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Donnerstag, 14.06.2018

Auf der Suche nach dem globalen Zeitgeist

 

Aus 43 Ländern stammen die Filme im Programm des 36. FILMFEST MÜNCHEN und stellen damit einen Querschnitt des zeitgenössischen Filmschaffens rund um den Globus dar. Obgleich die Herkunft der einzelnen Filme bei der Auswahl keine Rolle spielt, kristallisieren sich in diesem Jahr dennoch einige Länderschwerpunkte heraus.

 

Ein Blick hinter den roten Vorhang, jenseits der chinesischen Megametropolen

Das FILMFEST MÜNCHEN präsentiert in diesem Jahr vier chinesische Filme in Anwesenheit der Regisseure, unter anderem des Regiemeisters Jia Zhang-Ke. Dies wird durch das Engagement der Zentrale des Konfuzius Institut ermöglicht. Höhepunkt und „Center Piece“ ist Jia Zhang-Kes „Asche ist reines Weiß“ (deutscher Kinostart: 6.12.2018). Mit seinem meisterlichen Werk unterstreicht Jia Zhang-Ke seinen Status als Chronist seines Landes, indem er sich mit den (gesellschaftlichen) Folgen des chinesischen Turbokapitalismus auseinandersetzt. „Asche ist reines Weiß“ entführt die Zuschauer*innen in gigantische Bildwelten des organisierten Verbrechens und ist Romanze, Gangsterfilm und Melodram zugleich. Neben ihm zeigen sich beim Filmfest mutige junge Regisseure mit gewaltigem Kunst- und Stilwillen. Sie blicken hinter die Kulissen des bekannten Chinas, in die Provinz jenseits der Megametropolen: Tiefgreifende Veränderungsprozesse behandelt etwa Yue Dongs avantgardistischer Polizeithriller „The Looming Storm“. Feifei Wangs „From Where We've Fallen“ und „Silent Mist“ von Miaoyan Zhang beobachten dagegen komplexe Verwicklungen von Sehnsüchten und Schicksalen.

Darüber hinaus zeigt das FILMFEST MÜNCHEN zwei weitere chinesische Filme: Mit „Dragonfly Eyes“ des bildenden Künstlers Xu Bing einen Beitrag zum Thema Überwachung sowie das im besten Sinne klassische Martial-Arts-Spektakel „Brotherhood of Blades II“ (Regie: Yang Lu). Im Programm vertreten ist auch die humorvolle taiwanesische Indie-Groteske „The Great Buddha+“ von Hsin-Yao Huang. Am 3. Juli um 16.30 Uhr diskutieren erst Jia Zhang-Ke, dann die jungen Newcomer Yue Dong, Feifei Wang und Miaoyan Zhang mit Filmfest-Programmer Bernhard Karl im Filmmakers Live Panel „Chinesisches Filmwunder: Kinoautoren aus dem Reich der Mitte“ in der Black Box im Gasteig.

Social Horror aus Skandinavien

Der thematische wie geografische Brückenschlag aus dem fernen Osten zum hohen Norden gelingt dem Dänen Mads Brügger mit „The Saint Bernard Syndicate“ aus der Reihe International Independents. Darin wittern zwei inkompetente dänische Geschäftsmänner in China das große Geld. Gleich drei skandinavische Filme sind in diesem Jahr in der Wettbewerbsreihe CineVision vertreten: Der schwedische „Un Certrain Regard“-Gewinnerfilm aus Cannes „Border“ (Regie: Ali Abbasi) ist eine eindringliche Allegorie auf den Umgang mit Minderheiten. Der Hybrid aus Sozialdrama und Horrorfilm entführt in eine mythologische Welt um die eigenwillige Zollbeamtin Tina – wunderbar und garstig zugleich. Der dänische Thriller „The Guilty“ von Gustav Möller, erzählt dagegen ein intensives Kammerspiel in der Polizeitelefonzentrale: Über das Telefon soll ein Polizist herausfinden, wo sich eine entführte Frau befindet. Das norwegische Westernmärchen „Lake Over Fire“ von Joern Utkilen verlegt klassische Genreelemente nach Skandinavien. Eine fabelhaft komische Welt entsteht: Der Trailerpark wird zur Westernstadt, die Cowboys fahren mit übergroßen Helmen auf Mofas, in der Goldmine werden kunterbunte Plastikperlen abgebaut, mit denen man verspielte Topfuntersetzer bügeln kann. Weitere Beiträge sind die Komödie „Amateurs“ von Gabriela Pichler und das Drama „Jimmie“ von Jesper Ganslandt, die das Thema Migration auf eigene Art und Weise behandeln. Zum 100. Geburtstag von Ingmar Bergman zeigt das Filmfest den Dokumentarfilm „Bergman – A Year in a Life“ von Jane Magnusson sowie Bergmans „Aus dem Leben der Marionetten“.

