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Samstag, 30.06.2018

Nordic Social Horror

Filme aus Skandinavien

Nordic Social Horror

Endlich Aufatmen! Tina muss in BORDER aus ihrem Leben ausbrechen

Weites Land, raue Küsten und schweigsame Ermittler. So präsentieren sich die nordeuropäischen Länder oft in Krimis auf unseren Fernsehbildschirmen. Doch Skandinavien hat filmisch viel mehr zu bieten, wie die diesjährigen Beiträge auf dem FILMFEST MÜNCHEN zeigen. Sozialkritisch und übernatürlich, Genrefilm und klassisches Drama – die Filme aus dem hohen Norden vermischen altbekannte Formen und Motive und schaffen so eindringliche cineastische Social-Horror-Erlebnisse.

Die dänische Produktion THE GUILTY von Gustav Möller ist als Kammerspiel inszeniert. Der Hauptteil des Films spielt in einer Notruf-Telefonzentrale. Doch wie auch schon Regisseur Steven Knight bei NO TURNING BACK, der Tom Hardy allein auf einer Autofahrt zeigte, schafft es Möller ein eindringliches Portrait eines Mannes in einen Thriller zu verwandeln, der sich fast ausschließlich in den Köpfen der Zuschauer abspielt: Asger Holm wurde an den Schreibtisch verbannt, weil der Polizist einen Fehler im Dienst beging. Genervt von der Arbeit, nimmt er die wenigsten Notrufe, die an seinem Telefon eingehen, ernst. Doch dann meldet sich eine Frau, die gerade eben von ihrem Ehemann entführt wird. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Aber was kann Holm schon tun, wenn seine einzige Waffe ein Telefon ist. Der Thriller läuft in Echtzeit ab und überrascht stets mit spannenden Wendungen. Doch allen voran steht die Leistung Jakob Cedergrens (auch bekannt aus der Krimireihe MORD IM MITTSOMMER), der mit jeder Faser seines Körpers diese One-Man-Show bis zum Schluss spannend macht.

Im schwedischen BORDER integriert der dänisch-iranische Regisseur Ali Abbasi nordische Folklore und Suspense in einer Außenseiterliebesgeschichte und schafft so ein genaues Abbild von Abgrenzung und Furcht vor dem „Anderen“. Die Grenzbeamtin Tina ist die Beste in ihrem Job. Dabei hilft auch ihre gute Nase. Dank eines angeborenen Gendefekts, kann sie alles riechen, auch die Schuld oder Furcht von Schmugglern, die illegal Ware über die Grenze schaffen wollen. Doch privat lebt Tina, abgeschnitten von der Gesellschaft, in einer lieblosen Beziehung. Alles ändert sich schlagartig, als sie Vore erschnüffelt, dem sie sich gleich verbunden fühlt, weil er wie sie zu sein scheint. Aber er versucht sich gar nicht einzugliedern, versteckt seine animalische Seite nicht. Ist seine Lebensweise eine Möglichkeit für Tina, sich endlich frei zu fühlen? So einfach ist die Entscheidung aber nicht, denn Vores Auftauchen bringt nicht nur Leidenschaft mit sich, sondern auch das Aufwühlen alter Familiengeheimnisse.

JIMMIE, THE GUITLY und BERGMAN: A YEAR IN A LIFE

Um Außenseiter und Akzeptanz von Anderen geht es auch in Jesper Ganslandts JIMMIE. Der Schwede inszeniert eine fiktive Flüchtlingskrise in Skandinavien. Schweden müssen in den Süden fliehen, verstecken sich vor Polizisten, ertrinken fast im Meer und werden Opfer von Ausländerhass. Inmitten des Geschehens der kleine Jimmie, der sich mit seinem Vater seinen Weg erkämpft. Der Film ist komplett aus der Sicht des Vierjährigen gedreht – die Kamera bleibt auf seiner Sichthöhe, zeigt sein verwirrtes, ängstliches Gesicht in vielen Großaufnahmen. Ganslandts Versetzten der Flüchtlingskrise an einen anderen Ort wirft eine neue Perspektive auf das aktuelle Thema.

