Visiones Latinas

Visio4

Neues aus dem Ameisenhaufen

16 Filme aus 7 Ländern, davon 2 Weltpremieren
Autorenkino aus einer der überraschendsten und stilistisch innovativsten Filmlandschaften der Welt


VISIONES LATINAS präsentiert eine Region, die eine spektakuläre Wiedergeburt ihrer Filmkultur erfahren hat. Obwohl Lateinamerika, wie es in einem alten mexikanischen Sprichwort heißt, "so fern von Gott, so nah an den Vereinigten Staaten" ist; sein Kino bedrängt wird von der Übermacht der Hollywood-Industrie; den Kinobetreibern die Konkurrenz von Fernsehen und Internet wie überall auf der Welt zu schaffen macht, reißt der Strom von jungen Talenten nicht ab. Gegen Ende der 90er Jahre begannen in Argentinien und Mexiko einige radikale Autorenfilmer der jüngsten Generation, von Kritikern erst nur spöttisch "las hormiguitas", "die Ameischen" genannt, mit der Ästhetik des Mainstream-Kinos zu brechen. Um diesem Erwachen in München eine Plattform zu bieten, rief das Filmfest München damals eine Lateinamerika-Reihe ins Leben. 
Seither sind aus den kleinen Ameisen renommierte Großkünstler des Weltkinos geworden - so Carlos Reygadas, Pablo Trapero und Lucrecia Martel, die von Anfang an ihre Werke in München präsentierten.
Gasolina _szeneIm Ameisenhaufen allerdings ist seither keine Ruhe eingekehrt. Inzwischen krabbelt es in den Kinosälen des gesamten Kontinents, und zwar auch in Ländern, die bislang auf der Karte des Weltkinos nur weiße Flecken bildeten. So in Guatemala, das durch Erstlinge wie Julio Hernández Cordóns GASOLINA plötzlich zum verheißungsvollen Filmland avanciert.

Dem Filmschaffen dieser neuen Generation sind die diesjährigen VISIONES LATINAS gewidmet: es sind ausnahmslos erste oder zweite Filme von jungen Regisseuren. In seiner Art einzigartig ist insbesondere die Wiedergeburt des Autorenkinos in Chile, das den diesjährigen Schwerpunkt bildet. Bis vor einigen Jahren war die Existenz eines chilenischen Kinos international quasi unbekannt. Ein Phänomen von tragischer Dimension. Immerhin war einst Chile das Geburtsland des Nuevo Cine Latinoamericano; war es der chilenische Filmpionier Aldo Francia, der 1967 mit der Gründung des Festivals von Viña del Mar und der ersten chilenischen Filmschule zu einem neuen Aufbruch im lateinamerikanischen Kinos rief. Nur sechs Jahre später erlebte die chilenische Filmindustrie durch den Pinochet-Putsch einen Zusammenbruch. Fast vier tote Jahrzehnte dauerte es in Chile, bis eine neue Generation von Filmschaffenden die Kinos eroberte. Und mit Sebastián Silvas LA NANA, einer bissig-hintersinnigen Komödie über die Eskapaden einer widerspenstigen Hausangestellten, gewann nun erstmals ein chilenischer Film den Wettbewerb des Sundance-Festival. 

In vergleichbarer Form lässt sich Wiedererwachen auch in anderen Ländern des Kontinents beobachten.
Viajes _szeneDerzeit gelingt es in Kolumbien zum ersten Mal seit der Stummfilmära wieder, eine solide Filmindustrie zu etablieren. Sie lässt stilistisch so vielfältige Werke wie Ciro Guerras LOS VIAJES DEL VIENTO und Jorge Caballeros bitterböse Dokumentar-Farce BAGATELA entstehen. Auch Perú, wo durch den Bürgerkrieg des Leuchtenden Pfads zeitweise flächendeckend Kinos geschlossen wurden, erntet als Filmland weltweite Auszeichnungen - dank des Talents von Regisseuren wie Josué Méndez (DIOSES), die die kontrastreiche Gegenwart des Landes auf die Leinwand bannen.
Bei all der künstlerischen Vielfalt von Autoren, die über ein riesiges Territorium zerstreut sind, lässt sich eine Art gemeinsamer künstlerischer Ansatz beobachten, der dem Begriff des "Neuen lateinamerikanischen Kinos" jenseits eines bloßen Etiketts wieder einen Sinn gibt. Inhaltlich gesehen findet sich eine genreübergreifende Hinwendung zu Geschichten, die feinfühlig und zugleich brisant die Spannungen in einer durch eminente Klassenunterschiede gekennzeichneten Region spürbar machen. Etwa wenn Gabriel Mascaro in UM LUGAR AO SOL oder Josué Mendez inDIOSES in die bizarr von der Realität abgeschottete Welt der reichen Oberschicht eindringen, oder aber wenn, wie in BAGATELA oderHUACHO, ins Abseits gedrängte Existenzen, die um das blanke Überleben kämpfen, durch den Film eine Stimme erhalten. 

Stilistisch verbindet die hier vorgestellten Filme eine eigenwillige Rebellion gegen klassische Formen und Erzählstrukturen. Zuweilen entsteht dabei fast ein "Anti-Kino". In ihrem Erstlingswerk MAMI TE AMO durchbricht die 24jährige chilenische Regisseurin Elisa Eliash die von Drehbuchlehrern gern als Naturgesetze propagierten Regeln der Filmdramaturgie vollständig: indem sie die lineare Handlung einfach abschafft.
Juntos _szene
Und in radikaler Weise bringt Nicolás Peredas KammerspielJUNTOS die äußeren Aktionen seiner beiden jugendlichen Helden in einer tristen Wohnung in Mexiko-Stadt so vollständig zum Erliegen, dass dies fast einer Provokation gleichkommt.
Insofern mag es geschehen, dass ein gezielter, giftiger Ameisenbiss in das bequem eingesessene Hinterteil des Kinobesuchers zum schreienden Aufspringen aus dem Kinosessel führt. Was bei solchen Kollateralschäden jedoch faszinierend ist: Trotz aller (netz-)hautreizenden Irritationen ist es diesem Kino gelungen, ein internationales Publikum, aber auch eine stetig wachsende Fangemeinde im eigenen Lande zu erobern. Und zwar gegen die Prognosen all derer, die sich päpstliche Autorität darüber anmaßen, was "verkaufbar" und "dem Zuschauer zumutbar" ist. Denn zahlreiche Zuschauer haben sich längst auf die Seite der Rebellen geschlagen. 

Florian Borchmeyer

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