Italienisches Kino - vielfältig wie nie auf dem Filmfest

Das italienische Kino ist, auch dank der bewährten Unterstützung von Luce Cinecittà, auf dem 36. FILMFEST MÜNCHEN mit einem starken Line-Up vertreten: Der Schwerpunkt liegt auf zwei Powerfrauen des italienischen Films, den Schwestern Alba und Alice Rohrwacher sowie auf der italienischen Metropole und Filmstadt Neapel. Die Schauspielerin Alba Rohrwacher wird gleich in zwei Filmen zu sehen sein: In „Troppa grazia“ (Regie: Gianni Zanasi) sowie in „Glücklich wie Lazzaro“, dem neuen Werk ihrer Schwester, Alice Rohrwacher, die für den Film in Cannes den Preis für das beste Drehbuch gewann. Mit Fokus auf Neapel präsentiert das Filmfest die mysteriöse Liebesgeschichte „Napoli velata“ von Ferzan Ozpetek und das Mafia-Musical „Ammore e malavita“ der Manetti Brothers. Beide Werke spielen in der berühmten Hafenstadt, die seit jeher eine ungeheure Faszination auf das Kino ausübt. Auch die weiteren italienischen Filme belegen die Bedeutung des Filmlands Italien: Stefano Savonas in Gaza City angesiedeltes tiefgründiges Familienportrait „Samouni Road“, das Drogendrama „Il contagio“ von Matteo Botrugno und Daniele Coluccini sowie „Zuhause ist es am schönsten“ von Gabriele Muccino. Darüber hinaus findet am 4. Juli um 16 Uhr das Filmmakers Live Panel „Cinema italiano“ zum Stand des italienischen Films statt – mit den Regisseuren Gianni Zanasi, Ferzan Ozpetek, Matteo Botrugno, Daniele Coluccini und Stefano Savona. Es moderiert Christoph Gröner, Programmer des FILMFEST MÜNCHEN.

Die filmischen Nachkommen der Lucrecia Martel

Besonders im Zentrum steht auch das Filmland Argentinien, das in den letzten zwei Jahrzehnten eine beispiellose Explosion erlebte und inzwischen jährlich mehr als 200 Langfilme produziert. Am Anfang dieser Entwicklung stand die Regisseurin Lucrecia Martel, der das 36. FILMFEST MÜNCHEN eine Retrospektive widmet. Durch ihr Debüt „Der Morast“ (2001), das eine Großbürgerfamilie auf ihrem verfallenden Landsitz porträtiert, wurde für eine ganze Generation stilprägend. So auch für die jüngsten Neuentdeckungen unter den Filmemacher*innen von heute, die im Filmfest-Programm vertreten sind: darunter Silvia Schnicer und Ulises Porras, die in „Tigre“ den Kosmos von Martels Erstling aufgreifen und zugleich fortschreiben. Die scharfe Beobachtung der gesellschaftlichen Realität ist auch heute ein zentrales Thema im argentinischen Film: In „Alanis“ zeichnet Anahí Berneri ebenso schonungs- wie vorurteilslos, aber zugleich zärtlich das Porträt einer Prostituierten. „El motoarrebatador“ von Agustín Toscano schildert aus dem Blickwinkel eines motorisierten Handtaschenräubers die soziale Unruhe und Perspektivlosigkeit in der Provinz sowie die Sehnsucht nach einer neuen Identität. Einen komödiantischen Blick auf das gesellschaftliche Gären im heutigen Argentinien und die Schwierigkeit, in diesem Land Kunst zu machen, wirft schließlich Alejo Moguillansky in „La vendedora de fósforos“. Darin scheitert der berühmte deutsche Komponist Helmut Lachenmann an den Proben seiner titelgebenden Oper, weil eine Streikbewegung die gesamte Hauptstadt lahmlegt.