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Montag, 06.05.2019

Neues Deutsches Fernsehen

Keine Angst vor großen Themen

DER CLUB DER SINGENDEN METZGER

 

Das 37. FILMFEST MÜNCHEN (27. Juni – 6. Juli 2019) präsentiert die interessantesten, neuen deutschsprachigen TV-Produktionen im Rahmen der Reihe Neues Deutsches Fernsehen. Im diesjährigen Programm sind 16 Filme vertreten, die alle in München ihre Weltpremiere feiern werden. Das abwechslungsreiche Programm reicht von historischen Stoffen bis hin zu hochaktuellen Debatten und deckt ein breites Feld unterschiedlichster Themen und Genres ab. Die Filme erzählen von alten Freundschaften, neuen Anfängen und letzten Chancen; sie erforschen, was passiert, wenn unterschiedlichste Lebensentwürfe aufeinander prallen. Ihre Figuren bewegen sich in virtuellen Welten und an kriminellen Abgründen. Ausgangs- und Mittelpunkt der Geschichten ist dabei häufig die liebe Familie – mit all ihren Höhen und Tiefen.

 

Die Familie als Nukleus der Gesellschaft, um den sich das Leben dreht – ob wir wollen oder nicht – sorgt oft für dramatische, aber auch amüsante Konstellationen. UND WER NIMMT DEN HUND? etwa wirft einen humorvollen Blick auf das Thema Scheidung im arrivierten bürgerlichen Milieu und zeigt die ganze absurde Komik, die einem Beziehungsaus innewohnen kann. In eine ähnliche Kerbe schlägt die Komödie MEINE NACHBARN MIT DEM DICKEN HUND. Auch hier bildet eine Trennung den Ausgangspunkt der Erzählung. Die frustrierte verlassene Ehefrau bekommt bald ungewollte Gesellschaft in Form neuer Nachbarn, einer lässigen alleinerziehenden Mutter und deren frecher Tochter. Hier prallen Welten aufeinander und die Toleranz aller Beteiligten wird auf eine harte Probe gestellt. Eine Art Ersatzfamilie bildet die Reisegruppe in DER SOMMER NACH DEM ABITUR. Der Film erzählt lakonisch und nostalgisch von den Tücken und Glücksmomenten des Älterwerdens Mit einem Roadtrips holen drei Freunde nach, was sie vor mehr als 20 Jahren verpasst zu haben glauben.

 

 

Mit den Schattenseiten des Familienlebens befassen sich gleich mehrere Filme in der diesjährigen Reihe Neues Deutsches Fernsehen. In ICH BRAUCHE EUCH etwa muss sich eine distanzierte, illusionslose Geschäftsfrau nach dem Tod ihrer Schwester plötzlich um deren verwaiste Kinder kümmern. Die Verantwortung überfordert die Zynikerin zwar zunächst, zwingt sie aber schließlich dazu, ihre Bindungsangst zumindest teilweise zu überwinden. Mit ihrer eigenen Tochter genug zu tun hat derweil die Protagonistin von NACHTS BADEN. Die extrovertierte Rockstar-Mutter fremdelt mit ihrer ehrgeizigen und spießigen Tochter – der Generationenkonflikt mit vertauschten Rollen ist unausweichlich. Die vielleicht extremste Versuchsanordnung entwirft das Psychogramm TOTGESCHWIEGEN. Der Ensemblefilm untersucht, wie Eltern mit einem abscheulichen Verbrechen ihrer eigenen Kinder umgehen. Der Fall eröffnet Fragen nach Entfremdung und Schuld(-bewusstsein) im moralischen Ausnahmezustand.

