CineMerit Award Michael Haneke

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Die trügerische Oberfläche der Bilder

Über den Autorenfilmer Michael Haneke
von Michael Kohler


ührtheit auf die Welt schaut, müsste sie dann nicht auch den Schleier der Illusionen fortreißen, der zur menschlichen Wahrnehmung dazugehört? Natürlich konnte sich diese Hoffnung nicht erfüllen, weil immer noch ein Mensch durch die Kamera und auf ihre Bilder schaut. Doch der technisch unterkühlte Blick wird immer wieder von den Filmemachern simuliert, um dem Traum auf Umwegen treu zu bleiben. Es sind in der Regel nicht die schlechtesten Regisseure, die sich dieser Tradition verschreiben, und ihr derzeit erfolgreichster Vertreter ist der 1942 in München geborene Michael Haneke. 
Nach zwei Jahrzehnten beim Fernsehen begann Haneke seine Filmkarriere mit einem cineastischen Paukenschlag. In DER SIEBENTE KONTINENTerzählt er die Geschichte eines kollektiven Freitods und weigert sich konsequent, die Gründe der Figuren zu erklären. Stattdessen verfolgt er den Alltag einer scheinbar ganz gewöhnlichen Familie und lässt die Kamera aus distanzierter Perspektive registrieren, wie das auf verlässliche Gewohnheit aufgebaute Familienleben eine unerhörte Verzweiflungstat gebiert. DER SIEBENTE KONTINENT war der Auftakt zu einer Aufsehen erregenden Trilogie, in der Haneke dem bürgerlichen Mittelstand eine pathologische Gefühlskälte attestierte. In BENNYS VIDEO führt die von ihm beklagte "Vergletscherung der Gefühle" dazu, dass ein 14-jähriger Junge ein gleichaltriges Mädchen scheinbar ungerührt mit einem Bolzenschussgerät ermordet. Die zwei Jahre später entstandenen 71 FRAGMENTE EINER CHRONOLOGIE DES ZUFALLSfügen den Amoklauf eines Teenagers wie ein Puzzle ohne Auflösung zusammen. 
üblichen Erklärungsmustern, sondern halten uns auch auf Distanz. Während wir im Kino sonst in die Handlung hineingezogen werden und im Mitleiden die Illusion erleben, notfalls selbst ins Geschehen eingreifen zu können, erscheint dieses bei Haneke auf bedrückende Weise unausweichlich. Die Frage, die sich dabei aufdrängt, ähnelt der nach der Henne und dem Ei: Ist der kalte Blick das ideale Medium, um die "Vergletscherung der Gefühle" zu enthüllen? Oder stellt er diese auf der Leinwand überhaupt erst her? 
Dem äußerst nachdenklichen Filmemacher ist das mögliche Paradox seiner Ästhetik natürlich nicht entgangen. Bilder haben bei ihm per se etwas Bedrohliches, weshalb der heimische Film- und Fernsehkonsum der Protagonisten wie des Publikums insbesondere im Frühwerk eine entscheidende Rolle spielt. In BENNYS VIDEO scheinen Horrorfilme den Titelhelden für reales Leiden unempfänglich gemacht zu haben. Doch wenn er seinen Eltern die Aufnahme des Mordes vorspielt, wirkt dies vor allem wie ein stummer Hilferuf. Nichts mehr fühlen zu können ist bei Haneke ein Gefängnis, aus dem sich die Figuren nur mit verzweifelten Mitteln befreien können. Diesen Zustand stellt Haneke mit seiner mitleidlos beobachtenden Kamera nach und überträgt ihn auf das Publikum.

Funny -games _szene

In den letzten zehn Jahren haben Michael Hanekes Filme eine Richtung eingeschlagen, die sich vorsichtig als Tauwetter-Periode umschreiben lässt. Zwar sind seine Themen die gleichen geblieben, und selbst wenn man von FUNNY GAMES U.S., dem Remake seines eigenen Films FUNNY GAMES absieht, kehren Namen und Konstellationen verblüffend häufig in lediglich leicht abgewandelter Form wieder. Doch statt die Konventionen des klassischen Erzählkinos so weit wie möglich zu ignorieren, nutzt er sie nun für seine Zwecke. Haneke zieht uns in klassische Genregeschichten hinein, um unsere Erwartungen formvollendet zu düpieren. WOLFZEIT, zum Beispiel, ist eine Endzeitvision, in der eine Mutter mit ihren Kindern durch eine barbarische Zukunft irrt. Wer jetzt allerdings nach einem zweiten THE DAY AFTER sucht, findet sich schnell auf der falschen Fährte wieder. Der Anfang von CACHÉ stimmt auf einen Thriller ein, indem er das Motiv der terrorisierten Kleinfamilie zitiert und mit rätselhaften Videobotschaften eine äußere Bedrohung schafft. Am Ende kommt die unbestimmte Gefahr wieder aus dem familiären Inneren: Eine verdrängte Schuld kehrt zurück und setzt sich in den Rissen einer lieblosen Ehe fest. 
Mit dem ästhetischen Strategiewechsel ging der Wechsel ins französische Idiom einher. Seit CODE UNBEKANNT arbeitet Michael Haneke in Frankreich und hat selbst für die in seiner österreichischen Heimat spielende Jelinek-Verfilmung DIE KLAVIERSPIELERIN keine Ausnahme gemacht.

Klavierspielerin _szene

Das Filmfestival von Cannes dankt es ihm mit Einladungen und Preisen, französische Schauspielstars wie Isabelle Huppert, Daniel Auteuil und Juliette Binoche belohnen ihn mit großartigen Leistungen. Auch in Amerika ist Haneke mittlerweile angekommen, wobei er dort mitFUNNY GAMES U.S. nicht zufällig ein aufs i-Tüpfelchen stimmiges Selbstzitat ablieferte. Die Freiheiten seiner Tauwetter-Periode kann sich Haneke auch deswegen nehmen, weil er mit dem deutschsprachigen FUNNY GAMES-Original das Manifest seines Antikinos geschaffen hat. 
In FUNNY GAMES fährt ein wohlhabendes Ehepaar mit seinem 10-jährigen Sohn aufs Land und wird noch beim Auspacken von zwei wohlerzogenen Quälgeistern heimgesucht. Den Ehemann setzen die Eindringlinge mit dessen Golfschläger außer Gefecht, fesseln Ehefrau und Kind und demütigen ihre Geiseln reihum nach Lust und Laune. In der zentralen Szene des Films erschießt die Ehefrau einen der Peiniger, die Rettung scheint greifbar nahe, doch dann spult der andere Unhold Hanekes Film einfach mit der Fernbedienung zurück. Selbst wer mit den Opfern leidet und den Tätern ein jähes Ende wünscht, macht sich in Hanekes Augen schuldig, weil er sich von Mord und Totschlag unterhalten lässt. Für ihn ist Gewalt alles außer unterhaltsam, weshalb er sein Publikum in FUNNY GAMES nicht nur auf dessen stillschweigende Komplizenschaft stößt, sondern der Gewalt auch ihre mediale Unverträglichkeit zurückgibt. So wie Haneke die Konventionen des Horrorfilms beständig unterläuft und zugleich karikierend auf die Spitze treibt, sind seine Filme eine einzige Zumutung - und genau das sollen sie auch sein.

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