er frei parlierte und als Geschichtenerzähler das Publikum verführte.

Gute Zeiten, Schlechte Zeiten

Startpunkt der geplanten Zeitreise: die Vergangenheit. Sofia Glasl fragte nicht nach Hal – dem skurrilen Familienvater aus Malcolm Mittendrin und auch nicht nach Walter White – den Drogen kochenden Chemielehrer, der seine berühmte Transformation zum Schlechten erlebt: Breaking Bad. Vielmehr interessierte sie sich für die reale Vergangenheit Bryan Cranstons und konkret, inwiefern seine Familie den Entschluss gefördert habe, Schauspieler zu werden. Der erste Grund, den Cranston nannte, war noch wenig bemerkenswert:

„Meine Eltern haben sich in Hollywood getroffen, verliebt bei einer Schauspielklasse. Mein Vater arbeitete dann einige Jahre einigermaßen erfolgreich fürs Fernsehen und Radio; meine Mutter wurde Hausfrau und hat das immer bedauert. Frauen dieser Generation hatten es schwer angesichts der männlichen Dominanz.“

Bereits hier zeigt sich die Gabe Cranstons: Aus einer naheliegenden Antwort – in diesem Fall à la „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ – kommt er auf ein umfassenderes und ungleich interessanteres Thema zu sprechen: die weibliche Emanzipation beziehungsweise männliche Dominanz, auch im Filmgeschäft. Ganz der Geschichtenerzähler, baut der Schauspieler im Fortgang einen dramatischen Wendepunkt seiner Story ein:

„Die Kindheit war zunächst eine gute Zeit, aber dann wendete sich alles zum Schlechten: Mein Vater verließ uns und meine Mutter wurde zur Trinkerin. Ich und meine beiden Geschwister blieben nach dieser fundamentalen Erschütterung verwirrt zurück – in der Obhut unserer deutschen Großeltern.“

Bryan Cranston weiß, wie man Menschen umgarnt und ihre Aufmerksamkeit fesselt – wie hier durch die Erwähnung seiner deutschstämmigen Verwandtschaft. So stellt man Bindung zum Publikum her; das weiß man spätestens seit John F. Kennedys geschichtsträchtigem Satz „Ich bin ein Berliner“, der dem toten Präsidenten in Deutschland bis heute zu Verehrung verhilft.

 


Bryan Cranston in WAKEFIELD

 

“You Can't Always Get What You Want”

Bryan Cranston, der glänzende Unterhalter, weiß um dramaturgische Finessen: Aus einer einfachen Antwort spinnt er eine dramatische Geschichte von Abstieg und Wiederaufstieg, die mit einer direkten Ansprache des Münchner Publikums endet – dem Aufruf seiner deutschen Großeltern, denen er durch Anekdoten Kontur und Farbe verleiht:

„Mein Großvater, Arthur Wilhelm, war ein Bäcker aus Hamburg, der bereits vor dem 1. Weltkrieg in die USA ausgewandert ist. Wir liebten unsere Großeltern, aber wir wollten nicht bei ihnen leben, weil sie ziemlich streng waren… – Können Sie glauben, dass die Deutschen streng sind?“

Wieder sichert sich Cranston Lacher und Sympathien, indem er das Publikum direkt adressiert und seine Geschichte als Coming-of-Age-Drama inszeniert. In dieser schweren Zeit, so Cranston, habe er Demut gelernt: „You Can't Always Get What You Want” – und auch diese Lektion erweckt der geschichtenerzählende Schauspieler mit plastischen Anekdoten zum Leben:

„Tatsächlich brauchten wir damals Disziplin und unsere Großeltern haben uns ein sehr geerdetes Arbeitsethos vermitteltet. Dazu gehört das Schlachten von Hühnern, die ich als Elfjähriger köpfen musste – mit dem bekannten Effekt... Aus dieser Erfahrung nahm ich die Lehre mit, nicht um der Arbeit willen zu arbeiten, sondern aus Liebe zur Arbeit: The thing I love to do, called acting.“

Cranston erzählt diese Geschichte nicht einfach, sondern er spielt und performt seine traumatische Erfahrung als Chicken-Killer, erzeugt tragikomische Bilder vom blutspritzenden Schlagen kopfloser Hühnerflügel – und damit Kino im Kopf. Kann man das lernen, oder ist es eine angeborene, instinktive Gabe?

„Rich is better“

Wann, will Malco Solm wissen, habe Bryan Cranston gewusst: er hat es geschafft. Auch hier zeigt sich der heutige Weltstar geeicht und geerdet:

„Der bis heute stolzeste Moment meiner Karriere ist, als ich mit 24 Jahren feststellte, dass ich von kontinuierlicher Schauspielarbeit leben kann. Heute weiß ich nicht einmal, was ich verdiene. Das ist aber keinem mondänen Geld-spielt-keine-Rolle geschuldet, denn ich war arm und ich war reich und weiß deshalb: rich is better.“

So erntet man Lacher – und dieses komödiantische Zug ist kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit: Cranston legt jedem Schauspielaspiranten die Beschäftigung mit Improvisation und Stand-up-Comedy nahe. Diese Praxis habe ihn von Seinfeld über Malcolm Mittendrin zu Breaking Bad und schließlich bis auf den roten Teppich des Filmfests in München gebracht. Das Erfolgsrezept bestehe aus mehreren Zutaten:

„Erstens braucht man Talent und muss zweitens Vertrauen darin haben, ohne sich allerdings drittens darauf auszuruhen. Dazu gehört viertens eine Beharrlichkeit, der absolute Wille um Wege zum Schauspielern zu finden. Fünftens, und das ist kein Widerspruch, muss man geduldig bleiben. Schließlich und nicht zuletzt hängt eine erfolgreiche Karriere sechstens von einem unbestimmbaren Moment ab: Glück ist der X-Faktor."

