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Montag, 27.05.2019

Retrospektive Mads Brügger

Brügger sehen und sterben

Retrospektive Mads Brügger

THE AMBASSADOR

Das FILMFEST MÜNCHEN widmet dem 1972 geborenen Dokumentarfilmer, Drehbuchautoren und Journalisten Mads Brügger in diesem Jahr eine Retrospektive. Das dänische Multitalent bewegt sich virtuos im Grenzgebiet zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Mit jeder Menge schwarzem Humor geht Brügger den Dingen auf den Grund, ob absurdes Theater in Nordkorea, Bernhardinerzucht in China oder Diamantenschmuggel und Verschwörungen in Afrika. Provokant und selbstreflexiv agiert Brügger selbst vor der Kamera und betreibt Aufklärung im besten und unterhaltsamsten Sinne – mit versteckter Kamera und teils unter akuter Lebensgefahr. Die Retrospektive zeigt in DIE ROTE KAPELLE, THE AMBASSADOR, ST. BERNARD SYNDICATE und dem aktuellen Film COLD CASE HAMMARSKJÖLD die vier abendfüllenden Filme Brüggers, die alle auf dem FILMFEST MÜNCHEN ihre jeweilige Deutschlandpremiere feierten.

Auch wenn die Themen unterschiedlicher kaum sein könnten, ist das Ziel von Brüggers Dokumentationen stets das Gleiche: Versteckte, kriminelle Strukturen aufdecken und zwar mit den Mitteln des Films und des Schauspiels. In der Folge verschwimmen die Grenzen zwischen Dokumentation und journalistischer Recherche – und auch die zwischen Realität und Fiktion. In DIE ROTE KAPELLE (2006) begibt sich Brügger mit einer Gruppe dänischer Schauspieler nach Nordkorea unter dem Vorwand, dort ein Theaterstück aufführen zu wollen. Tatsächlich aber geht es Brügger um die subversive Entlarvung der Diktatur. Mit versteckter Kamera und einer ausgeklügelten Performance gelingt es dem Film, einen seltenen Blick hinter den Vorhang der nordkoreanischen Staatspropaganda zu werfen: ein faszinierender und einzigartiger Einblick, irgendwo zwischen Überwachung, Selbstzensur und groteskem Theater.

 

ST. BERNARD SYNDICATE und DIE ROTE KAPELLE

 

Brüggers bislang aufsehenerregendster Film ist vermutlich THE AMBASSADOR (2011). Der investigative Dokumentarfilm bewegt sich auf der Grenze zur Satire und deckt unglaubliche Ausmaße an Korruption auf. Die Vorgeschichte des Filmprojekts ist selbst schon Filmreif: Brügger besorgt sich auf dem Schwarzmarkt einen liberischen Diplomatenpass und wird als Botschafter in die Zentralafrikanische Republik entsandt. Brügger gibt sich alle Mühe, sein Alter Ego zum wandelnden Klischee zu stilisieren – mit Zigarre und Tropenhut – muss aber feststellen, dass er damit erschreckend gut ins Bild passt. Das ist vielleicht die zentrale Erkenntnis des Films: dass die Zustände genauso schlimm sind, wie man es sich vorstellt, wenn nicht noch schlimmer. Und Brügger legt schonungslos alles offen: Klarnamen, Dokumente, Hintergründe, Zusammenhänge. Mit einer gewissen Prise Zynismus und ironischem Unterton begibt er sich auf die Suche nach Blutdiamanten – und wird schon bald fündig.

Erst im vergangenen Jahr war Mads Brügger erneut auf dem FILMFEST MÜNCHEN zu Gast, um seinen Film ST. BERNARD SYNDICATE (2018) vorzustellen. Im Vergleich zu seinen vorangegangenen Regiearbeiten sind hier die Schwerpunkte nun vertauscht. Statt eines Dokumentarfilms mit performativen Elementen drehte Brügger nun einen Spielfilm mit dokumentarischem Anstrich. Zwei dänische Geschäftsleute wollen durch den Handel mit Bernhardinern in China das große Geld machen. Ohne Drehgenehmigung aber mit jeder Menge Manipulation und Dreistigkeit inszeniert Brügger die Odyssee der beiden Unternehmer, hält sich aber selbst ausnahmsweise bewusst im Hintergrund. Die mitunter langen Pausen zwischen Brüggers Filmen erklären sich auch draus, dass er nur nebenberuflich Filmemacher ist. Seinen Brotjob als Radiojournalist behält Brügger aus Überzeugung, um beim Filmemachen freier und unabhängiger zu sein.

 

COLD CASE HAMMARSKJÖLD und THE AMBASSADOR

 

COLD CASE HAMMARSKJÖLD (2019) nun ist ein Film, der seine Schatten vorauswirft. In dieser aufsehenerregenden True-Crime-Dokumentation rollt Brügger den Fall des 1961 zu Tode gekommenen UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld neu auf. Mit für ihn typischen Mitteln aber deutlich ernsthafter und atmosphärischer als in seinen vorherigen Filmen geht er dem potenziellen Anschlag auf den Grund. Inszeniert wie ein spannender Kriminalfilm und mit einer unglaublich hohen Informationsdichte ist COLD CASE HAMMARSKJÖLD das Ergebnis einer sechsjährigen, aufwändigen Recherche voller Uneindeutigkeiten und Widersprüche. Der Film hat eine öffentliche Debatte angestoßen und den Fall wieder ins kollektive Bewusstsein gerufen. Außerdem erhielt Brügger den World Cinema Directing Award im Bereich Documentary beim Sundance Film Festival. Beim FILMFEST MÜNCHEN feiert die hochgelobte Dokumentation nun im Rahmen der Retrospektive ihre Deutschlandpremiere.

 

Fabio Kühnemuth