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Samstag, 25.06.2016

Anca Lăzărescu: Die Reise mit Vater

Heute bei Filmmakers Live: Neues Deutsches Kino

Regisseurin Anca Lăzărescu

Eigentlich wollten ihre Eltern, dass sie Medizin studiert. Doch der Drang zu Erzählen war größer. Zum Glück. Nach ihrem mit über 80 Preisen ausgezeichneten Kurzfilm SILENT RIVER zeigt Anca Lăzărescu nun ihr Spielfilmdebüt auf dem FILMFEST MÜNCHEN. DIE REISE MIT VATER heißt der Film der 1979 in Rumänien geborenen Regisseurin, der auf der Lebensgeschichte ihres Vaters beruht. Sieben Jahren arbeitete sie mit größeren und kleineren Unterbrechungen daran. Die Premiere sei jetzt bitternotwendig, sagt Lăzărescu.

Am Samstag, den 25.6. um 16 Uhr ist die Regisseurin zu Gast bei FILMMAKERS LIVE im Gasteig, Vortragssaal der Bibliothek. Die Premiere von DIE REISE MIT VATER  ist am Sonntag, den 26.6. um 17 Uhr im ARRI Kino. Der Film läuft außerdem am Freitag, den 1.7. um 9.30 Uhr im City 2 und am Samstag, den 2.7.2016 um 19.30 Uhr im ARRI Kino. Nach dem Film gibt es jeweils ein Q&A mit der Regisseurin.

Frau Lăzărescu, in Ihrem Film erzählen Sie von einem deutsch-rumänischen Vater, der mit seinen zwei Söhnen zur Zeit des Prager Frühlings in einem Flüchtlingslager in der DDR festgehalten wird. Nach Tagen des bangen Wartens dürfen sie über den Westen ausreisen. Wie aktuell ist die Geschichte?

Ich bin gleichzeitig froh und unglaublich traurig, dass man im Moment nach der Aktualität nicht mehr fragen muss. Es war eine absurde Situation als ich vor kurzem ein Bild sah, auf dem Flüchtlinge in einer Turnhalle zu sehen waren, die gerade ihre Betten bezogen und sich einrichteten. Dieselbe Einstellung kommt genauso in meinem Film vor. Immer wieder musste ich mir während der Finanzierungsphase anhören: Wen interessiert überhaupt noch der Kalte Krieg und was die Sowjetunion macht. All diejenigen, die mich immer noch fragen, warum ich die Geschichte so erzählen wollte, frage ich, ob sie das Bild in der Turnhalle gesehen haben. Und dass die Nato gerade ihre Panzer an der Grenze zu Russland stationiert und Putin sich auf wer weiß was vorbereitet, entspannt die Lage nicht gerade …

 Răzvan Enciu und Ovidiu Schumacher in DIE REISE MIT VATER


Der Film beruht auf Ihrer eigenen Familiengeschichte. In den Urlaub zu fahren und stattdessen in einem Flüchtlingslager zu stranden, passierte auch 1968 nicht jedem….

Meine Familie wollte tatsächlich nur Urlaub machen! Sie fuhren in die DDR, die Panzer überraschten sie, sie kamen in ein Auffanglager und waren vollkommen verzweifelt. Der rumänische Konsul schaffte es nach etlichen Tagen voller Verzweiflung schließlich, für sie und weitere 51 rumänische Familien mit ihren Autos einen sicheren Heimweg über die Bundesrepublik zu organisieren. Dort hatten sie dann zwei harte Nächte, in denen sie viel debattierten. Mein Großvater, der als Sozialist der ersten Stunde unehrenhaft aus der Partei entlassen worden war, wollte unbedingt bleiben. Es glaubte nicht daran, dass sich unter Ceausescu etwas ändern würden. Mein Vater war anderer Meinung, glaubte an einem neuen Sozialismus und wollte nach Rumänien zurück. Seine Familie wollte ihn aber nicht alleine lassen, deshalb kehrten sie alle heim.

Und Ihr Vater wollte wirklich nicht im Westen bleiben?

Er war 18 Jahre alt als die Familie völlig unvorbereitet innerhalb von 48 Stunden die Entscheidung treffen musste, ob sie für immer alles hinter sich lassen sollte. Keine klassische Fluchtgeschichte also. Ich wollte erzählen, wie einen ein Geschenk vollkommen überfordern kann. Was passiert, wenn plötzlich ein Traum, den du nie gewagt hast zu träumen, wahr wird. Das kann nämlich auch ein totaler Alptraum werden.

