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Freitag, 29.06.2018

Menschen und Extreme

Dokumentarfilme auf dem Filmfest

Menschen und Extreme

WELCOME TO SODOM: Eine apokalyptische Welt

Mit über 20 Beiträgen präsentiert das Filmfest München dieses Jahr großartige und abwechslungsreiche Dokumentarfilme. Einige von ihnen beschäftigen sich selbstreflexiv mit dem Kino, einige mit Stars und Berühmtheiten und andere mit Durchschnittsmenschen in außergewöhnlichen Lebenssituationen. Doch alle geben uns einen Einblick in Unbekanntes und eröffnen uns komplett neue Welten.

Wie auch schon in den Vorjahren hat das Filmfest viele Dokus im Programm, die die Filmwelt selbst im Focus haben: Fantastische Regisseure und Schauspieler geben ihre Arbeitsweisen und Geheimnisse preis. Zum 100-jährigen Geburtstag von der schwedischen Regie-Legende Ingmar Bergman, gibt es sogar zwei unterschiedliche Dokumentarfilme. Starregisseurin Margarete von Trotta begegnet dem Regisseur in AUF DER SUCHE NACH INGMAR BERGMAN aus internationaler Sicht, während Jane Magnusson in BERGMAN – A YEAR IN A LIFE den heimatlichen schwedischen Blick auf ihn wirft. Sie konzentriert sich dabei auf das Jahr 1957, am Anfang von Bergmans Karriere, in dem er seine ersten internationalen Erfolge feiern konnte.

Anfang diesen Jahres starb der großartige Miloš Forman. Eindringliche Welten erschuf er in Filmklassikern wie EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST oder AMADEUS. Robert Fischer hatte das Glück den Filmemacher vor Jahren auf dem Filmfest zu treffen. Jetzt präsentiert er seinen Interviewfilm LIFE AS IT IS: MILOŠ FORMAN ON MILOŠ FORMAN und erinnert so an den großen Meister.

Ein Faszinosum für alle Cineasten ist und bleibt auch Orson Welles. Dem Mann, der schon im Alter von nur 26 Jahren sein Meisterwerk CITIZEN KANE schuf, widmet Mark Cousins seine Aufmerksamkeit in THE EYES OF ORSON WELLES. Dem Künstler und dem Kunstwerk Welles – er war nicht nur Schauspieler und Regisseur, sondern auch Maler – kommt der Film ganz nah.

Auch unsere Ehrengäste werden in Dokumentarfilmen bei ihrer Arbeit hinter der Kamera begleitet. In AÑOS LUZ schaute Manuel Abramovich Lucrecia Martel, der Frau die das neue argentinische Kino begründete, bei den Dreharbeiten zu ZAMA über die Schultern. So hat das Publikum des FILMFEST MÜNCHEN die Chance, Martels neuen Film ZAMA und die Doku darüber oder die Regisseurin selbst bei ihrer Ehrengala innerhalb einer Woche zu sehen. Genauso ausführlich kann man die Monty-Python Legende Terry Gilliam erleben: Neben der Gala zu seinen Ehren und den Vorführungen von THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE zeigt das Filmfest LOST IN LA MANCHA. Dieser einzigartige Film dokumentiert Gilliams ersten Versuch schon 2002 seinen THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE fertigzustellen. 20 Jahre dauerte es, bis es soweit war und er jetzt seinen Film stolz präsentieren kann.

BERGMAN: A YEAR IN A LIFE, THE EYES OF ORSON WELLES und ROBIN WILLIAMS: COME INSIDE MY MIND

Lachen und Weinen im Wechsel oder sogar gleichzeitig, bis der Bauch wehtut und die Augen rot sind, das kann man bei seinen Filmen, wie bei keinem Zweiten: Robin Williams. Der große Comedian, der die Welt erfreute, aber selbst mit Drogensucht, Depressionen und schließlich schwerer Krankheit zu kämpfen hatte, starb 2014 im Alter von 63 Jahren. In ROBIN WILLIAMS: COME INSIDE MY MIND erinnern sich Freunde, Familie und Verehrer des einzigartigen Schauspielers an sein Leben und seine Karriere. Auch eine vielseitige Performerin: JANE FONDA IN FIVE ACTS feiert die Vielschichtigkeit des Schauspielstars über fünf Dekaden. Oscargewinnerin, politische Aktivistin, Fitnessguru und Netflix-Star in einer Person. Susan Lacy beleuchtet alle Facetten der Hollywoodgröße.

Doch nicht nur Größen des Films werden im diesjährigen Programm gefeiert, sondern auch Musikgrößen. Der japanische Komponist Ryūichi Sakamoto ist ein Pionier der Elektromusik. Der Dokumentarfilm RYŪICHI SAKAMOTO: CODA blickt auf die Karriere des Musikers, wie auch auf seine Arbeit als Aktivisten. IT MUST SCHWING – THE BLUE NOTE STORY zeichnet die Geschichte der Gründung des Jazz-Labels Blue Note Records bewegend nach. Zwei deutsche Emigranten begannen 1939 zu produzieren und wollten einen einzigartigen Aufnahmestil und Sound entwickeln. Größen wir Quincy Jones und Miles Davis arbeiteten mit ihnen. Ähnlich einzigartig wie ihr Sound war auch die Stimme von Whitney Houston. Die Sängerin prägte mit ihren Filmen und ihren Liedern die 1990er-Jahre. Wie sie ihre Musik kreierte und unter dem Druck ihres Ruhms langsam zerbrach zeigt WHITNEY von Kevin MacDonald. Eine etwas urigere Betrachtung von Musik gibt es in BLACK WAVE. Der Film von Peter Azen gibt Einblick in einen Münchner Punk-Plattenladen, der in der Szene Kultstatus genießt.

