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Dienstag, 25.06.2019

Randbemerkungen

American Independents auf dem FILMFEST MÜNCHEN

Blickfest: CALIDRIS von Peter Azen

Der amerikanische Wahlkampf – ein Ringen um Stimmen, ein Diffamieren von Gegnern. Noch ist der letzte so präsent im kollektiven Gedächtnis. Für manche war er ein großer Triumph, für andere bleibt er eine bittere Niederlage. Und schon wieder beginnt der Reigen, gefühlt wöchentlich geben neue Politiker ihre Kandidaturen bekannt. Auch in der Kunst schlägt sich die immer tiefer werdende Spaltung des Landes nieder. Gesellschaftsabbildung und das Hinterfragen von sozialen Normen stehen dieses Jahr bei den American Independent Produktionen auf dem FILMFEST MÜNCHEN im Mittelpunkt.

 

Eine große Stimme des Wahlkampfs von 2016, Steve Bannon, ist Protagonist der Dokumentation THE BRINK von Alison Klayman. Die Regisseurin begleitete den politischen Berater auf seinen Reisen. Dabei geht es um „The Movement“, ein Rechtsruck der politischen Ausrichtung vieler Länder, die Bannon durch seine Treffen mit nationalistischen Parteien unterstützt. Klayman zeigt das Verhalten des Mannes Steve Bannon, ohne es zu kommentieren. Das nimmt seinen Aussagen die Stärke, die ihnen oft zugeschrieben werden. Der Kontrast zwischen dem alternden Konservativen und der jungen Regisseurin sowie seine Unsicherheit, wie er sich ihr gegenüber geben soll, machen den Dokumentarfilm zu einer einmaligen Einsicht in den Charakter, der Donald Trump ins Weiße Haus brachte. Die nationalistischen Bewegungen in den USA, die Bannon mitanfachte, führen dazu, dass Minderheiten von der amerikanischen Gesellschaft immer weiter an den Rand gedrängt werden. Es wird ein Ideal angestrebt und wer das nicht erfüllt, gehört nicht dazu.

HAIL, SATAN? von Penny Lane beäugt genau eine solche Gruppe Andersdenkender, die gegen dieses „Ideal“ ankämpft. The Satanic Temple, eine satanistische Kirche, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gesellschaft daran zu erinnern, dass die USA ein säkularisierter Staat sind und Religionsfreiheit besteht. Warum werden dann vor öffentlichen Gebäuden die Zehn Gebote ausgestellt, aber Statuen, die andere Glaubensrichtungen abbilden, fehlen? Der Satanische Tempel ließ eine Statue des Dämons Baphomet errichten, um diese Ungerechtigkeit anzuprangern. Viele solcher Aktionen dokumentiert Penny Lane in ihrem Portrait der religiösen Vereinigung. Ein unterhaltsames Bild einer klugen, sozialen Gemeinschaft, die gegen die Marginalisierung Andersdenkender angeht, ist dabei entstanden, das den vorurteilsbehafteten Begriff „Satanismus“ in ein anderes Licht rückt.

 

WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD'S ON FIRE?, HAIL, SATAN? und THE BRINK

 

Der Kampf um Gleichberechtigung ist in den Vereinigten Staaten wohl mit keiner Minderheit so eng verknüpft wie mit der afroamerikanischen Bevölkerung. In WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD’S ON FIRE? blickt der italienische Regisseur und Wahlamerikaner Roberto Minervini auf die die Geschichte und die heutige Lage der Bevölkerungsgruppe. Dabei beleuchtet er aktuelle Bewegungen wie die New Black Panther Party- sowie persönliche Schicksale. Vor allem Judy Hill, eine 50-jährige Frau, die als Kind Opfer sexueller Gewalt wurde, berührt mit ihren Erzählungen. Doch auch die nächste Generation kommt zu Wort mit dem 14-jährigen Ronaldo King und dem neunjährigen Titus Turner, die sich in ihrem jungen Alter schon ihrer düsteren Zukunftsaussichten bewusst sind.