Zunächst haben die beiden Brüder im Film ja ein brennenderes Problem zu lösen, der Vater ist krank und soll in Dresden operiert werden. Doch dann werden sie von den Ereignissen des Prager Frühlings überrollt und werden in der DDR festgehalten…

Das stimmt, der erste Gedanke von Mihai ist: Was wollen wir im Westen, da haben wir ja gar keinen OP-Termin…  Die Panzer fahren in Prag ein und die rumänischen Touristen können erst mal nicht weiter.  Über die damalige Tschechoslowakei zu reisen war unmöglich, die DDR-Grenzen waren alle dicht, da gab es keinen Weg zurück. Die Familie sitzt also tatsächlich in dem Flüchtlingslager fest. Wie ich es im Film zeige, war es auch in Realität: Menschen unterschiedlichster Nationen waren dort, die so nach und nach freigelassen wurden. Für alle gab es eine Rückreise-Option – nur für die Tschechoslowaken und Rumänen nicht. Bei den CSSR-Bürgern war der Grund klar: Es herrschte Kriegszustand. Aber die Rumänen wussten nicht, warum sie festgehalten wurden und was passierte. Irgendwann kam dann heraus, dass sich Ceausescu auf die Seite der Tschechoslowakei gestellt hatte. Damit waren die Rumänen natürlich personae non gratae.

Wie nahe liegen Biografie und Fiktion beieinander?

Ziemlich nah und trotzdem mußte ich Entscheidungen treffen, um den Stoff eine filmischen Form zu geben.  Mein Vater ist der jüngere Bruder Emil und nicht der 27-jährige Mihai.  Er war jung und verliebt, einer, der sich nichts gefallen ließ. Neli, seine Geliebte, für die er zurückgekehrte, hat es wirklich gegeben, sie hieß auch wirklich so. Aber Neli ist nicht meine Mutter. Dass mein Vater starb, während ich an dem Drehbuch arbeitete, erschwerte den Schreibprozess. Ich begriff, dass ich nicht die Geschichte aus der Sicht eines 18-Jährigen erzählen wollte. Ich sehnte mich nach einer Figur, die mehr mit mir zu tun hat. Ich wollte jemanden, der schon zu alt ist, um an Wunder zu glauben wie Emil. Jemanden, der schon in vielen Dingen desillusioniert ist, aber trotzdem so viel Idealismus hat, dass er noch nicht aufgegeben hat, wie z.B. der Vater. Der glaubt an nichts mehr und will auch nicht mehr. Derjenige, der ihn am Leben erhalten will, ist sein Sohn Mihai. Er ist der Verantwortliche, der die Familie zusammenhält und dabei vergisst, dass man auch ein eigenes Leben zu leben hat. Am Schluss bleibt die Frage, was stärker wiegt: Die vermeintliche Freiheit oder das persönliche Glück.

Susanne Bormann in DIE REISE MIT VATER

Über den Sozialismus der Linken im Westen machen sich die Brüder im Film in einer Szene lustig. Sie finden es eher lächerlich, dass man Parolen von der Versklavung durch den Kapitalismus schwingt und Loblieder auf den Sozialismus hält. War das für deine Familie auch so?

Mir ist wichtig zu sagen, dass ich einen immens großen Respekt vor der Leistung der sogenannten „68-er“ habe. Vieles, was heute so selbstverständlich in Deutschland ist, ist die Konsequenz ihres Kampfes. Aber ein riesiges Thema ist und bleibt dieser immense Widerspruch und das Unverständnis zwischen den Linken aus dem Westen und den Menschen im Osten. Währen der Dreharbeiten in Rumänien glaubte man mir oft nicht, dass im Westen überhaupt jemand links war. Da gab und gibt es noch eine unglaubliche Wut auf all das, was ihnen im Namen des Sozialismus und Kommunismus angetan worden ist. Die linken Westler dagegen konnten nicht verstehen, dass diejenigen, die ihrer Meinung nach eigentlich auf der auserwählten Seite der Weltkugel waren, sich so gar nicht als Auserwählte sahen. Mit der verstaubten Bürokratie und den Apparatschiks wollten sie dann irgendwann auch nichts mehr zu tun haben, aber den richtigen Weg zur Weltrevolution sahen sie schon über den Sozialismus. Ideologisch hätten sie nah beieinander liegen können, so war es aber überhaupt nicht. Der Vorwurf aus dem Osten: Ihr durftet ja überall hinreisen, uns haben sie eingesperrt. Die Antwort der Westler: Wir durften zwar reisen, hatten aber kein Geld.