Erfolg ist also eine Melange aus Können und Passion, Beharrlichkeit und Bescheidenheit sowie dem X-Faktor: Glück. Seine eigene Karriere reformuliert Bryan Cranston als Variante des amerikanischen Traums – vom Cop zum Superstar:

„Es gab andere Optionen. Als mein Vater uns verließ, heuerte mein Bruder bei der Polizeijugend an – und weil er in der Ausbildung viel reisen konnte, begann auch ich, an der Universität Polizeiarbeit zu studieren. Dennoch habe ich mich dann dem Familienbusiness zugewendet und einen Schauspielkurs belegt. Da musste ich ein Mädchen küssen – the easiest date I ever had – und das war doch ein deutlicher Vorteil gegenüber Law and Order…

Auch diese Geschichte erzählt Cranston nicht einfach, sondern spielt vor, wie er sich vor der vermeintlich Date-interessierten Kommilitonin zum Horst machte und die Lektion lernte, dass Schauspielerei eben ein Spiel mit dem Schein sei.

 

Bryan Cranston auf dem FILMFEST MÜNCHEN

 

Breaking Lucky

Längst hat das Moderatorenduo von Bryan Cranstons FILMMAKERS LIVE-Auftritt den Plan aufgegeben, am Gesprächskonzept einer Zeitreise festzuhalten. Als der Themenspot in Richtung seiner Paraderolle des Drogen kochenden Chemielehrers Walter White in BREAKING BAD weist, winken Sofia Glasl und Malko Selke erschöpft ab – Just go! – weil sie nun wissen, dass er keine Fragen benötigt, um Plots zu spinnen. Der schauspielernde Geschichtenerzähler lässt sich nicht zweimal bitten und verbindet seine Schilderung unmittelbar mit der Lektion seiner Kindheit – You Can't Always Get What You Want – und der Fabel vom Glücksfaktor X:

„Als nach sieben Jahren Malcolm das Ende der Serie kam, war das bad luck – glaubte ich und wurde eines Besseren belehrt. Denn kurz danach wurde mir ein Drehbuch zugespielt: BREAKING BAD von Vince Gilligan. Ich las es und dachte that’s amazing."

Cranston bekam den Job nur, weil der Drehbuchautor ihn kannte und die Zweifel der Produktionsfirma (“The goofy dad from MALCOM IN THE MIDDLE? To play Walter White, are you out of your mind?) zerstreute, indem er die Profession und Liebe des Schauspielers in den Zeugenstand rief: “He is an actor, that’s what they do: they take on characters and they take them off.” Wenn MALCOM MITTENDRIN also nicht eingestellt worden wäre, hätte jemand anderes die Rolle des Walter White gespielt und würde auf der Bühne des Filmfest München gefeiert: „That is luck!“ Natürlich müsse man bereit sein für das Glück – mit dem besten Material, das man habe und dem besten Monolog im Ärmel: „Be ready, that’s the trick.“

Eine Frage des Charakters

Die Rolle des Walter White eröffnete Bryan Cranston Zugang zur ersten Riege Hollywoods – seit seinem ‚Breaking Famous‘ in der Rolle des Drogen kochenden Chemielehrers spielte er in nicht weniger als 23 Spielfilmen – darunter die Hauptrollen in TRUMBO (2015), THE INFILTRATOR (2016), ALL THE WAY (2016) und WAKEFIELD (2017), den er beim Filmfest München als Deutschlandpremiere vorstellte und beim FILMMAKERS LIVE nutzte, um über die Beziehung zwischen Schauspielern und ihren Figuren zu reflektieren:

„Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, mochte ich den selbstsüchtigen Zug Howard Wakefields nicht, der – wie mein Vater – Frau und Kinder verlässt, um seine Familie nur noch aus der Ferne zu beobachten und dabei selbst den Bezug zu den Basics des Lebens verliert: Obdach, Essen, Kleidung... Aber dann dachte ich nach und kam zu dem Schluss, dass schwarz-weiß langweilig und mehr Ambivalenz nicht nur interessant, sondern vor allem menschlich ist.“

Sympathien mit der Figur sind also nicht notwendig, Antipathie dagegen ein Hinderungsgrund:

„Ich wurde gefragt, ob ich interessiert sei, Donald Trump zu spielen. Aber – so shakespearean dieser Charakter auch ist – mein Bild von ihm ist doch zu negativ, um ihn überzeugend darzustellen.“

Auch so gewinnt man dieser Tage Sympathien. Und evoziert Fragen, was einen guten Protagonisten ausmache. Wieder gibt Bryan Cranston ein Rezept an die Hand: Auch hier sei erstens Talent und das Bewusstsein dafür zu nennen. Unerlässlich sei zweitens eine unersättliche Neugierde auf menschliche Verhaltensweisen, die man im Alltag überall ausleben könne: in Zügen, Einkaufszentren, überall. Dazu komme drittens ein ehrliches Interesse für Quellen und Hintergründe sowie viertens ein unmittelbarer Zugang zu Gefühlen sowie zugleich die Kontrolle der Emotionen. Man müsse bereit sein, sich vor der Kamera zu entblößen, im übertragenen wie im ganz konkreten Sinne. Natürlich fällt da der Zwischenruf, ob Bryan Cranston bereit sei, jetzt und hier zu strippen – seine schlichte Antwort: „Not without music”.

 

Anna Schürmer