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Freitag, 29.06.2018

Mutige Frauen, verletzliche Männer

Emma Thompson über Patriarchat, Märchen und Internet

Mutige Frauen, verletzliche Männer

CineMerit Preisträgerin Emma Thompson

Das FILMFEST MÜNCHEN ehrt die Schauspielerin und Autorin Emma Thompson in diesem Jahr mit einem CineMerit Award für ihre Verdienste um das Kino. Zu sehen sind neben ihrem neuesten Film KINDESWOHL drei weitere ihrer Filme, von denen sie zwei selbst schrieb.

Emma Thompson ist der einzige Mensch, der einen Oscar für die Beste Hauptrolle und einen Oscar für das Beste Drehbuch gewonnen hat. Nicht Charlie Chaplin, Orson Welles oder Woody Allen. Sondern Emma Thompson. Das ist trefflich für eine clevere Frau, die für Gleichberechtigung steht. Sie wuchs in einer Schauspieler- und Autorenfamilie auf. Während ihres Studiums der Englischen Literatur in Cambridge trat Emma Thompson der berühmten Footlights Theatergruppe bei, der schon die Monty Pythons entsprungen waren. Als erstes weibliches Mitglied dieser Keimzelle des britischen Humors sammelte sie Bühnen- und Improvisationserfahrung. Einige Jahre schulte sie ihre Kunstfertigkeit in Theater und Fernsehen weiter, dann folgten schon die großen Filmrollen. Die Oscars waren nicht mehr weit.

Ihren ersten Academy Award gewann Emma Thompson für WIEDERSEHEN IN HOWARDS END. Als Margaret Schlegel trauert sie um die verstorbene Freundin Ruth Wilcox. Deren Familie verschweigt Ruths letzten Wunsch, dass Margaret das geliebte Landhaus Howards End erben soll. Der Unterschied zwischen den freidenkenden, kulturliebenden Schlegels und der konservativen Familie Wilcox markiert die Strenge der viktorianischen Zeit – gerade für moderne Frauen. In der Hoffnung auf diesen, später oscarprämierten, Part als Margret Schlegel verfasste Emma Thompson Anfang der Neunziger einen Brief an Regisseur James Ivory.

„Ich schrieb ihm, dass ich genau wusste, wer Margaret Schlegel war, und dass ich auch wusste, wie ich sie spielen würde. So etwas habe ich nie zuvor gemacht und auch nie wieder danach.“

WIEDERSEHEN IN HOWARDS END von James Ivory

Regisseur James Ivory blickt in WIEDERSEHEN IN HOWARDS END gerne auf die sprechenden Details der Standesgesellschaft: ein halb zerfledderter Regenschirm, der die vielen hellen Stofflagen eines Damenrocks nicht vor der strömenden Nässe schützen kann. Ein überbordend gedeckter Kuchentisch, voll mit Törtchen, genug für eine Jagdgesellschaft – zum Verzehr für drei Personen. Und Emma Thompson als Margaret, die ihre Tränen der Enttäuschung eher mit einem Spiegel teilt, als sie vor ihrem Ehemann preiszugeben. Sie ist Schwester und hingebungsvolle Ehefrau, aber auch eine politische Frau mit gesellschaftskritischen Ansichten.

„Es gibt einige große Unterschiede zwischen den Frauen von damals und uns heute“, meint Emma Thompson, „das Wahlrecht wäre einer davon. Obwohl wir inzwischen sehen können, dass das Wahlrecht nicht unbedingt die Ergebnisse gebracht hat, die Margaret Schlegel sich gewünscht hätte: zum Beispiel dass Frauen die Machtstrukturen mit ihrer Stimme umkrempeln, so dass sie gleichberechtigt werden. Die Machtstrukturen sind so unveränderlich wie sie immer waren. Mir scheint es, in manchen Fällen ist die Lage sogar elender als zuvor.“

Emma Thompson hält sich nicht mit Kritik zurück, wenn es um Ungerechtigkeit geht. Lieber wird sie aktiv. Als Präsidentin der Helen Bamber Foundation setzt sie sich für Opfer von Folter und Grausamkeit ein. Geerbt hat sie die Position von ihrer guten Freundin Helen Bamber, einer berühmten britischen Psychologin und Menschrechtsaktivistin.

Um den Einsatz für Schwache dreht sich auch Emma Thompsons neues Projekt. Im Film KINDESWOHL, nach Ian McEwans Roman, verkörpert sie eine Familienrichterin am Obersten Gericht von London. Eine Frau, die über das Leben und Wohlergehen von Kindern wacht, wenn deren Eltern es versäumen. Wie der 17-jährige Adam, dessen Eltern eine lebensrettende Bluttransfusion verweigern, weil sie Zeugen Jehovas sind. Innere Anspannung, Grübeln, Bedenken: Keine kommuniziert so viel Emotion mit so zarter Mimik wie Emma Thompson. Man kann in ihrem Gesicht lesen, wie gut sie zuhört. Und vielleicht sogar, was sie gerade denkt.

