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Dienstag, 19.06.2018

Jung und rebellisch

American Indies auf dem Filmfest

Jung und rebellisch

Barry Keoghan und Evan Peters in AMERICAN ANIMALS

Die American Indies sind auch dieses Jahr beim Filmfest München wieder am Puls der Zeit: Neben Familien- und Beziehungsgeschichten, sind Themen wie die aktuelle #Metoo-Debatte stark mit den Inhalten der Filme verknüpft. Auch beschäftigen sich die Indies mit sozialen Aussteigern und den Möglichkeiten, wie auch den Gefahren, von sozialen Medien. Wir alle nutzen sie, nun werden sie auch in ihrer Bandbreite filmisch reflektiert.

Posten, tweeten, snapchatten – das ist ganz gewöhnliche, tägliche Kommunikation. Die schnellen Wechsel, welche sozialen Kanäle gerade in sind, wirken sich auf unsere Sprache und gesellschaftlichen Strukturen aus. Auch bieten sie neuen Stoff und neue Erzählformen fürs Kino. Vor allem SEARCHING, der erste Langfilm von Aneesh Chaganty, wagt sich an eine Erzählstruktur, die nur anhand neuer Medien passiert: John Cho ist David Kim, ein alleinerziehender Vater, der sich in die Welt der sozialen Netzwerke stürzt, als seine Tochter verschwindet. Ihre Posts und Onlinebekanntschaften werden zu der einzigen Spur, die der verzweifelte Vater akribisch verfolgt. Der komplette Film spielt nur auf Bildschirmen. Die Handlung verstrickt sich in einem Netz(werk) aus Information und Fehlinformation. In SEARCHING schafft es David durch die sozialen Medien, seiner Tochter wieder näher zu kommen und sie zu verstehen, in anderen Beiträgen auf dem Filmfest wird die antisozialen Auswirkungen von virtuellen Freundschaften thematisiert. In WOBBLE PALACE sucht ein Paar in der Krise nach Abenteuern im Netz, während sich in BIRDS WITHOUT FEATHERS einsame Menschen Anschluss durch Follower erhoffen. Verlorene Seelen in einem Strudel aus neuen Kontakt-Möglichkeiten, die aber stets an der Oberfläche bleiben.

BIRDS WITHOUT FEATHERS, SEARCHING und WOBBLE PALACE

Verlorene Seelen in der Kommunikationslosigkeit gibt es jedoch auch in der realen Welt. In LEAVE NO TRACE und dem SXSW Grand Jury Preisträger 2018 THUNDER ROAD geht es um Väter und Töchter, deren Beziehungen herausgefordert werden und nur durch aufeinander Zu- und Eingehen gerettet werden können. Regisseur und Drehbuchautor Jim Cummings inszeniert sich selbst als Polizist Jim Arnaud, dessen Leben nach dem Tod seiner Mutter auseinanderbricht: Er verliert seinen Job, die Tanzschule seiner Mutter und das Sorgerecht für seine Tochter. Zwischen Trauer und Wut und Unfähigkeit und Tatendrang changiert dieses Erstlingswerk, ohne damit die Hauptfigur je lächerlich zu machen. Ein durch die Umstände gebrochener Mann ist auch Will in LEAVE NO TRACE. Der ehemalige, noch immer von Albträumen geplagte Soldat, zieht seine Tochter Tom außerhalb der Zivilisation in der Wildnis auf. Doch je älter Tom wird, umso mehr stellt sie ihre Lebensweise in Frage und überlegt, ob das, was für ihren Vater passend erscheint, auch für sie richtig sein muss.

