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Samstag, 24.06.2017

Heilige, Helden und Homos

Kontroverses Kino auf dem FILMFEST MÜNCHEN

Heilige, Helden und Homos

Nebojsa Glogovac als Vjeko in THE CONSTITUTION

 

Rosa von Praunheim ist der berühmteste schwule Filmemacher Deutschlands. Geboren als Holger Mischwitzky macht er seit nunmehr 50 Jahren sozialpolitisches Kino. Seine Filmthemen erstrecken sich von der Aidskrise und schwulen Nazis, über Kannibalismus, bis hin zum unvergessenen Filmtitel DIE BETTWURST. Auf dem FILMFEST MÜNCHEN feiert sein neuester Streich ÜBERLEBEN IN NEUKÖLLN Premiere. Farbenfrohe Bewohner charakterisieren das aufstrebende Berliner Hipster-Viertel: Stefan Stricker alias Juwelia, der in seiner Galerie poetische Lieder für sein Publikum singt; oder die syrische Sängerin Enana, die nach ihrer Flucht hofft, in Berlin endlich ein freieres Leben führen zu können, als Frau und als Lesbe.

Auch der finnische Kriegsheimkehrer Touko Laaksonen muss nach dem Zweiten Weltkrieg zuhause seine Homosexualität verbergen. Im Geheimen beginnt er, muskulöse und ungehemmte Schwule mit kantigem Kiefer und praller Brust zu zeichnen – sie werden Kult. Unter dem Pseudonym „Tom of Finland“ wird Touko zu einer der bis heute wichtigsten und beliebtesten Figuren der Gay Culture. Seine faszinierende Lebensgeschichte wurde nun unter finnischer Führung als TOM OF FINLAND verfilmt.

 
Ein typisches Model für die Kunst von TOM OF FINLAND

 

Vjeko hadert auf andere Weise mit seinen Rollen. Auch er ist homosexuell und Transvestit – allerdings lebt er das nur bei Nacht. Tagsüber unterrichtet er am Gymnasium und gibt den strengen Intellektuellen. Seine nationalistische Gesinnung unterstreicht Vjekos Widersprüchlichkeit, zumal ausgerechnet der serbische Nachbar, ein gutmütiger Teddybär, Hilfe bei der Polizeiprüfung bräuchte. Da wirft man sich dann schnell rassistische Sprüche und Kinderschänder-Vorwürfe an den Kopf. THE CONSTITUTION ist ein pointierter Film über Vorurteile.

Mit ihrem Image haben auch die „Legionäre Christi“ zu kämpfen. Lange Zeit traten sie vor allem als papsttreue und schnell wachsende Gemeinschaft in Erscheinung. Nach einem beispiellosen Missbrauchsskandal um den mexikanischen Ordensgründer Marcial Maciel kühlte die Begeisterung jedoch ab. Für die verbliebenen Mitglieder hat sich dadurch aber an ihrer Mission nichts geändert. DIE TEMPERATUR DES WILLENS folgt den "Legionären" in Deutschland und ermöglicht so einen durchaus kritischen Einblick in eine streng katholische Lebensweise.

Streng werden auch die persischen Ajatollahs, wenn sie sich in ihrem Glauben gekränkt fühlen. Shahin Nadjafi, genialer Musiker und Rapper aus dem Iran, wurde 2012 der Blasphemie beschuldigt und mit einer Todes-Fatwa belegt. Er lebt im Exil in Deutschland, seine Energie und sein Kampfwillen scheinen in WENN GOTT SCHLÄFT trotz wiederholter Morddrohungen ungebrochen. Shahin will singen, will auftreten, nicht fürchten – trotzdem schläft er stets mit einem Messer auf dem Nachtisch: „Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass jemand umgebracht wird, für das was ich getan habe.“ Helden sind manchmal nicht die furchtlosen Retter anderer; es sind diejenigen, die sich gegen jeden Widerstand zu sich selbst bekennen und damit die mutigsten Vorbilder sind.