„Fiona May, meine Figur im Film, hat wohl den wichtigsten Job auf der Welt. Dennoch wird Familienrecht als der arme Cousin des Strafrechts betrachtet! Ich habe viele Stunden mit Richterinnen in Familiengerichten verbracht, und was dabei sehr deutlich wurde, ist, dass jede Frau im Justizsystem besser sein muss als ihre männlichen Kollegen. Sie muss härter arbeiten, mehr Kontrolle über ihre Umgebung haben, mehr Opfer bringen. Fiona bewältigt ihren Beruf, aber wie der Film zeigt, zu einem hohen Preis. Sie schafft es einfach, weil „es zu schaffen“ das ist, was Frauen nun mal tun. Eine der Fragen, die der Film aufwirft ist, welchen Preis Menschen bezahlen, die unter solchem Stress arbeiten. Braucht das Rechtssystem ein Umdenken?“

Emma Thompson in SENSE AND SENSIBILITY von Ang Lee

In ihrem sehr offen erzählten Tagebuch zu den Dreharbeiten von SINN UND SINNLICHKEIT, das unter dem Titel „Hinter den Kulissen von Sinn und Sinnlichkeit“ auch in Deutschland veröffentlicht wurde, sorgte Emma Thompson sich schon damals um die konfusen, schwierigen Zeiten für Frauen. Heute, 20 Jahre nach dem Dreh, ist das Problem noch gewachsen:

„Ich beobachte die Jugend, die permanent umgeben ist von sexualisierten Bildern und in Internet-Pornografie ertrinkt. Das sind Inhalte, über die sie keinerlei Kontrolle haben und ich bin dankbar, dass ich selbst damit nicht fertig werden muss. Aber meine Tochter und ihre Freunde müssen es. Das ist manchmal erschreckend. Da sind Machtsysteme an der Arbeit, die unsere Jugend auf Arten gefährden, die wir uns niemals hätten vorstellen können.“

Wie schon ihr Vater schreibt Emma Thompson auch für Kinder. Mit den ursprünglich französischen Stop-Motion-Filmen DAS ZAUBERKARUSSELL und DOUGAL AND THE BLUE CAT schrieb Eric Thompson in den Sechziger- und Siebzigerjahren kluge und witzige Unterhaltung für die Kinderzimmer des Königreichs. In dieser Tradition steht auch Emma Thompsons Arbeit als Autorin. Mit den Fortsetzungen der „Peter Hase“-Bücher, der 1943 verstorbenen Beatrix Potter, hat sie in Großbritannien etwas gewagt, was die Briten nur von sehr wenigen akzeptiert hätten – schließlich ist „Peter Rabbit“ so etwas wie Kulturerbe des Landes.

Auch die inzwischen Kult gewordenen Filme um EINE ZAUBERHAFTE NANNY basieren – wie so viele Projekte der Emma Thompson – auf literarischer Vorlage. Sie entwickelte die Idee der Buchreihe mit „Nurse Mathilda“, einem Mary-Poppins-ähnlichen, magischen Kindermädchen, zu inzwischen zwei Kinoerfolgen mit sich selbst in der Titelrolle weiter. Hierbei gelang es ihr ein weites Spektrum an weiblichen Figuren zu kreieren, frei von allen Geschlechterklischees.

EINE ZAUBERHAFTE NANNY geschrieben von Emma Thompson

„Es ist wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass keine menschliche Eigenschaft einem Geschlecht vorbehalten ist. Mutig sind nicht nur Männer und verletzlich nicht nur Frauen. Wir sind uns – wie Montaigne schon sehr früh gesagt hat – sehr viel ähnlicher, als wir uns unähnlich sind, egal welches Geschlecht wir haben. Heute hat man deutlich mehr Auswahl an sexuellen Identitäten, was mir hochgradig nützlich und viel präziser erscheint. Wie ich mich gebe, als weiße, weibliche Cisgender-Existenz ist massiv verzerrt worden von der aufgezwängten Rolle durch die patriarchalen Systeme politischer, sozialer und religiöser Art. Ich habe keine Ahnung, wer ich wirklich bin – wer ich wäre, hätten mich diese Systeme nicht so stark beeinflusst. Man ist so begierig, dazu zu passen, man wird so sehr ermutigt, zu gefallen.“

EINE ZAUBERHAFTE NANNY ist sicherlich ein Statement gegen die festgefahrenen Strukturen. Für die nächste Generation erzählt der Film, dass Mädchen ebenso gewieft, gemein und großherzig sein können wie die Jungen. Die schlaue Rasselbande schreckt vor keiner Methode zurück, ihre Kindermädchen aus dem Haus zu jagen. „Sie haben das Baby gegessen!“, glaubt die ausgetrickste 17. Nanny zu Anfang des Films, als sie kreischend aus dem Haus der Familie Brown stürmt. Die Rettung naht mit der zauberhaften Nanny McPhee. Anfänglich eine strenge und hässliche Hexe mit borstigen Haaren und Warzen im Gesicht, wird sie mit jeder Lektion die die Brown Kinder und ihre Nanny zusammenwachsen lässt, scheinbar hübscher. ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut‘, auch das ist eine wichtige Lektion, die dieser Film in pures Vergnügen verpackt.