Natürlich dürfen auch Krimis im Neuen Deutschen Fernsehen nicht fehlen. In WIENER BLUT ermittelt eine Staatsanwältin im Fall eines vermeintlichen Selbstmords. Schnell stellt sich heraus, dass die Spuren nicht nur bis in höchste wirtschaftliche und islamistische Kreise, sondern bis ins Privatleben der Ermittlerin reichen. EIN VERHÄNGNISVOLLER PLAN verwickelt einen Kommissar in eine perfide Verschwörung, die ihn nicht nur seine Karriere und seine Familie, sondern auch das Leben zu kosten droht. Politisch wird das Verbrechen bei in WIR WÄREN ANDERE MENSCHEN: Rupert musste als Jugendlicher mit ansehen, wie seine Eltern und sein bester Freund von zwei Polizisten erschossen wurden. Die Polizisten kamen ungestraft davon und wurden freigesprochen. Auch dreißig Jahre später hat Rupert das Trauma nicht verwunden und kehrt in das erdrückende Milieu seines Heimatortes zurück. Dort wird kurz darauf einer der Polizisten tot aufgefunden. Zufall?

Das Politische im Privaten suchen und finden mehrere Filme der diesjährigen Reihe. Ausgangspunkt ist einmal mehr die Familie, besonders eindrücklich in WEIL DU MIR GEHÖRST. Hier folgt auf die Scheidung erst die eigentliche Katastrophe: Die auf den ersten Blick liebevolle Mutter entpuppt sich als geschickte Manipulatorin, die ihre kleine Tochter systematisch gegen den verzweifelten Vater aufbringt. Ein hochaktuelles Thema behandelt PLAY. Darin verliert sich eine Jugendliche in den Untiefen eines Virtual-Reality-Games. Die spektakulären visuellen Effekte zeigen das Immersionspotenzial, das bis hin zu krankhafter Spielsucht und Realitätsverlust führen kann. Doch auch wenn in einem Krankheitsfall die Heilung gelingt, bedeutet das nicht zwangsläufig das Ende aller Probleme, wie der Film HERZJAGEN zeigt. Darin ist Caroline nach einer Herzoperation zwar körperlich kerngesund, sieht sich dafür aber plötzlich mit ganz neuen Problemen konfrontiert. Der Abschied von ihrem bisherigen Leben im Schongang ohne jede Aufregung und Verantwortung will ihr einfach nicht gelingen.

 

 

Nicht nur konkrete Probleme schildern, sondern eine strukturelle Kritik an einem kranken System formulieren – das haben sich zwei Filme der Reihe auf die Fahnen geschrieben: DAS MENSCHENMÖGLICHE erzählt von der jungen Ärztin Judith, der wegen chronischer Überarbeitung ein folgenschwerer Kunstfehler unterläuft. Während alle ihr raten, einfach weiterzumachen, lässt sie ihr Gewissen nicht zur Ruhe kommen. So steht Judith vor einer Grundsatzentscheidung: karrierewirksam Mitschwimmen oder versuchen, das korrupte System von innen heraus zu verändern? In STUMME SCHREIE steht ebenfalls eine junge Ärztin im Zentrum der Geschichte. Jana wird während ihrer Facharztausbildung mit verschiedenen Fällen misshandelter Kinder konfrontiert und muss hautnah erleben, wie schwer es ist, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und die Kinder zu schützen. Moralisch entrüstet ergreift sie im Namen der Gerechtigkeit selbst die Initiative.

Historische Settings finden sich in zwei Filmen des diesjährigen Programms: DER CLUB DER SINGENDEN METZGER erzählt lakonisch von einem deutschen Metzgermeister, der mit seiner Braut nach dem Ersten Weltkrieg in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA auswandert. Dort gründet er den örtlichen Gesangsverein und findet das große Glück. In EIN DORF WEHRT SICH derweil bilden die Schrecken des Krieges nicht nur den Hintergrund, sondern stehen im Zentrum der Erzählung. Der Film handelt vom wachsenden Widerstand einer Dorfgemeinschaft gegen das NS-Regime. Anhand dieser Miniaturgesellschaft werden allgemeine Gewissensfragen von Solidarität, Zivilcourage und moralischer Haltung verhandelt.