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Donnerstag, 22.06.2017

Unzähmbare Leidenschaft

Die neue wilde Schönheit des italienischen Kinos

Unzähmbare Leidenschaft

Jasmine Trinca und Stefano Accorsi in FORTUNATA

Es sind die Kämpfenden, denen sich das neue italienische Kino widmet. Das FILMFEST MÜNCHEN freut sich auf ein starkes Line-Up aus Italien mit insgesamt sieben Produktionen und zwei Specials – vier der Filme feierten gerade in Cannes Premiere und werden nun erstmals international gezeigt. Sie offenbaren exemplarisch, welche Themen das italienische Kino gerade behandelt, was Italien derzeit am meisten beschäftigt: der Überlebenskampf.

FORTUNATA, A CIAMBRA, L’INTRUSA und CUORI PURI erzählen von Menschen, die am Rand der Gesellschaft erdrückt werden, sich aber unaufhörlich wehren und wieder aufrichten. Alle diese Figuren sind Helden, die kein Mitgefühl wollen. Denn sie sind die Helden ihres eigenen Lebens, das sie trotz aller Widrigkeiten irgendwie meistern. In FORTUNATA versucht eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter vor der Gewalt des Ex-Mannes zu fliehen. Schauspiel- und Regiestar Sergio Castellitto fängt die verzweifelte Energie dieser Frau in einem vibrierenden schmutzig-schönen Film ein. A CIAMBRA erzählt die Geschichte des jungen Roma Pio, der nach der Festnahme von Vater und Bruder plötzlich seine ganze Familie über Wasser halten muss. Ein Film von Jonas Carpignano (2015 mit seinem Erstling MEDITERRANEA auf dem FILMFEST MÜNCHEN zu Gast), der sensibel beobachtet und seinem erst 14-jährigen Hauptdarsteller Pio Amato eine großartige Spielfläche bietet. In Leonardo di Costanzos L’INTRUSA dreht sich alles um den Kampf gegen das organisierte Verbrechen: Als in einem Problemviertel in Neapel auch ein Jugendzentrum von der Kriminalität überschwemmt wird, steht Streetworkerin Giovanna vor der schier unlösbaren Aufgabe, ihre Schützlinge zu retten. Auch Agnese und Stefano müssen sich gegen ihr Umfeld wehren, sie gegen ihre überkatholische Mutter, er gegen seine straffällige Vergangenheit. Schauspieler Roberto de Paolis inszeniert in seinem Langfilmdebüt CUORI PURI eine zarte Liebe, die zu zerbrechen droht.


 LA GUERRA DEI CAFONI von Davide Barletti und Lorenzo Conte


Das FILMFEST MÜNCHEN präsentiert diese neuen Filme zusammen mit weiteren außergewöhnlichen Werken, die die besondere Aura Italiens auf ihre eigene Art zeigen: SPIRA MIRABILIS ist ein visuelles Experiment der preisgekrönten Dokumentarfilmemacher Massimo D’Anolfi und Martina Parenti, das den Menschen und seine Grenzen auf beeindruckende visuelle Weise untersucht. Die Reise der Filmemacher führt von Mailand in die USA und von Bern nach Japan. Ihre Spur windet sich zu einem Symbol der Perfektion und Unendlichkeit: eine wundervolle Spirale. In MONTE setzt sich eine Familie gegen die Naturgewalt zur Wehr, um endlich aus dem Schatten eines riesigen Berges in die Sonne zu gelangen – mit Hammer und Pickel geht es in kleinen Schritten auf ein besseres Leben zu. Der in düsteren Farben gezeichnete Film vom iranischen Meisterregisseur Amir Naderi berührt mit intensiver Erzählweise und grandiosen Bildern einer ebenso kargen wie überwältigenden Berglandschaft. LA GUERRA DEI CAFONI spielt im Örtchen Torre Matta, im Absatz des berühmten italienischen Stiefels. Es ist der Sommer des Jahres 1975 und wie jedes Jahr herrscht Krieg – zwischen Arm und Reich, den Bauern und den Lords. Zwischen den Fronten eine junge Liebe, die alles ändern könnte. Der Film von Davide Barletti und Lorenzo Conte, die gemeinsam das Künstlerkollektiv Fluid Video Crew in Rom gründeten, dekliniert im Kleinen, was den hasserfüllten Klassenkampf innerhalb einer Gesellschaft ausmacht.


 Sveva Alviti in DALIDA


Auch zwei internationale Produktionen beschäftigen sich mit dem italienischem Flair: Das Biopic DALIDA nimmt uns mit in die Achterbahn des Lebens der gleichnamigen italienisch-französischen Sängerin. Regisseurin Lisa Azuelos hat die für Italien so wichtige Künstlerin mit der Römerin Sveva Alviti herausragend besetzt, sodass Dalida kurz wieder auferstanden scheint. Auch der Dokumentarfilm SIE NANNTEN IHN SPENCER widmet sich einer verstorbenen Legende: Bud Spencer, bürgerlicher Name Carlo Pedersoli aus Neapel, war und ist Kult, in Italien und international werden er und sein Kumpel Terrence Hill für ihre Buddy-Prügel-Komödien gefeiert. Zwei seiner größten Fans machen sich in diesem dokumentarischen Roadmovie auf den Weg, um ihr Idol endlich einmal persönlich zu treffen. Gleiches gelang auch Regisseur Karl-Martin Pold, der acht Jahre lang an diesem einzigartigen Projekt feilte.

Das italienische Kino überrascht dieses Jahr mit Figuren, die eisern um die Kontrolle über ihr Leben oder generell einen Platz im Leben kämpfen und diesen mit einer verzweifelten Kraft verteidigen. Über diesen neuen Trend wird am Freitag, den 23. Juni um 15.30 Uhr im Carl-Amery-Saal im Gasteig diskutiert: Unter dem Motto WILDES ITALIEN werden Roberto de Paolis (CUORI PURI) und Jonas Carpignano (A CIAMBRA) Einblicke in ihre Arbeit geben und versuchen, neue Entwicklungen im italienischen Kino zu erklären. Sie alle eint eine rohe Schönheit, die uns atemlos zurücklässt – mit der Erinnerung an die Helden, die niemals aufgeben.

Britta Schönhütl

 

Spotlight
DALIDA, Lisa Azuelos
FORTUNATA
, Sergio Castellitto
MONTE, Amir Naderi

International Independents
CUORI PURI, Roberto de Paolis
LA GUERRA DEI CAFONI, Davide Barletti und Lorenzo Conte
SPIRA MIRABILIS
, Massimo D’Anolfi und Martina Parenti

Wettbewerb CineMasters
L’INTRUSA, Leonardo di Costanzo

Wettbewerb Cinevision
A CIAMBRA, Jonas Carpignano

Lights! Camera! Action!
SIE NANNTEN IHN SPENCER, Karl-Martin Pold

FILMMAKERS LIVE: WILDES ITALIEN
mit den Regisseuren Roberto de Paolis (CUORI PURI) und Jonas Carpignano (A CIAMBRA)