„Für die Entwicklung meines Sinns für Humor schulde ich Jane Austen, Monty Python und dem ZAUBERKARUSSELL tiefen Dank“, lautet die Widmung in Thompsons Buch „Hinter den Kulissen von Sinn und Sinnlichkeit“. In ihrer britischen Fernsehshow THOMPSON schrieb und spielte Emma Thompson in den Achtzigern einen Jane-Austen-Sketch, Jahre später sollte er ihr zu der Drehbuchadaption von SINN UND SINNLICHKEIT verhelfen. Fünf Jahre tüftelte sie insgesamt daran, in dieser Zeit musste sie auch noch eine schmerzliche Scheidung verarbeiten, aber dann kam irgendwie alles glücklich zusammen: Sie in der Hauptrolle neben der damals 19-jährigen Kate Winslet, Hugh Grant, der Kinoliebling der Zeit, wurde als Schwarm Edward besetzt und das damals noch wenig bekannte taiwanesische Regie-Genie Ang Lee inszenierte. Der Film wurde zum großen Erfolg und gewann den Goldenen Bären bei der Berlinale 1996. Und obendrein traf Emma Thompson am Set ihren zweiten Ehemann und Vater ihrer Kinder, den Schauspieler Greg Wise, mit dem sie noch heute zusammen ist. SINN UND SINNLICHKEIT als Erfolgsprojekt, der Drehbuch-Oscar inklusive.

Emma Thompson mit Greg Wise und Kate Winslet

Von Emma Thompson sehr humoristisch herausgearbeitet, handelt SINN UND SINNLICHKEIT von den Dashwood-Schwestern Elinor und Marianne, die mit Herzschmerz und finanziellen Sorgen zu kämpfen haben, während sie stickend neben ihrer alten Mutter darauf warten, geheiratet zu werden. Dabei brilliert der durchweg britische Cast mit jeder Menge schwarzem Humor. Ang Lee behält den Überblick über Liebeswirren und Spitzenhauben. Seine Intuition führte ihn sicher durch die 200 Jahre alte Geschichte der Britin Jane Austen.

„Was die Liebe und den Herzschmerz betrifft, sind unsere alten Geschichten zunehmend abgedroschen und veraltet! Wir brauchen neue. All diejenigen, die aus dem Geschichtenerzählen immer ausgeschlossen waren, können gehört werden“, kritisiert Emma Thompson. Hollywood-Romanzen erklären wie die alten Märchen das Heiraten so häufig zum einzigen Lebensziel der weiblichen Figuren, das Ende ist fast immer gleich.

„Die weibliche Erzählung liegt begraben unter Jahrhunderten von patriarchalen Narrations-Strukturen. Ich würde junge Mädchen vor Märchen warnen. ‚Und sie lebt glücklich bis an ihr Lebensende‘? Die eigentlichen Geschichten BEGINNEN so oft erst dort, wo die Märchen enden.“

Noch heute lebt Emma Thompson mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Straße in der sie als Kind aufwuchs. Mutter und Schwester wohnen nur wenige Häuser entfernt. Was ihr daran gefällt? „Kontinuität gibt mir wohl ein Gefühl von Sicherheit. Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas Gutes ist oder nicht. Es hilft einem auf jeden Fall das Aufblasen des Egos zu meiden, das der Ruhm so mit sich bringen kann. So wissen einfach zu viele Menschen wie du mit elf Jahren aussahst.“

Aufgeblasen hat Emma Thompson tatsächlich nie gewirkt, im Gegenteil: intelligent, begabt, authentisch und das mit jedem Jahr mehr. „Schauspielen ist jetzt leichter. Ich habe vor kurzem KING LEAR mit Anthony Hopkins gespielt. Da sprachen wir darüber, wie frei wir uns fühlen, jetzt wo wir älter sind – wir können tun, was uns gefällt, weil uns das Versagen nichts mehr ausmacht.“

Braucht man ein halbes Leben, bis man seinen eigenen Talenten wahrhaft vertraut? Richard Linklater fragt in seinem Film WAKING LIFE, was den Menschen davon abhält, seine Potenziale auszuschöpfen. Ist die meistverbreitete menschliche Eigenschaft eher Angst oder Faulheit? Emma Thompson ist sich sicher: „Oh, Angst. Sicherlich. Und trauriger Weise: Wäre es Faulheit, dann wären wir deutlich gesünder und glücklicher. Ich befürworte Faulheit vollkommen und bin doch selber sehr schlecht darin. Zu sehr bin ich getrieben vom „Machen.“ Das ist sehr männlich von mir.“

Antonia Mahler