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Freitag, 10.06.2016

Wettbewerb CineMasters: Lyrik ohne Ende

Alejandro Jodorowsky, Amos Gitai, Terence Davies, Otar Iosseliani

POESÍA SIN FIN

Im Wettbewerb CineMasters stehen die aus unserer Sicht wichtigsten Filmwerke des Jahres etablierter Regisseure. Zum fünften Mal vergibt eine hochkarätige internationale Jury den von den Firmen ARRI und OSRAM gestifteten Arri/Osram Award im Wert von 50.000 Euro.

11 Filme die stilistisch nicht verschiedener sein könnten von Regisseuren unterschiedlicher Generation, die ihre herausragende künstlerische Qualität verbindet. Hier stehen die neue Werke bekannter Meister ihres Fachs wie Alejandro Jodorowsky, Amos Gitai, Terence Davies oder Otar Iosseliani, neben großartigen Filmen von jüngeren Regisseuren, bei denen es sich um ihren mindestens dritten Film handelt.

An zwei chilenischen Filmen ist dieser Generationsunterschied spannend zu beobachten: POESIA SIN FIN von Alejandro Jodorowsky und NERUDA von Pablo Larraín. Der 87-jährige Kultregisseur Jodorowsky, der nach LA DANZA DE LA REALIDAD (2013 beim FILMFEST) seine persönliche Lebensgeschichte mit unvergleichlicher surrealer Magie fortspinnt und der knapp vierzigjährige hochbegabte Larraín (2011 mit POST MORTEM beim FILMFEST), der Jungstar Gabriel Garcia Bernal auf eine fanatische Jagd nach dem charismatischen Dichter Neruda schickt. Bernal verkörpert den Charakter eines "Mittelmäßigen", der, ähnlich der Figur Salieri in Milos Formans AMADEUS, tragisch am Genie Neruda scheitert.

SUNSET SONG

Beide Filme haben ein spannendes Grundmotiv gemein, das auffällig viele Regisseure beim diesjährigen FILMFEST und auch im Wettbewerb CineMasters beschäftigt: die subjektive Neuformulierung von Geschichte. Amos Gitai wirft in RABIN THE LAST DAY anhand eines minutiös rekonstruierten juristischen Szenarios einen mutigen Blick auf die Ursachen und Hintergründe der Ermordung Yitzhak Rabins. Terence Davies (2012 beim FILMFEST mit THE DEEP BLUE SEA) erzählt mit seiner elektrisierenden Hauptdarstellerin Agyness Deyn (2015 mit ELECTRICITY in München)  in der Romanverfilmung SUNSET SONG eine lyrische Liebes- und Leidensgeschichte zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Der radikale katalanische Minimalist Albert Serra (2014 mit STORY OF MY DEATH beim FILMFEST) treibt schließlich die "subjektive" Aneignung von Geschichte auf den Höhepunkt mit seinem malerisch-grotesken Requiem auf die Umstände des Todes von Frankreichs "Sonnenkönig" Ludwig XIV. (LA MORT DE LOUIS XIV). In der Hauptrolle des Sterbenden eine lebende Legende der europäischen Filmgeschichte: Jean-Pierre Léaud!

Unverwechselbar persönlich ist auch das Werk des georgischen Filmpoeten Otar Iosseliani (2011 beim FILMFEST mit dem CineMerit-Award geehrt), dessen mittlerweile 21. Film CHANT D’HIVER mit einer an Skurrilität kaum zu übertreffenden Episode aus der französischen Revolution beginnt. Mit welch humanistischem Florett er die Brücke ins Heute schlägt und mit welch Zauberhand er auf ein Neues gesellschaftlich Missachteten ein filmisches Monument errichtet, gehört zu den ganz großen Filmereignissen, die wir dieses Jahr gesehen haben.

FIORE

Ein weiteres zentrales Thema der Filme des diesjährigen FILMFESTS ist die Familie. Ein Meister der subtilen Beobachtung familiärer Beziehungen ist Asghar Farhadi (2013 mit LE PASSE beim FILMFEST, Oscarpreisträger für NADER UND SEMIN- EINE TRENNUNG). Mit THE SALESMAN präsentieren wir seinen eben in Cannes zweifach preisgekrönten neuen Film. Ebenso in Cannes gefeiert wurde SIERANEVADA des Rumänen Cristi Puiu. Puiu beobachtet ganze drei Stunden lang in filmisch atemberaubender Art und Weise eine Großfamilie in einer Wohnung. Die Wohnung ist auch Kriegsschauplatz in Joachim Lafosses mit Bérénice Bejo und Cédric Kahn großartig besetztem Beziehungszweikampf L'ECONOMIE DU COUPLE.

Produkt von Bedrohung und Auflösung von Familienstrukturen sind die beiden gesellschaftlichen Einzelkämpfer in Claudio Giovannesis Gefängnis-Liebesdrama FIORE und in Kirill Serebrennikows Marius von Mayenburg-Verfilmung THE STUDENT. Beide Protagonisten, ob für sich einnehmend wie in FIORE oder erschreckend wie in THE STUDENT, könnten ikonographisch über vielen Filmen des FILMFEST Programms stehen: die leidenschaftliche Selbstbehauptung, der kreative Erfindungsreichtum des Menschen in einer Welt, die droht komplett ökonomischen Interessen unterworfen zu werden.

Bernhard Karl

CHANT D'HIVER