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Mittwoch, 20.06.2018

Zwei außergewöhnliche Filmemacher

Lucrecia Martel und Philip Gröning

Zwei außergewöhnliche Filmemacher

Philip Gröning und Lucrecia Martel

Zwei außergewöhnliche Filmemacher*innen ehrt das FILMFEST MÜNCHEN dieses Jahr: Der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel, die in Lateinamerika eine neue Generation von Filmemachern geprägt hat, wird eine Retrospektive gewidmet. Außerdem zeigt das Filmfest im Rahmen einer Hommage das Frühwerk des deutschen Regisseurs Philip Gröning, sowie seinen aktuellen Film MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT.

Mit ihrem Debütfilm krempelte Lucrecia Martel im Jahre 2000 die argentinische Kinotradition um: DER MORAST (LA CIÉNAGA) gilt als Gründungsklassiker des Neuen Argentinischen Kinos. Martels Erstling über zwei Familien, die ihre Sommerferien gemeinsam in einem Haus in einem Provinzkaff im Norden Argentiniens verbringen, verweigert sich sämtlichen bekannten Erzählkonventionen. Hitze lastet auf dem abgeschiedenen Landhaus, man sieht lethargische Leiber, sonnenverbrannt, und verwahrloste Kinder, die auf die Jagd gehen. Langeweile, Trostlosigkeit und Kontrollverlust verdichten sich zur unheilvollen Atmosphäre, die letztendlich in einen Strudel von Unglücksfällen mündet. Mit einer meisterhaften Spannung inszeniert Martel das aus den Fugen geratene Leben der argentinischen Mittelklasse und deckt den darunter schwelenden Rassismus auf.

Lucrecia Martel

Die Werke der Filmemacherin sind rätselhaft, sinnlich und grausam – vereinnahmend und manchmal desorientierend, Martels filmische Handschrift wird oft mit der von Terrence Malick, Werner Herzog oder David Lynch verglichen. Die Drehbücher zu ihren Filmen schreibt die Argentinierin alle selbst. Schauplatz von ihren ersten drei Filmen ist bezeichnenderweise ihre Heimat Salta, eine konservativ geprägte Provinzstadt im Nordosten Argentiniens, wo sie 1966 geboren wurde. So spielt LA NIÑA SANTA- DAS HEILIGE MÄDCHEN (2004) in einem alten Thermenhotel in Martels Heimatstadt, in dem die 15-jährige Protagonistin Amalia mit ihrer geschiedenen Mutter wohnt. Dort macht der Teenager unfreiwillig Bekanntschaft mit dem verheirateten Dr. Jano und diesen zum Objekt ihrer zweifelhaften Mission. Auch DIE FRAU OHNE KOPF (2007) ist in der Provinz angesiedelt und erzählt von einem Autounfall, der Verónicas Leben aus der Bahn wirft.

In Martels aktuellem Film ZAMA sehnt sich die gleichnamige Hauptfigur, ein Funktionär der spanischen Krone, nach eben jener Heimat Salta. Er ist in Paraguay stationiert und wartet auf seine Rückkehr nach Argentinien, die niemals stattfinden wird. Das FILMFEST MÜNCHEN zeigt Martels vier Langspielfilme, dazu ausgewählte Kurzfilme und die Dokumentation AÑOS LUZ, die Martel bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film ZAMA begleitet. Die Dokumentation gibt einen wunderbaren Eindruck in die Arbeit der feinfühligen und hoch konzentrierten Regisseurin. Man beobachtet die Filmemacherin dabei, wie sie sorgfältig Requisiten auswählt, das Maskenbild begutachtet und am Set intensiv mit den Schauspielern an Nuancen feilt.

ZAMA und MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT

Mindestens so genaue Vorstellungen von seinem Drehort hat Filmemacher Philip Gröning. Sein neuer Film MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT spielt hauptsächlich an einer Tankstelle im süddeutschen Nirgendwo. Gröning wollte eine gewundene Landstraße, kein anderes Haus im Bild und die Berge im Hintergrund. „Nur in der Totalen der Tankstelle vor dem Bergpanorama findet der utopische Ort der Heimat einen Ausdruck“, so der Filmemacher in einem Interview. An eben dieser Tankstelle verbringt ein symbiotisches Zwillingspaar ein ganzes Wochenende. Die beiden lassen sich in der Wiese daneben nieder, versorgen sich von dort aus immer wieder mit Bier und philosophieren über die Zeit. Elena steht nämlich steht kurz vor der mündlichen Abiturprüfung in Philosophie und der Bruder soll ihr beim Lernen helfen. Es ist Sommer und die große Freiheit nach der Schule liegt in greifbarer Nähe. Diese bedeutet allerdings die baldige Trennung der Geschwister, und das wissen beide. Das Spiel der Zwillinge, die sich unaufhörlich necken, streiten und liebkosen während sie Augustinus zitieren und Insekten fangen, steigert sich zum blutigen Thriller, bei dem sämtliche Schranken überschritten werden und am Ende Blut fließt.

Der 1959 in Düsseldorf geborene Philip Gröning studierte zunächst Psychologie und Medizin, dann Regie an der HFF München. Das FILMFEST MÜNCHEN gibt mit der Hommage die Gelegenheit, die Linien von seinem neuem Film zu seinem Frühwerk zu ziehen. Einige Themen wie das Spiel zwischen idyllischer Naturbetrachtung und analytischer Beobachtung menschlicher Beziehungen lassen sich z.B. auch in seinem Debütfilm SOMMER finden. Hier versucht ein Vater, sich seinem autistischen Sohn beim Urlaub in einem Hotel in den bayerischen Alpen anzunähern. Auch die Wirkung von Gewalt, die im Strudel der Ereignisse Unschuldige zu Opfern macht, kommt in der Groteske DIE TERRORISTEN! zur Sprache, in der drei junge, selbsternannte Terroristen ein Attentat auf Helmut Kohl planen. Zudem zeigt das Filmfest die zwei Kurzfilme STACHOVIAK! und OPFER. ZEUGEN. Gröning fahndet der Frage nach dem Wesen der Zeit mit experimentellem Furor nach und beschert seinem Publikum außergewöhnliche, cineastische Erfahrungen im Zeitmedium Film.

Die Hommage Lucrecia Martel findet am Dienstag, den 3.7.2018 um 18.00 Uhr im Gloria Palast statt. Anschließend wird der Film ZAMA gezeigt. Nach dem Film gibt es ein Q&A mit der Regisseurin. Zuvor ist Martel um 15.00 Uhr bei FILMMAKERS LIVE! in der Black Box/Gasteig zu Gast. Am Mittwoch, den 4.7. um 10.30 Uhr hält Lucrecia Martel eine Masterclass in der HFF München. Um Anmeldung unter sonderprojekte@hff-muenchen.de wird gebeten.

Philip Gröning ist am Donnerstag, den 5.7.2018 um 14.00 Uhr bei FILMMAKERS LIVE! in der Black Box/Gasteig zu Gast.