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Samstag, 30.06.2018

Mehr Mut

Interview mit Gabriela Pichler

Mehr Mut

AMATEURS mitten im weiten schwedischen Land

Auf dem FILMFEST MÜNCHEN hat Gabriela Pichler ihren neuen Film AMATÖRER im Gepäck, einen Film über ein Dorf, das sich im Wandel befindet. Der Industrie geht es schlecht, die Leute haben kein Geld. Ein Imagefilm soll das ändern – und zeigen, wie schön es doch im schwedischen Hinterland ist. Oder auch nicht. Julia Weigl sprach mit der schwedischen Filmemacherin über die eigene komplizierte Identität, den moralischen Wert des Filmemachens und Schweden aus der Perspektive eines Immigrantenkindes.

Frau Pichler, man könnte sagen, viele Ihrer Figuren stecken in einem Dilemma. Sie gehören zur Arbeiterschicht und müssen bei Superbilly, einem deutschen Billigsupermarkt, einkaufen, weil sie nicht genug Geld haben, ihre Familien zu ernähren. Mit moralischen Fragen können oder wollen sie sich nicht auseinandersetzen...

Alles dreht sich um Konsum. Man kauft viel mehr ein, als man braucht. Ich wollte eine Szene inszenieren, die das widerspiegelt. Im Film steht ein Mann an der Kasse im Superbilly und fühlt sich als Opfer, als er von den jugendlichen Filmemachern darauf angesprochen wird, warum er dort einkauft. Dass er sich als Opfer sieht, ist für mich äußerst ironisch: Er ist ein weißer erwachsener Mann. Eigentlich hat er alle Privilegien der Welt.

Spannend ist auch, wie Sie Ihren Film erzählen: Es soll ein Imagefilm über das Dorf entstehen. Um Geld zu sparen, werden zwei Schüler engagiert, den Film mit dem Smartphone zu drehen. In einer Schlüsselszene erklärt ein Lehrer den Kids, dass man als Filmemacher einen moralischen Kompass braucht. Ein zentrales Thema, das sich durch den gesamten Film zieht und hier anhand des Filmemachens veranschaulicht wird.

Ich selbst bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater Fernfahrer und Bauarbeiter. Von mir haben sie nie erwartet, dass ich an die Uni gehe. Sie wollten immer, dass ich einen guten Job habe, bei dem sie sich sicher fühlen. Politische Diskussionen gab es bei uns nicht. Als ich als 23-Jährige das erste Mal eine Kamera in der Hand hielt, ist etwas mit mir passiert. Die Kamera hat mir die Augen geöffnet und mich meine Umwelt bewusster wahrnehmen lassen. Damit konnte ich mutiger sein. Ich konnte Fragen stellen, die ich mich sonst nie hätte fragen trauen. Das alles wollte ich in den Film packen. Eine der Figuren, Aida, kommt aus einer Familie, die keinen akademischen Hintergrund hat. Aber mit der Kamera wird sie mutig, genauso wie ich. Heute denken viele, dass Smartphones und YouTube eher Spielzeug sind. Teenager spielen zu viel an ihren Handys. Das wollte ich widerlegen, denn Jugendliche haben sehr wohl ein politisches Anliegen, nur erzählen sie ihre Geschichten aus einer anderen Perspektive.

Wie sehen diese Perspektiven aus?

Ich bin ein Immigrantenkind: Mein Vater ist aus Österreich, meine Mutter aus Bosnien. Sie kamen als Gastarbeiter und wollten eigentlich immer in ihre Länder zurückziehen. Aber das haben sie dann nicht gemacht, wie viele andere Gastarbeiter auch. Ich fühlte immer, dass man zwar hier wohnt, aber ein Teil in der alten Heimat geblieben ist. Auch ich habe einen anderen Blick auf die Welt.

Gabriela Pichler blickt auf ihre Amateure

Wie passt das zu einem Werbefilm über ein kleines schwedisches Dorf?

Viele Ortschaften in Schweden machen kurze Imagefilme über sich und stellen das auf ihre Webseiten. Ich habe mir viele dieser Videos angeschaut: Egal wie unterschiedlich die Dörfer auch sind, alle Filme sind gleich. Sie zeigen etwa einen Mann, der Golf spielt, oder viele süße blonde Kinder. Man will Leute zeigen, die Erfolg haben, auf die man stolz ist. Was man nicht sieht, sind die Leute, die wirklich dort leben. Das hat mich sehr gestört und ich fand das auch sehr lustig. Das ist ein Zeichen, welche Identität man sich selber überstülpen möchte. So hat sich zum Beispiel eine Ortschaft direkt für deutsche Touristen inszeniert. Im Werbefilm heißt es dann: Wir sind die Ortschaft mit den niedrigsten Schulden. Welche Bilder man über seine Nation zeigt, sagt sehr viel über das Land aus – und es stimmt nicht immer mit der Realität überein. Genau diese Diskrepanz finde ich sehr spannend.

Sie thematisieren das auch im Film und lassen die Figuren darüber diskutieren. Auf einmal haben junge Menschen mit Migrationshintergrund eine Stimme in der Öffentlichkeit. Und sie erzählen ganz andere Geschichten.

Eigentlich identifiziere ich mich im Film am meisten mit Musse, weil er eher meine Generation vertritt. Er lebt unseren inneren Konflikt, sich immer anpassen zu müssen und die Einflüsse, die man von seinen Eltern hat, unsichtbar zu machen. Uns ging es immer um Integration und das beschämende Gefühl, anders zu sein. Bei mir war das etwa die Sprache meiner Mutter. Bosnisch hatte keine so eine positive Konnotation wie Deutsch. Deshalb konnte ich mich nie mit dieser Sprache identifizieren. Heute ist das ein Problem, weil ich mit meiner Mutter oft nicht gut kommunizieren kann.

Wie sieht das bei der jüngeren Generation aus, etwa bei Aida und ihrer Freundin im Film?

Die neue Generation reagiert komplett anders. Sie sind viel mutiger und selbstbewusster. Sie teilen ihre Erfahrungen und fühlen sich nicht so alleingelassen, wie wir es vielleicht waren. Sie nehmen sich mehr Platz und wollen auch gehört werden, in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit.

Sie wollen also mitreden…

Genau. Sie akzeptieren nicht, dass es nur eine Perspektive gibt. Das hört sich heutzutage ganz anders an und ist sehr spannend. Deshalb war es mir so wichtig, beide Generationen in meinem Film abzubilden und einander gegenüberzustellen. 

 

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