Aus dem deutschsprachigen Raum stammen in diesem Jahr sehr abwechslungsreiche Dokumentationen. Lola Randls VON BIENEN UND BLUMEN betrachtet eine utopische Welt: Urbane Neo-Romantiker ziehen aufs Land, um ein einfacheres Leben zu haben, und Hartz IV Empfänger kämpfen in strukturschwachen Gebieten um ihre Existenz. Das klingt nicht utopisch aber ist skurril und was alles aus deren gemeinsamen Kräften entstehen kann, eröffnet dieser Film. Von einer Utopie träumte auch der Schriftsteller Thomas Brasch. Annekatrin Hendel porträtiert die FAMILIE BRASCH und beschreibt den Weg des Literaten nach dem zweiten Weltkrieg aus der Funktionärsfamilie in die Kunst und Politik – eingeengt von der sowjetischen Besetzung.

VON BIENEN UND BLUMEN, FAMILIE BRASCH und FLY ROCKET FLY - MIT MACHETEN ZU DEN STERNEN

Eine ganz andere Welt erreichen wollte Lutz Kayser. Der Ingenieur gründete die erste private Raumfahrtfirma OTRAG. Um frei zu arbeiten, schloss die Firma einen Vertrag mit einem afrikanischen Diktator. Wie erfolgreich das Unterfangen war und wie die Firma fast eine diplomatische Krise auslöste stellt FLY ROCKET FLY – MIT MACHETEN ZU DEN STERNEN dar. Andersartig und unglaublich sieht auch die Welt in der österreichischen Doku WELCOME TO SODOM aus. Aber außerirdisch ist sie nicht, sie ist von jedem einzelnen erschaffen: In Ghana ist die größte Elektromülldeponie der Erde. Tausende Menschen arbeiten täglich zwischen dem Dreck, den Dämpfen und anderen Gefahren des unwirklichen, apokalyptischen Orts, der von den Einheimischen „Sodom“ genannt wird. Andere Landschaften betreten auch die schweizer Filmemacher Emma Davie und Peter Mettler in BECOMING ANIMAL: Im Grand-Teton-National-Park im Westen von Wyoming beobachten sie Tiere und vergleichen diese mit uns Menschen. Der Philosoph David Abram diskutiert mit den Regisseuren, wie viel Tier eigentlich noch im Menschen steckt.

Bewegend ist es immer besonders junge Menschen in Extremsituationen zu erleben. SAMOUNI ROAD begleitet die Familie Samouni, die vor den Toren von Gaza-Stadt eine Hochzeit feiern will. Es soll das erste Fest nach dem Krieg werden, in dem sie ihren ganzen Besitz und ihre Eltern verloren hat. In eindrucksvollen Bildern und Animationen erzählt der italienische Regisseur Stefano Savona von ihrem Schicksal. Kriegszeiten prägen Familien auf unterschiedliche Weisen. Abu Osama schickt seine Söhne ins Sharia-Camp, damit sie später im Jihad gegen die syrischen Machthaber kämpfen. Regisseur Talal Derki konnte das Vertrauen der radikal-islamischen Familie gewinnen und kann deshalb in OF FATHERS AND SONS Einblicke liefern, die man so noch nicht gesehen hat. Die junge Recy Taylor wurde auf eine andere Art ein Opfer von Gewalt. In den 1940er-Jahren wird die Afro-Amerikanerin von sechs Männern vergewaltigt. Sie forderte Gerechtigkeit und erhielt sogar Unterstützung von Bürgerrechtlerin Rosa Parks. Doch, wie THE RAPE OF RECY TAYLOR demonstriert, der Kampf für Gleichberechtigung der Ethnien war und ist in den USA immer noch nicht abgeschlossen.

SAMOUNI ROAD, THE RAPE OF RECY TAYLOR und OF FATHERS AND SONS

Etwas skurriler und lustiger wird es in Studien von gewissen Menschengruppen: SO HELP ME GOD beschäftigt sich mit der extravaganten Brüsseler Untersuchungsrichterin Anne Gruwez. Mit ihrem Citroën 2CV mischt sie die Straßen und alte Fälle wieder auf. Drei Jahre lang hefteten sich Jean Libon und Yves Hinant an ihre Fersen. Dem Wahnsinn des Alltags entfliehen zu können und den Wind im Gesicht zu spüren, wünscht sich jeder von Zeit zu Zeit. Für Skater ist es das Lebensgefühl. Aber auch sie müssen erwachsen werden. Dokumentarist Bing Liu ist einer von ihnen und erzählt in MINDING THE GAP wie man auch durchs Erwachsenenwerden rollen kann.

Die Dokumentarfilme des FILMFEST MÜNCHEN laden das Publikum ein, sich auf fremde Lebenswelten einzulassen. Im Anschluss an etliche Vorstellungen findet ein Q&A mit den Regisseur*innen statt. Außerdem findet ein Filmmakers Live! zu den deutschen Dokumentarfilmen statt.