Ähnlich ihrer Lage bewusst sind sich die brasilianischen Einwanderer in New York, die Regisseur Peter Azen in CALIDRIS portraitiert. In dem Experimentalfilm verflicht Azen, selbst ein Immigrant aus Brasilien, die fiktive Geschichte von Jane und Carlos, die einen Neustart in New York wagen, mit persönlichen Erinnerungen und realen Erlebnissen von Einwanderern. Eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem mexikanischen Immigranten und einem Wettermann erzählt PAPI CHULO. Als Sean vor laufender Kamera einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil er die Trennung von seinem Freund nicht überwunden hat, wird ihm ein Zwangsurlaub angeordnet. Um seinen Ex komplett aus seinem Leben zu verbannen, engagiert er kurzerhand den illegalen Einwanderer Ernesto, den er aus einer Gruppe Mexikaner vor dem Baumarkt auswählt, damit dieser hilft, sein Haus zu renovieren. Doch schnell bezahlt ihn Sean auch als Begleitservice für Partys oder einfache Wanderausflüge. Aus diesen seltsam aufgezwungenen Momenten – noch verstärkt durch eine Sprachbarriere –  zwischen zwei sehr unterschiedlichen Typen entsteht wider Erwarten eine tiefe Verbindung. Mit Matt Bomer und Alejandro Patiño als ungleiche Freunde, die auf liebenswerte Weise von einer unangenehmen Situation in die nächste schlittern, hat der irische Regisseur John Butler Traumbesetzungen für diese kulturübergreifende Bromance gefunden.

 

GIVE ME LIBERTY und PAPI CHULO

 

Seine persönlichen Erfahrungen mit einer Minderheit schildert der Regisseur Kirill Mikhanovsky in GIVE ME LIBERTY. Der russische Einwanderer verdiente zunächst sein Geld mit dem Fahren eines Busses für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung. In seinem Spielfilm verkörpert der 25-jährige Vic nun seine Erinnerungen, der sich innerhalb eines Tages in eine Zwickmühle manövriert. Denn Vic kann niemandem etwas abschlagen. Denn neben seinen sonstigen Mitfahrern entschließt er sich auch noch, eine Trauergemeinschaft zu transportieren, die den Bus in ein chaotisches Schlachtfeld verwandelt. Die liebevolle Zeichnung der schrillen Charaktere sowie die Besetzung körperlich oder geistig eingeschränkter Schauspieler macht GIVE ME LIBERTY zu einem Film, der Diversität nicht ausstellt, sondern als Normalzustand versteht.

Ihre Stimme erkämpft haben sich Frauen jetzt schon seit über hundert Jahren. Starke weibliche Hauptcharaktere setzen sich glücklicherweise auch langsam in der Filmwelt durch. Bob Byingtons FRANCES FERGUSON portraitiert eine Lehrerin, die nach einer Affäre mit einem Schüler eine Gefängnisstrafe absitzen muss. Das Verhalten der unglücklich verheirateten Frances wird darin nicht erklärt, aber auch nicht verteidigt. Nur in den intensiven Blicken von Schauspielentdeckung Kaley Wheless kann man ihre innere Unruhe spüren. Die Unfähigkeit zu kommunizieren prägt auch Bridgets Leben. Die Protagonistin in Alex Thompsons Spielfilmdebut SAINT FRANCES ist Mitte dreißig und will sich weder beruflich noch privat fest binden. Erst als sie notgedrungen eine Stelle als Nanny annimmt, trifft sie auf eine Sechsjährige, die ihre Unsicherheiten sofort erkennt. Zwischen Bridget und der kleinen Frances entsteht eine liebevolle Beziehung, in der beide Antworten finden, die sie in ihrem Leben vermissten. Eine Frau, die ihr Leben komplett im Griff zu haben scheint, ist Katherine Newbury. Sie ist erfolgreiche Moderatorin einer Late Night Show in den USA, führt ihre Angestellten mit eiserner Hand. Doch als sie durch einen jüngeren Mann ersetzt werden soll, weiß sie sich nicht zu helfen. Erst die indisch-stämmige Molly Patel bringt frischen Wind und neue Ideen ins Team. Mindy Kaling, die seit Jahren die weibliche Comedyszene in den USA prägt, schrieb das Drehbuch für LATE NIGHT – DIE SHOW IHRES LEBENS und spielt Molly in diesem klugen Portrait einer Frau, die sich machohafter gibt als alle ihre männlichen Kollegen und die erst lernen muss, dass ihre Weiblichkeit die wahre Stärke ist. Emma Thompson glänzt gleichzeitig als unerträgliche Chefin und charmante Fernsehpersönlichkeit.

