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Donnerstag, 15.06.2017

Die neue Seidenstrasse

Filme aus Russland, China und Iran 2017

Misagh Zare und Anna Nemati in IMMORTALITY

 

Neben den Hauptthemen Youth on the Move und Kreativer Widerstand ergibt sich beim internationalen Programm des diesjährigen FILMFEST MÜNCHEN ein signifikanter Fokus auf drei Länder, die unserer Meinung nach die Zukunft der Weltpolitik zentral mitbestimmen werden: Russland, Iran und China.

Alle drei Nationen vereint, dass sie von westlicher Seite politisch als „radikal“, bisweilen propagandistisch überspitzt sogar als „Schurkenstaaten“ diffamiert werden. Gerade deshalb halten wir es politisch immer wieder für besonders wichtig, durch das Auge der unabhängigen Filmemacher der Länder einen freieren Blick auf die Menschen und ihr Leben zu werfen.

Das chinesische Kino hatte durch die Filmemacher der sogenannten sechsten Generation, angeführt von Meisterregisseur Jia Zhang-ke (XIAO WU-PICKPOCKET, 1997) den erzählerischen Fokus auf die gesellschaftliche Realität ihres Landes gesetzt. Zahllose starke Sozialdramen wurden seither auf vielen Festivals der Welt präsentiert, meist im eigenen Land entweder ignoriert oder unter standen Beschuss der unberechenbaren Zensur. In den letzten Jahren hat sich eine große Vielfalt der filmischen Herangehensweisen entwickelt, obgleich der Hype um das junge chinesische Kino in den 90er und 2000er Jahren etwas verebbt schien. In enger Zusammenarbeit mit dem Confucius Institute Headquarters Peking haben wir in diesem Jahr zwei Regisseure, einen Produzenten und eine führende Filmkritikerin aus China eingeladen und werden anhand unserer drei für das FILMFEST MÜNCHEN ausgewählten Werke am Freitag, den 30. Juni um 17.00 Uhr in der Black Box im Gasteig die Frage diskutieren: China - Aufbruch in ein neues Zeitalter?.

Zishan Yang in WALKING PAST THE FUTURE


Drei Werke junger Filmemacher, drei verschiedene Welten: WALKING PAST THE FUTURE von Ruijun Li (2011 mit OLD DONKEY beim FILMFEST MÜNCHEN) wirft sein Auge auf die Arbeitswelt(en) einer chinesischen Durchschnittsfamilie. Einst mittellos auf dem Land, jetzt chancenlos in der Stadt, treibt es sie zurück in das Dorf ihrer Herkunft. Quo Vadis? Ganz anders KNIFE IN THE CLEAR WATER von Xuebo Wang. Er führt den Zuschauer in eine zeitlose Wüste, eine mythisch entlegene Welt, in der kaum gesprochen wird. Der Wind, die Tageszeiten, das Vieh, die Ewigkeit. THE SUMMER IS GONE von Dalei Zhang erzählt in betörendem Schwarzweiß nostalgisch vom Ende der „marktfreien“ Zeit Anfang der 90er Jahre in der inneren Mongolei.

In bewährter Zusammenarbeit mit dem Hong Kong Economic and Trade Office Berlin können wir darüber hinaus ein herausragendes neues Genrewerk des Kultregisseurs Johnny To präsentieren: THREE, ein spektakulär geschriebener und virtuos inszenierter Thriller mit atemberaubenden Stuntszenen.


 Zhang Chen, Kong Weiyi und Guo Yanyuan in THE SUMMER IS GONE


Auch die Filmemacher im Iran sind einer schwierigen Zensur ihrer Werke ausgesetzt. Dennoch erreichen uns großartige Werke junger Regisseure wie IMMORTALITY, ein Film, der - in zwei Einstellungen in einem fahrenden Zuge gedreht - einen hochspannenden Mikrokosmos der heutigen iranischen Gesellschaft liefert. PARTING ist ein Flüchtlingsdrama, das die prekäre Situation afghanischer Flüchtlinge zeigt, die aus ihrem Land in den Iran geflohen sind, den Albdruck der dortigen Umstände nicht mehr aushalten und weiter in den Westen ziehen. Eine kleine Hommage ist der kürzlich verstorbenen Regielegende Abbas Kiarostami gewidmet, CineMerit-Preisträger beim FILMFEST MÜNCHEN 2010. Und der im amerikanischen Exil lebende Amir Naderi präsentiert mit MONTE Kino in bester iranischer Tradition. Besonders hinweisen möchten wir auch auf Till Schauders Dokumentation WENN GOTT SCHLÄFT, die Leben und Arbeit des in Deutschland lebenden Kultmusikers Sahin Najafi begleitet.

Sahin Najafi in WENN GOTT SCHLÄFT


Auch das russische Kino trotzt den schwierigen Umständen seiner Entstehung auf beeindruckende Art und Weise. Selten zuvor konnte das FILMFEST MÜNCHEN ein stärkeres Ensemble russischer Filme eines Jahrgangs präsentieren. Angefangen bei dem jüngst im Wettbewerb von Cannes ausgezeichneten neuen Werk des Meisterregisseurs Andrey Zvyagintsev LOVELESS und dem im Ausland produzierten Meisterwerk DIE SANFTE von Sergei Loznitsa, der in Cannes von der Jury übergangen wurde, zeigen wir auch zwei große an das Genrekino angelehnte Werke von Aleksey Mizgirev (DER DUELLIST) und von Altmeister Pavel Lounguine (QUEEN OF SPADES), der auch zur Vorführung anwesend sein wird. BONFIRE von Dmitrii Davydov führt uns in die winterlich harsche Welt der hierzulande kaum bekannten Region Jakutien. Und CLOSENESS von dem erst 25-jährigen Kantemir Balagov darf als eine der großen jungen Filmentdeckungen des Jahres gelten.

Bernhard Karl

 

Darya Zhovner in CLOSENESS

 

Wettbewerb CineMasters
LOVELESS, Andrey Zvyagintsev
DIE SANFTE, Sergei Loznitsa  

Wettbewerb CineVision
CLOSENESS, Kantemir Balagov
KNIFE IN THE CLEAR WATER
, Xuebo Wang
PARTING, Navid Mahmoudi

Spotlight
DER DUELLIST, Aleksey Mizgirev
MONTE, Amir Naderi
QUEEN OF SPADES, Pavel Lounguine
THREE, Johnny To
 
International Independents
BONFIRE, Dmitrii Davydov
IMMORTALITY, Mehdi Fard Ghaderi
THE SUMMER IS GONE, Dalei Zhang
WALKING PAST THE FUTURE, Ruijun Li
WENN GOTT SCHLÄFT, Till Schauder

Lights! Camera! Action!
76 MINUTES AND 15 SECONDS WITH ABBAS KIAROSTAMI, Seifollah Samadian
TAKE ME HOME, Abbas Kiarostami

 

Vater und Sohn: Shengcang Yang und Shengcang Yang in KNIFE IN THE CLEAR WATER