THUNDER ROAD und LEAVE NO TRACE

Im Zuge der #Metoo-Bewegung gibt es in der Welt von Hollywood langsam ein Umdenken. Die American Indies sind da schon einen Schritt weiter und präsentieren auf dem Filmfest München absolute Frauenpower. Mit THE TALE, SKATE KITCHEN und THE MISEDUCATION OF CAMERON POST sind drei Top-Regisseurinnen dieses Jahr bei uns zu Gast. Die vielfach prämierte Dokumentarfilmerin Jennifer Fox hat in ihrer ersten Spielfilmarbeit THE TALE ihre eigenen Kindheitserfahrungen verarbeitet. Denn als ihre Mutter (Ellen Burstyn, CineMerit Preisträgerin 2016) eine Erlebniserzählung aus ihrer Kindheit findet, muss sich Jennifer, gespielt von Laura Dern, damit auseinandersetzten, dass ihre „Beziehung“ zu ihrem Reitlehrer eigentlich Missbrauch war. Sie war 13, er um die 40 Jahre alt. Eine Suche nach der Wahrheit beginnt, reißt alte Wunden auf und Jennifer sieht sich mit ihrem 13-jährigen Ich konfrontiert. Crystal Moselles SKATE KITCHEN portraitiert junge Mädchen, die als Außenseiter abgestempelt werden. Sie sind Skater, suchen sich ihre Freiheiten, wenn sie mit ihren Skateboards durch die Städte rollen. Camille ist bewusst, dass sie sich dadurch von vielen anderen absetzt, und fühlt sich manchmal allein in ihrer Skater-Welt. Doch dann schließt sie sich der Skate Kitchen an. Sie trifft auf Gleichgesinnte, Freundschaft und Verständnis – und andere, die ziemlich coole Moves drauf haben. Die Romanverfilmung THE MISEDUCATION OF CAMERON POST von Desiree Akhavan beschäftigt sich ebenfalls mit sozialen Außenseitern. Cameron (Chloë Grace-Moretz) wird im Bett mit ihrer Freundin erwischt und von den Eltern in ein Homosexuellen-Umerziehungscamp geschickt. Trotz ihres jungen Alters, weiß Cameron genau, wer sie ist und wer sie sein will. Doch ihre Selbstsicherheit wird von den Therapeuten im Camp auf eine harte Probe gestellt. Der gleichnamige Roman von Emily Danforth und der Film spielen in den 90er-Jahren. Dass solche Camps der Vergangenheit angehören und dass ein junges Mädchen, das sich selbstbewusst outet, als mutig gefeiert wird, ist die Hoffnung, die man aus dem beeindruckenden zweiten Werk der Regisseurin zieht.

 

THE MISEDUCATION OF CAMERON POST, THE TALE und SKATE KITCHEN

Lebe lieber ungewöhnlich, dachten sich auch vier junge Studenten 2004 in Lexington Kentucky: Ein Kunstraub sollte ihnen einen aufregenden Kick und 12 Millionen Dollar bringen. Das Planen war doch kein Problem, sie hatten doch schon genügend Heist-Filme gesehen. Dieses Verbrechen, das auf der FBI-Liste der größten Kunstraubfälle aller Zeiten auftaucht, faszinierte den Dokumentarfilmregisseur Bart Layton, so sehr, dass er die vier Männer im Gefängnis besuchte. Doch das war nicht genug. In seinem Film AMERICAN ANIMALS vermischt er Interviews der Räuber mit einer fiktiven Version der Ereignisse. Mit AMERICAN HORROR STORY- Star Evan Peters, DUNKIRK-Entdeckung Barry Keoghan und GLEE-Alumnus Blake Jenner holte sich der Regisseur für seine erste Spielfilmarbeit junge, aufstrebende und sehr talentierte Darsteller ins Team. Schnell, irre und unglaublich: eine wahre Geschichte – wie fürs Kino gemacht.

 

Weitere American Indies auf dem FILMFEST MÜNCHEN: PIERCING - PUZZLE - MY NAME IS MYEISHA - SONG OF SWAY LAKE

Podiumsdiskussionen zu den American Indies: FILMMAKERS LIVE: JENNIFER FOX(THE TALE)