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Freitag, 15.06.2018

Chinesische Filme auf dem FILMFEST MÜNCHEN

Blick in die chinesische Provinz

Chinesische Filme auf dem FILMFEST MÜNCHEN

Liao Fan in ASCHE IST REINES WEISS

Ein Länderschwerpunkt des diesjährigen FILMFEST MÜNCHEN liegt auf Filmen aus China und zieht sich quer durch die Sektionen des Filmfest-Programms. Neben einer Reihe von jungen, mutigen (Film-) Autoren ist mit ASCHE IST REINES WEISS, dem aktuellen Film von Jia Zhang-Ke, auch ein absolutes Highlight des Gesamtprogramms in dieser Auswahl vertreten. Gemein ist allen Beiträgen, dass sie und ihre jeweiligen Schöpfer sich bewusst gegen den filmischen Mainstream positionieren. Das Ergebnis dieser Haltung sind teils unbequeme, niemals gefällige, teils avantgardistische Filme mit großem Kunst- und Stilwillen. Dass die Handlung der meisten Filme in der chinesischen Provinz, also abseits der bekannten Megametropolen angesiedelt ist, ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen des bekannten Chinas.

Der große Name im Feld der chinesischen Beiträge ist zweifelsohne Jia Zhang-Ke, seines Zeichens einer der bekanntesten und renommiertesten chinesischen Autorenfilmer. Der endgültige internationale Durchbruch gelang ihm im Jahr 2006 durch den Gewinn des Goldenen Löwen in Venedig für sein Meisterwerk STILL LIFE, gefolgt vom Drehbuchpreis in Cannes für TOUCH OF SIN (2013). Inzwischen ist Zhang-Ke Stammgast bei den großen Filmfestivals, nicht zuletzt auch beim FILMFEST MÜNCHEN.

Mit seinem neuen Film ASCHE IST REINES WEISS, der im Wettbewerb CineMasters konkurriert, liefert Zhang-Ke erneut einen meisterlichen Film und unterstreicht seinen Status als der Chronist seines Landes, als welcher er sich immer wieder filmisch mit der Entwicklung Chinas in den letzten 20 Jahren und den (gesellschaftlichen) Folgen des chinesischen Turbokapitalismus auseinandersetzt. Die großen Veränderungen des Landes, aber auch der Menschen darin thematisiert Zhang-Ke in seinem aktuellen Film. Dieser entführt die Zuschauer*innen in idiosynkratrische Bildwelten bzw. die Verwicklungen des organisierten Verbrechens und ist Romanze und Gangsterfilm, melodramatisch und poppig zugleich.

FROM WHERE WE`VE FALLEN und THE LOOMING STORM

Tiefgreifende Veränderungsprozesse behandelt auch Dong Yues Spielfilmdebüt THE LOOMING STORM. Das im Titel lauernde Unwetter kann dabei sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn verstanden werden. Ein Sturm zieht auf, der droht, die die chinesische Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern. Außerdem schüttet es wie aus Eimern. Im Dauerregen sucht ein Amateurdetektiv, die Mordserie in seiner Kleinstadt aufzuklären. Das Ergebnis ist ein chinesischer Film Noir, ein Polizeithriller mit avantgardistischen Elementen. Mysteriös und undurchsichtig geht es auch in Feifei Wangs FROM WHERE WE'VE FALLEN zu. Es sind komplexe Verwicklungen von Sehnsüchten und Schicksalen über Klassenzugehörigkeiten hinweg, die Wang in seinem melancholisch-erotischen Debütfilm nachzeichnet; alles eingeleitet durch einen Mann, der zufällig den Todessturz seines Nachbarn beobachtet.

SILENT MIST und BROTHERHOOD OF BLADES II

Beobachtet werden wir ohnehin unablässig und auch selbst spionieren wir gerne aus. Der Film ist schließlich das voyeuristische Medium schlechthin. Das beweist auch die Stilübung DRAGONFLY EYES des Regisseurs und bildenden Künstlers Xu Bing eindrucksvoll. Bings Avantgarde-Found-Footage-Film besteht ausschließlich aus Bildmaterial von Überwachungskameras im urbanen Raum und evoziert so bereits rein formal eines der drängendsten Themen unserer Zeit.

Ein ebensolches behandelt SILENT MIST von Miaoyan Zhang auf eine ganz eigene Art und Weise. Ausgangspunkt der Handlung ist eine Reihe von Vergewaltigungen in einem kleinen chinesischen Dorf und das Ausbleiben einer angemessenen Reaktion der Dorfgemeinschaft. Wie ein Dunstschleier des Schweigens liegen die patriarchalen Strukturen über der Gemeinschaft. Die Kamera bleibt bei ihren ausgedehnten Kamerafahrten dabei stets distanziert-beobachtend, wie auch die Menschen/Figuren  /Dorfbewohner zueinander auf Distanz bleiben, und offenbart dabei Schattenseiten des modernen Chinas.

Etwas aus der Reihe scheint in dieser Gesellschaft BROTHERHOOD OF BLADES II aus der Sektion Spotlight zu fallen. Dieser (im besten Sinne) klassische, historische Martial-Arts-Film von Regisseur Yang Lu konterkariert die Ruhe, die viele der anderen diesjährigen chinesischen Beiträge auszeichnet. In einem Genre-Spektakel voller atemberaubender Schauwerte und Ästhetisierung, angesiedelt in der Endphase der Ming-Dynastie im 17. Jahrhundert, findet sich ein Mitglied der kaiserlichen Leibwache erzählt unversehens inmitten einer tödlichen Verschwörung wieder.

THE GREAT BUDDHA+

Neben erwähnten chinesischen Filmen ist auch die taiwanesische Produktion THE GREAT BUDDHA+ von Hsin-Yao Huang im diesjährigen Programm. Während die Volksrepublik Taiwan als Teil des chinesischen Territoriums sieht und somit selbstverständlich auch der chinesischen Kultur, empfindet sich Taiwan als autonom. Bei Huangs Werk handelt es sich um eine humorvolle Indie-Groteske, deren Handlung sich um die kuriosen Ereignisse einer Bronzefabrik dreht und in welcher der Regisseur bzw. dessen alter Ego selbst lakonisch per voice-over die Handlung selbstreflexiv kommentiert. Dabei thematisiert der Film nicht zuletzt auch die Teilung der taiwanesischen Gesellschaft und wiederum das Thema Überwachung.

Fabio Kühnemuth

Am Dienstag, den 3. Juli von 16.30 bis 18.00 Uhr findet ein FILMMAKERS LIVE! mit dem Titel „Chinesisches Filmwunder: Kinoautoren aus dem Reich der Mitte“ mit dem chinesischen Regiestar Jia Zhang-Ke (ASCHE IST REINES WEISS) und den jungen chinesischen Filmemachern Feifei Wang (FROM WHERE WE'VE FALLEN) und Miaoyan Zhang (SILENT MIST) in der Black Box im Gasteig statt. Mit Unterstützung der Zentrale des Konfuzius-Institut.