News

Freitag, 06.07.2018

Zum Abschluss des Filmfests

Dystopische Zukunftsaussichten

Zum Abschluss des Filmfests

CÓMPRAME UN REVÓLVER

Zum Abschluss des Filmfests gilt es, einen kurzen Blick in die Zukunft zu werfen. Wie diese aussieht? Darüber machen sich einige Filme Gedanken und entwerfen meist düstere Szenarien. Doch in diesen Dystopien stecken wichtige Überlegungen, die gesellschaftliche Probleme und Entwicklungen betreffen.

Der diesjährige Abschlussfilm ANON von Andrew Niccol spinnt die Idee des gläsernen Menschen weiter: In nicht allzu ferner Zukunft herrscht die totale Datentransparenz. Durch eine Augenimplantation werden alle Menschen im „Ether“ vernetzt, einem weltweiten System, das sämtliche Informationen über jedes Individuum und seine Handlungen speichert. So wird jede Lebenskunde digital archiviert und kann über die Augen abgerufen werden. Dieses digitale Gedächtnis nutzt Detective Sal Frieland (Clive Owen) in dem Science-Fiction-Thriller, um seinen Job zu erledigen. Denn eine brutale Mordserie erschüttert die futuristische Metropole, bei der sich der Killer in die Augen der Zielperson hackt, so dass es ausschließlich Bilder vom Verbrechen aus der Täterperspektive gibt. Gibt es eine Möglichkeit, sich der permanenten Kontrolle zu entziehen? Die Antwort lautet Anon und ist eine Störung im System. Die namenlose Hackerin, gespielt von Amanda Seyfried ist Anon(ym): sie hat keine Identität, keine Geschichte und keine Sichtbarkeit. Die Frau entzieht sich der überwachten Gesellschaft um in Freiheit zu leben. Ist die Bildermanipulatorin eine Killerin? Überwachung und die daraus entstehende Bilderflut sind durchaus aktuelle und brisante Themen, die mit der fortschreitenden Digitalisierung unserer Welt einhergehen. In einem FILMMAKERS LIVE! morgen um 16 Uhr wird Andrew Niccol über seinen Film sprechen.

IN MY ROOM und ANON

Eine mindestens so düstere, doch technisch weniger versierte Dystopie liefert der mexikanische Film CÓMPRAME UN REVÓLVER, der heute um 22:30 in Kino Münchner Freiheit 1 und morgen um 18 Uhr am Sendlinger Tor läuft. Im Mexiko in einer nicht allzu fernen Zukunft verschwinden reihenweise Frauen. Huck trägt eine Fußfessel und eine Maske, damit man nicht sieht, dass sie ein Mädchen ist. Sie und ihr drogenabhängiger Vater bewachen ein verlassenes Baseballfeld, auf dem sich die Dealer treffen. Bei einem Konzert des Drogenbosses in der Wüste gerät jedoch alles außer Kontrolle: Wird Huck die Flucht vor Tod und Chaos gelingen? Besonders interessant an diesem Beitrag von Julio Hernández Cordón ist der Fokus auf der Genderverteilung: Was passiert, wenn es keine Frauen mehr gibt, die traditionell eher friedliebend und sorgend sind? Welchen Preis zahlt die Menschheit dafür?

Ein eindrucksvolles deutsches Gedankenexperiment betreibt IN MY ROOM von Ulrich Köhler, der dieses Jahr in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“ lief. In diesem stellt Armin, Anfang Vierzig, kinderlos und freiberuflich arbeitender Kameramann fest, dass er langsam zu alt für das Nachtleben und die Frauen. Er ist nicht glücklich mit seinem Leben, kann sich aber kein anderes vorstellen. Als er eines Morgens aufwacht, ist es plötzlich totenstill: Die Welt sieht aus wie immer, aber die Menschheit ist verschwunden. Der Film zeigt eine beeindruckende Sichtweise auf das beängstigende Geschenk maximaler Freiheit. Er ist heute um 20 Uhr im Gasteig Carl-Orff-Saal zu sehen. Nach dem Film gibt es ein Q&A mit Regisseur Ulrich Köhler und Darsteller Hans Löw.

Welche Verantwortung tragen wir für die Nachwelt? Wie wird die Zukunft aussehen? Das sind Fragen, die sich viele Filmemacher stellen. Viele ihrer Werke liefern beeindruckende, sehr sehenswerte Perspektiven und reflektieren die Welt mit all ihren finsteren Seiten. Vielleicht wird das den ein oder andere bestärken, sich Gedanken zu machen. Und nach der Dunkelheit wird es irgendwann wieder hell.