Wieso erzählen Sie die Geschichte aus der Sicht einer donauschwäbischen Familie?

Ich selbst komme aus Temeswar und bin zu 75 % Rumänin und zu 25 % Ungarin. Aber ich bin mit Donauschwaben groß geworden und ich war auf einer deutschen Schule. Ich war eine sogenannte „Quotenrumänin“, eine Maßnahme der Partei, damit die deutsche Minderheit nicht zu stark wird. Außerdem hatte ich ja einen Vater, der mit 18 Jahren Westluft geschnuppert hatte und sich selbst dann immer vorgeworfen hat, den größten Fehler seines Lebens begangen zu haben, weil er zurück nach Rumänien gekehrt ist. Bis zu Ceausescus Sturz 1990 durften er und seine Familie nie mehr den Westen betreten. 

Dabei war die Situation 1968 ein Lichtblick in Rumänien …

Der gesamte Osten hatte die 50er Jahre hinter sich, die schwarz und düster waren, wo Menschen mitten in der Nacht abgeholt wurden, weil sie einen falschen Witz erzählt hatten. Das steckte jedem in den Knochen, besonders so einem wie Mihai. Zum dem Zeitpunkt, zu dem der Film spielt, ist Ceausescu seit drei Jahren an der Macht, für viele war er anfangs eine große Hoffnung. 1968 war eine der größtmöglichen Öffnungen Rumäniens zum Westen hin. Man konnte für eine Weile sogar den deutschen „Spiegel“ kaufen. Die Reiseerlaubnis wurde gelockert und das Land erlebte seine freiheitlichste Phase, die es danach nie wieder erreicht hat. Ab 1970 fing Rumänien an, alles wieder zu revidieren und langsam, aber sicher bankrott zu gehen.

Sie sind mit 11 Jahren nach Deutschland gekommen. War das ein Kulturschock?

Direkt nach Ceausescus Sturz sind wir aus einer großen, quirligen Stadt wie Temeschburg zunächst nach Niedersachsen in einem winzigen Dorf gezogen. Wir haben einen Asylantrag gestellt als politische Flüchtlinge. Die Anfangszeit war wundervoll und schmerzhaft zugleich. Ich bin ja zuvor einer Gesellschaft großgeworden, in der man niemals das sagen durfte, was man wollte, weil alles Konsequenzen hatte. Das ist ein enormer Druck. Und dann wird man von diesen ziemlich antiautoritären Lehrern unterrichtet, die meisten von ihnen aus der 68er-Generation stammend. Plötzlich galten all die Regeln nicht mehr, die man so von zuhause kannte. Überforderung war anfangs ein alltägliches Gefühl. So wie vor der Käsetheke, wo es hunderte von Sorten gab. Mein Vater und ich haben Wochen gebraucht, um uns durch alle durchzuprobieren, ein großer Spaß. Spielzeugläden hingegen haben mich auch eher überfordert. Ich hatte keinen Gameboy und keine hippen Klamotten, aber ich hatte so sehr das Gefühl, das wir endlich da angekommen sind, wo mein Vater immer hin wollte. Zudem sprach ich schon ziemlich gut Deutsch und mir war sehr dran gelegen, so schnell wie möglich mein Akzent loszuwerden. Es hat dann 14 Jahre gedauert, bis ich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen habe.

Ist der Film ein Versuch, die Familiengeschichte zu einem Ende zu bringen?

Mein Vater war ein ziemlich sturer, eher rauer Typ, der ungern seine emotionale Seite zeigte. Aber immer wenn er seine Geschichte erzählte, kamen ihm die Tränen. Mir war klar, dass seine Lebensgeschichte in mir brennt und ich daraus einen Film machen wollte. Ohne seinen Entschluss, nach Rumänien zurückzukehren, hätte es mich natürlich nicht gegeben. Dieser Film ist auch etwas, was ich meinem Vater zurückgeben möchte. Um ihn von dem Gedanken zu befreien, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Interview: Anna Steinbauer