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Donnerstag, 16.06.2016

Es fliegen die Fetzen

Genrekino beim Filmfest

Es fliegen die Fetzen

Greta Scarano in SUBURRA

Na klar: Beim FILMFEST MÜNCHEN entzünden große Gefühle die Leinwand, in der Familie fliegen die Fetzen und die Tränen fließen aus Glück und aus Trauer, während Einzelschicksale erschüttert werden vom gnadenlosen Lauf der Zeit.

Und dann gibt es noch die Filme, die ganz nahe liegen an unseren Erfahrungen und doch nicht aus diesen erwachsen, die den Alltag zuspitzen in seine Extreme oder diesen ganz hinter sich lassen – und die mit dem Begriff Genre eigentlich viel zu flach und simpel beschrieben sind.

Velentina Herszage in MATE-ME POR FAVOR


Generisch, also formelhaft, ist rein gar nichts an Erzählungen wie MATE-ME POR FAVOR, dem Debütfilm der brasilianischen Regisseurin Anita Rocha da Silveira, die eine märchenhaft gefährliche Verschlingung inszeniert hat von Körper und Religion, von Pop und Tod, vom Erwachen der Sexualität und von der Unendlichkeitssehnsucht jugendlicher Liebe oder dem, was Teenies wie die 15-jährige Bia dafür halten. Im Westen von Rio erschüttert eine Mordserie an Mädchen und jungen Frauen Bias Umfeld, und unter, neben und zwischen den Hochhausschluchten der Großstadt halluziniert der Film sich durch das Gefühlschaos des Erwachsenwerdens in absoluter Lebensgefahr.

Nawazuddin Siddiqui in PSYCHO RAMAN


Thrill und Suspense sind eben keine Domänen des amerikanischen Kinos alleine, auch in Indien etwa wird auf der Leinwand heftig gemordet – wobei wenige Filme so tief hineintauchen in die dunklen Triebe des Menschen wie PSYCHO RAMAN von Anurag Kashyap. Ein Psychopath nimmt sich da einen Serienkiller aus den Sechzigern zum Vorbild, metzelt sich lustvoll durch die Gegenwart und die eigene Familie und kürt einen kaputten Cop zum Seelenverwandten und Nachfolger. Schrill und hochgestylt wie die Werbeschilder des Glitzermolochs Mumbai ist die eine Welt dieser wahnsinnigen Geschichte, derbe und roh wie die Slums der Stadt ihre andere.

Mehmet Özgür in FRENZY


In Emin Alpers FRENZY, beim Festival von Venedig ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury, kommt die Bedrohung auf leiseren Sohlen daher: Mit akribischem Eifer recherchiert Kadir, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, im Müll von Istanbul nach Sprengstoff – und in seinem nächsten Umfeld nach Anzeichen von terroristischen Aktivitäten, während das graubraune Istanbul um ihn herum immer wieder erleuchtet wird von Explosionen, von Feuern, von den Blaulichtern der Rettungsfahrzeuge.

Da kehren sie zurück, die Grauen des Alltags, genauso wie in MADE IN FRANCE, in dem ein Reporter eine Gruppe von Dschihadisten in den Banlieues von Paris infiltriert. Auch SUBURRA, ein knallharter Mafia-Thriller, inszeniert von Stefano Sollima, einem der Regisseure der TV-Serie GOMORRHA, macht aus der sozialen Wirklichkeit seines Herkunftslandes konsequent atemloses Kino. Zur Vorführung am Mittwoch, dem 29. Juni, um 17.30 Uhr kommt der italienische Shooting Star Greta Scarano nach München!

Nassim Si-Ahmed in MADE IN FRANCE


Freilich geht nicht nur in Europa der Mob um, in Peking etwa treibt schon die nächste Generation des organisierten Verbrechens ihr Unwesen und zwingt MR. SIX, einen ehemaligen Gangsterboss, auf der Suche nach seinem entführten Sohn zwischen ihre Fronten.

Der südkoreanische Regisseur Hong-Jin Na, auch so ein Experte für drastische Krimistories, zieht sein Publikum mit THE WAILING hingegen auf fremdes Terrain: tief in den Wald, in ein Dorf, in dem Aberglaube herrscht und Zwietracht sät. Ist der neu Zugezogene schuld an der Epidemie im Ort? Bilder und Gewissheiten verwischen bald in einem epischen und gleichzeitig faszinierend hysterischen Genre-Mix.

Aus der Ferne wieder nah zur Heimat und nah an die Nachrichtenlage: VOLT denkt die Flüchtlingssituation nur ein Stückchen in die Zukunft weiter. Der titelgebende Polizist Volt ist zur Bewachung der Transitzonen an den Grenzen eingeteilt, bei einem Scharmützel tötet er einen Geflüchteten, lässt sich mit dessen Schwester ein und landet zwischen den Schützengräben der eskalierenden Gewalt.

Kino, das heißt auch und vor allem beim FILMFEST MÜNCHEN: raus aus dem eigenen Leben, rein in eine Geschichte, die nicht die eigene ist – und die gleichzeitig, bei aller Brutalität und Rasanz, doch irgendwie die eigene sein könnte.

Tim Slagman

 

Hanyu Zhang  in MR.SIX