Das sollten Sie wissen...
Internationales Programm

Aufbruch aus dem Niemandsland
Man kann sich auf eine filmische Weltreise begeben, die auch unerforschte Gegenden auf ihrer Route hat und manchmal direkt in die Seelen der Menschen führt, die diesen Planeten (und den Mond) für bewohnbar halten. Hollywood-Regisseurin Kathryn Bigelow, zum Beispiel, nimmt uns in dem Irak-Film THE HURT LOCKER mit auf solch eine Reise ins Herz der Finsternis.
Der deutsche
Regisseur Oliver Hirschbiegel drehte in Irland mit Liam Neeson
FIVE MINUTES OF HEAVEN, in dem es nicht wie bei
Bigelow um die Unmittelbarkeit der Gewalt, sondern um deren
Langzeitwirkung geht. Und in dem belgischen
Film VINYAN suchen Emmanuelle Béart und Rufus
Sewell im thailändischen Dschungel nach ihrem im Tsunami vermissten
Kind - und finden den conradschen Horror. Die weiteste Strecke aber
hat Sam Rockwell in MOON hinter sich - der
Einsamste von allen.
LOST PERSONS AREA, der Titel eines anderen belgischen Films, kann
als prägnante Standortbestimmung für einen großen Teil des
aktuellen Weltkinos gelesen werden. Rund um die Erde fangen
Filmemacher ein Niemandsland, eine soziale Wüste ein, die zugleich
oft eine Zwischenstation vor dem Aufbruch in ein neues, besseres
Leben sein kann.
Ob es um den Verlust ursprünglicher
Lebenskultur in der kasachischen Steppe (NATIVE
DANCER) oder die Radikalisierung in den Straßen Sofias
geht (EASTERN PLAYS); ob trügerische Stille an der
iranischen Küste (Rotterdam-Tiger Preisträger BE CALM
AND COUNT TO SEVEN) oder Naturzerstörung in den Hügeln
Kataloniens (EL SOMNI) herrscht;ob die Frage nach krimineller
Energie, Gier und Verzweiflung der Menschen vor dem Hintergrund des
indischen Kerala (A CLIMATE FOR CRIME) oder im
Dickicht Casablancas (CASANEGRA) verhandelt wird,
überall stemmen sich Menschen gegen die soziale Erosion oder werden
von den Veränderungen davongerissen. Das gilt auch und besonders
für die Aborigines in dem australischen Spielfilm SAMSON &
DELILAH und für die Lakota-Indianer in dem Schweizer
Dokumentarfilm NO MORE SMOKE SIGNALS - wobei
trotz der geographischen Distanzen und filmsprachlichen
Unterschiede eine so starke thematische Gemeinsamkeit auszumachen
ist, als stünden all diese Filme in einem direkten Dialog
miteinander.
Das russische Kino begibt sich auf eine
spannende Zeitreise in die Vergangenheit (PAPER
SOLDIER) und formuliert dabei die Sehnsucht nach einer
neuen alten nationalen Identität (YURI'S DAY).
Iranische Filmkünstler zeigen mit Chiffren von
gesamtgesellschaftlicher Bedeutung einmal mehr ihren unbändigen
kreativen Freiheitsdrang (TWO-LEGGED HORSE;
SHIRIN).
Viele europäische Filmemacher
finden ihre Geschichten im Mikrokosmos des Privaten. Die
Spurensuche in der Psyche bringt dabei neuartige Erzählformen
hervor (SCHOTTENTOR, BULLET IN THE HEAD). Immer
wieder geht es um die Keimzelle Familie und den Kampf um oder das
Scheitern von Erziehung (DOGTOOTH, THE MISFORTUNATES,
KISSES, DAS WEISSE BAND, THE BLESSING, AWAYDAYS).
Nordamerikanische Varianten zu diesem Themenkomplex liefern der von
Martin Scorsese produzierte LYMELIFE (USA)
sowie der unglaublich präzise beobachtende kanadische
Teenager-Ensemble-Film À L'OUEST DE PLUTON.
Aus Québec kommen noch zwei weitere filmische
Überraschungen: C'EST QU'IL FAUT POUR VIVRE
ist die zutiefst berührende Geschichte eines Inuit, der in einer
Lungenklinik die "Zivilisation" entdeckt; völlig andere, nämlich
ungleich schrillere Töne schlägt die
Horrorkomödie TRUFFE an, bei der Roger Corman
und David Lynch hätten Pate stehen können.
Das allzu bizarr Menschliche regt oft
genug auch zum Lachen an. So wird aus einem unverfänglichen
Fischerausflug eine rabenschwarze Satire (HOOKED),
führt ein Baby im kriegszerstörten Kabul zu grotesken Verwicklungen
(KABULI KID), überrascht uns das Chaos einer
isländischen Hochzeit (COUNTRY WEDDING) genauso
wie der Versuch schwedischer Männer, als Synchronschwimmer ihr
Selbstwertgefühl wieder ins Lot zu bringen (MÄNNER IM
WASSER).
Das Spiel mit Geschlechterrollen
ist auch wunderbares Material für den Flaneur- und
Strandfilm UN ALTRO PIANETA. Er ist nur ein
Beispiel für neue Talente im italienischen Kino, denen wir mit vier
Werken bewusst viel Raum geben. Die bissige Commedia all'Italiana
TUTTA LA VITA DAVANTI komplettiert diesen
Programmteil.
Ein Schwerpunkt ist in diesem Jahr Filmen aus und über Afrika
gewidmet. So zeigen wir innovatives Kino aus Algerien
(INLAND), aufrüttelnde Einblicke in
kriegszerstörte Landschaften (MY NEIGHBOR, MY KILLER und LIVING IN
EMERGENCY), ein multikulturelles Porträt aus Südafrika (SEA
POINT DAYS) und einen Meilenstein des jüngeren
afrikanischen Films aus Äthiopien (TEZA).
Anfangs war von Filmen die Rede, die wie Reisen in die Finsternis
sind. Als Kontrast dazu gibt es gleich drei brandneue Roadmovies
heitereren Zuschnitts: In THE OPEN ROAD
fahren Jeff Bridges und Justin Timberlake von Norden nach Süden
durch die USA, in $5 A DAYChristopher Walken
und Alessandro Nivola von Osten nach Westen. Und
in BOMBER schließlich chauffiert ein
Engländer seine betagten Eltern von London aus quer durch die
europäische Provinz bis ins niedersächsische Bad
Zwischenahn...
Robert Fischer / Christoph Gröner / Bernhard Karl










