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Mittwoch, 03.06.2015

Eröffnungsfilm DEN MENSCHEN SO FERN

Viggo Mortensen und David Oelhoffen in München

Eröffnungsfilm DEN MENSCHEN SO FERN

Ein europäischer Western: Viggo Mortensen in DEN MENSCHEN SO FERN


Der Eröffnungsfilm des 33. FILMFEST MÜNCHEN ist DEN MENSCHEN SO FERN von David Oelhoffen mit Viggo Mortensen (HERR DER RINGE) und Reda Kateb in der Hauptrollen. Die Geschichte eines Schullehrers (Mortensen), der einen Mörder (Kateb) durch den algerischen Bürgerkrieg 1954 in die Stadt bringen muss, um ihn der Gerichtigkeit zuzuführen, basiert auf der Kurzgeschichte "Der Gast" von Albert Camus. Das bildgewaltige Wüstenepos, auf französisch und arabisch in Marokko gedreht, wird am Donnerstag, 25.06. im Mathäser Filmpalast in Anwesenheit des Regisseurs, Hauptdarstellers und der versammelten bayerischen Film- und Politikprominenz zur Eröffnung des Festivals gezeigt (nur auf Einladung) und während der Festivalwoche für das Publikum wiederholt.

Das FILMFEST MÜNCHEN sprach mit David Oelhoffen, für den DEN MENSCHEN SO FERN der zweite Spielfilm ist.

Monsieur Oelhoffen, worum geht es in DEN MENSCHEN SO FERN?

Es geht darum, was der Krieg mit zwei Männern anrichtet. Wie reagiert man, wenn das eigene Land ins Chaos rutscht? Ist so etwas wie Brüderlichkeit dann noch möglich? Dadurch ist es eine universelle Geschichte, die in jedem Land zu jeder Zeit spielen und von jedem Krieg erzählen könnte.

Begegnungen verlaufen in Ihrem Film beinahe immer gewalttätig.

Das stimmt, aber gleichzeitig muss Daru auf seiner Reise mit Mohammed realisieren, dass man fernab der Menschen auf Dauer auch nicht leben kann. Er war jahrelang isoliert in seinem Schulgebäude, und nun zeigt ihm die Freundschaft zu Mohammed, dass er in die Gesellschaft zurückkehren muss. Am Ende des Films bezieht der Titel sich auch eher auf Mohammed. Mir gefällt, wie der Titel im Laufe der Geschichte sozusagen seinen Besitzer wechselt. Der Film basiert ja auf einer Kurzgeschichte von Albert Camus namens ,L’Hôte‘, was auch sehr ambivalent ist: Der Titel kann gleichzeitig ‚Gast‘ und ‚Hausherr‘ bedeuten.

Die Ambivalenz von ‚Mann‘ und ‚Mensch‘ findet sich auch im französischen und englischen Titel des Films. Weibliche Figuren treten lediglich in der Schule auf – und im Freudenhaus.

Grundsätzlich ist mit ‚hommes‘ oder ‚men‘ hier schon die ganze Menschheit gemeint. Aber Darus Problem besteht darin, weit weg von Frauen zu leben – also auch weit weg von Liebe und einer Beziehung. Er hat zehn Jahre zuvor seine Frau verloren. Er behandelt seine Schulkinder zwar sehr väterlich, aber für ein erfülltes Leben reicht das eben nicht. Daru erkennt durch seine Erfahrung im Bordell, dass er aufhören muss zu trauern und stattdessen zurück ins Leben finden muss.

Das Ende von Camus‘ Kurzgeschichte haben sie signifikant verändert.

Das musste ich tun, damit das Ende zum Rest der Handlung passt. Bei Camus sprechen die zwei Hauptfiguren nicht miteinander, die Geschichte gehört ganz Daru. Das ist die wichtigste Veränderung im Film: Die beiden beginnen, einander zu verstehen, allmählich entwickelt sich eine Freundschaft.

Wobei es mit der zerklüfteten marokkanischen Landschaft noch einen dritten Hauptdarsteller gibt.

Es hätte am meisten Sinn ergeben, rund 60 Jahre nach Ausbruch des Algerienkrieges auch dort zu drehen. Aber aus logistischen Gründen – und, ehrlich gesagt, auch der Sicherheit zuliebe – haben wir die Grenze überquert und auf der marokkanischen Seite des Atlasgebirges gedreht. Dort sieht die Landschaft genauso aus. Um Postkartenbilder ging es mir dabei gar nicht. Ich wollte die Absurdität des Krieges betonen. Die Menschen sehen in dieser majestätischen, abweisenden Umgebung so lächerlich klein und unbedeutend aus. Es mag gerechte Kriege geben, aber auch diese sind immer absurd.

Vergessen wir die Westernmotive nicht…

Ja, der Film ist schon eine Art Western: Ein Gefangener muss in die nächste Stadt gebracht werden. Man sieht große Panoramen, und es entwickelt sich ein Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Rechtssystemen, dem der Einheimischen und dem des weißen Mannes. Nun gibt es brutale Western, in denen das Leben keine Bedeutung zu haben scheint. Und es gibt politische Western wie die von Arthur Penn oder Anthony Mann, die versuchen, die Widersprüche im amerikanischen Mythos aufzuzeigen. Etwas Ähnliches habe ich mir auch vorgenommen: Unser europäischer Mythos ist der Universalismus, der seiner Pervertierung im Kolonialismus gefunden hat. Ich würde sagen, der Film ist ein europäischer Western.

Interview: Tim Slagman