Ein Mann, der Familiendramen und verquere Beziehungen wie kein zweiter inszenieren konnte, wäre dieses Jahr hundert geworden: Ingmar Bergman. Dem großartigen schwedischen Regisseur sind dieses Jahr gleich zwei großartige Dokumentarfilmerinnen auf der Spur. Starregisseurin Margarete von Trotta begegnet dem Regisseur in AUF DER SUCHE NACH IGMAR BERGMAN aus internationaler Sicht, während Jane Magnusson in BERGMAN – A YEAR IN A LIFE den heimatlichen schwedischen Blick auf ihn wirft. Sie konzentriert sich dabei auf das Jahr 1957, am Anfang von Bergmans Karriere, in dem er seine ersten internationalen Erfolge feiern konnte. Im Januar dieses Jahres kam DAS SIEBTE SIEGEL ins Kino und WILDE ERDBEEREN wurde geschrieben und gedreht. Außerdem inszenierte Bergman mehrere Theaterstücke, pflegte Beziehungen mit vier verschiedenen Frauen und litt damals schon an Magenbeschwerden. Bergman war damals schon Workaholic, Liebhaber und Despot in einer Person. Jane Magnusson kommt diesem faszinierenden Regisseur ganz nah und sieht 1957 als das Jahr in dem der Mythos Bergman begann. Das FILMFEST MÜNCHEN zeigt außerdem AUS DEM LEBEN DER MARIONETTEN, Bergmans deutsche Produktion von 1980, mit einem jungen Robert Atzorn in der Hauptrolle. Der Film entstand während Bergmans Arbeit am Residenztheater München und ist daher ausschließlich mit Schauspielern aus dem damaligen Ensemble besetzt.

Groß – Royal – Süß! Was verbindet man mit diesen drei Worten? Natürlich Bernhardiner. In Mads Brüggers ersten Spielfilm THE SAINT BERNARD SYNDICATE sollen die treuen Hunde der Verkaufsschlager in China werden. Das ist die neueste Idee vom erfolglosen Geschäftsmann Frederik, der händeringend Sponsoren für dieses Unterfangen sucht. Sein alter Schulkamerad Rasmus, selbst erfolglos in seinem Beruf, ist dafür ideal – da wird auch darüber hinweggesehen, dass Frederik ihn in der Schulzeit drangsaliert hat. Rasmus, der gerade eine ALS-Diagnose erhalten hat, wirft sich und sein Vermögen in das Abenteuer Bernhardinerzucht in China. Das Chaos ist vorprogrammiert. Inmitten von Culture-Clashing und fern von Political Correctness trotteln die zwei dänischen Comedians Frederik Cilius Jørgensen und Rasmus Bruun herrlich durch die Stadt Chongqing. Doch neben den zahlreichen Schmunzelmomenten über das ungleiche Paar, stehen im Herzen des Films eine Freundschaft, der Lebenswille eines todkranken Mannes und natürlich ein Hund!

AMATEURS, EUTHANIZER und THE SAINT BERNARDS SYNDICATE

Tierfreundlich ist auch Veijo, die Hauptfigur in Teemu Nikkis finnischen Film EUTHANIZER. Etwas ungewöhnlich für jemanden, der Tiere einschläfert. Doch Veijo ist es wichtig, dass die Tiere würdevoll sterben und nicht leiden müssen. Sein Geschäft läuft gut, doch die schwarze Komödie nimmt eine Wendung, wenn Veijo einen Mann beobachtet, der seinen Hund misshandelt. Vielleicht ist es auch einmal Zeit dass sich der Euthanizer um die Herrchen und Frauchen kümmert und nicht um die lieben Haustiere…Der finnische Star Matti Onnismaa trägt den Film und überzeugt sowohl als alterndes Raubein als auch in den leisen Momenten mit seinem totkranken Vater und dessen Pflegerin Lotta.

Was passiert wohl, wenn alle Bewohner eines Dorfes gleichzeitig reich werden? Kommt es zur Dekadenz oder doch eher zum Stillstand, zur Langeweile? In LAKE OVER FIRE ist es eher die Langeweile, die den kleinen norwegischen Ort befällt. Jeder hört auf zu arbeiten und badet in seinem Wohlstand, als in der ansässigen Mine Edelsteine gefunden werden. Dann kommt ein Fremder ins Dorf, der beginnt die Bewohner gegeneinander auszuspielen. Regisseur Joern Utkilen bringt den Western in den hohen Norden. Die Pferde werden zu Mofas, die Helden zu schusseligen Neureichen. Total wahnsinnig und zugleich unbeholfen treffen sich hier Rivalen zum Shootout mit überdimensionalen Cowboyhüten – sie müssen ja schließlich über die Motorradhelme passen. Auf satirische Weise wird in diesem Film Kleinstadtdenken und Mittelschichtmentalität beleuchtet.

Gabriela Pichler sieht im Gegensatz dazu etwas Positives im Kleinstadtleben. Ihre zweite Regiearbeit AMATEURS spielt in einem kleinen fiktiven schwedischen Ort, Lafors, vor dem wirtschaftlichen Aus. Nur eine deutsche Billig-Supermarktkette bringt neuen Schwung in die Gemeinde. Um die Kette davon zu überzeugen, dass ihr Ort der Richtige für das Projekt ist, machen sich die Bewohner daran, ein Promo-video über Lafors zu drehen. Zuwanderer, Immigranten, Unterschicht und Oberschicht – alle arbeiten zusammen, um ihr kleines Städtchen zu retten. Lesen Sie mehr dazu in unserem Interview mit der Regisseurin.

Publikumsgespräch zu den skandinavischen Filmen: Danish Export Hit: Mads Brügger