 

FRANCES FERGUSON, LATE NIGHT – DIE SHOW IHRES LEBENS und SAINT FRANCES

 

Ebenso toxisch wie Katherines Vorstellung, wie man sich als gestandener Boss verhalten muss, ist auch das Bild von Maskulinität, das Casey in THE ART OF SELF-DEFENSE vermittelt wird. Der schüchterne Mann, der oft für seine hohe Stimme gehänselt wird, beschließt, nachdem er verprügelt wurde, so zu werden wie seine Angreifer: ein starker, echter Mann. Dafür tritt er einem Dojo bei und nimmt Karateunterricht. Doch ist das Männlichkeitsideal, das in den seltsamen Abendkursen zelebriert wird, wirklich das Richtige für Casey. Regisseur Riley Stearns hinterfragt humorvoll Geschlechterstereotypen und hat in Jesse Eisenberg die perfekte Besetzung für den schrulligen Eigenbrötler gefunden. Das Ideal einer echten Männerfreundschaft zu erreichen ist ähnlich utopisch wie das eines ganzen Kerls. In THE CLIMB stoßen Mike und Kyle dabei an ihre Grenzen. Bei einer Rennradtour kurz vor Kyles Hochzeit gesteht Mike ihm eine vergangene Beziehung mit seiner Zukünftigen. Der perfekte Moment, denn Kyle kann nichts anderes tun als weiter zu radeln, damit er am Ende vielleicht Mike damit konfrontieren kann. Es folgen weitere Episoden aus dem Leben der beiden, die einzelne Höhen und Tiefen ihrer „Bromance“ zeigen. Daraus entsteht eine Dynamik, die das Publikum mitreißt – die Szenen werden nie kontextualisiert, daher weiß man nie genau, wie die Freunde in diesem Lebensabschnitt zueinander stehen. Regisseur Michael Angelo Covino und Kyle Marvin nahmen für das Drehbuch ihre eigene jahrelange Freundschaft als Grundlage und kreieren mit ihrem Film eine Liebeserklärung an platonische Beziehungen, die alles überstehen können.

Keola Racelas Horror-Komödie PORNO hinterfragt Maskulinität nicht lange, sondern hat eher Spaß daran, ihre Zerstörung  zur Schau zu stellen – und das im wörtlichen Sinne. In einem kleinen christlich geprägten Ort arbeiten ein paar Teenager im Kino, um ihr Taschengeld aufzubessern. Nach der letzten Vorstellung dürfen sie noch dort bleiben und eine Privatvorstellung von EINE KLASSE FÜR SICH anschauen. Eines Abends entdecken sie währenddessen ein kleineres verstecktes Theater und Filmrollen, auf denen sie einen psychedelischen Softporno finden. Durch das Projizieren dieses Films entfesseln sie eine sexhungrige Dämonin, die sich mit Freude auf die Jugendlichen stürzt. Explodierende Hoden und irritierende Stripteasetänze fügen sich zu einem bunten Slasher-Spaß zusammen.

 

PORNO, THE CLIMB und THE ART OF SELF-DEFENSE

 

Mystische Elemente wie Dämonen können aber auch die innere Zerrissenheit von Figuren darstellen. Benny, der unter einer chronischen Zwangsstörung leidet, macht in SPELL einer Reise nach Island. Der junge Mann muss Metall ablecken und zwar jede Art von Metall, auch Wasserhähne in öffentlichen Toiletten. Das klingt erstmals absurd, doch SPELL zeigt eine Figur, die ebenso unter seiner Krankheit wie unter einem großen Verlust leidet. Nach einer wilden Partynacht mit ein paar freundlichen Einheimischen lässt sich Benny ein Tattoo stechen: Die alte isländische Rune bringt jedoch Magie in sein Leben. Halluzinationen konfrontieren Benny mit seinem Verlust sowie mit der mythischen Welt Islands. Bedrückend gruselig führt sein Weg durch das fremde Land als auch durch seinen Gefühlszustand.

Seine Trauer mit der Flucht in andere Welten zu verarbeiten, kann aber auch mit einem erhebenden Gefühl verbunden sein. Mark Webbers THE PLACE OF NO WORDS erzählt die Geschichte einer Familie, der ein schwerer Schicksalsschlag bevorsteht. Um seinem dreijährigen Sohn zu erklären, was „Tod“ genau bedeutet, erschafft Mark eine Fantasiewelt, in der sich er und sein Kind absolut geborgen fühlen können. Als starke Wikinger streifen sie durch bergige Landschaften, kommen an sagenumwobene Burgen und durchqueren stürmische Gewässer. Liebevoll und bedacht wird das Kleinkind an die Konzepte von „Leben und Tod“ herangeführt.

 

THE PLACE OF NO WORDS und SPELL

 

Die American Independent-Filme, die das FILMFEST MÜNCHEN 2019 zeigt, bietet eine Plattform für Diversität. Unterschiedliche Religionen, Geschlechter, Lebenssituationen und Meinungen werden gezeigt, in den Fokus gerückt und vor allem eins: akzeptiert.  

 

Barbara Oswald