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Mittwoch, 26.06.2019

Meisterhaftes Kino

Die Filme im CineMasters Wettbewerb

Meisterhaftes Kino

Preisgekröntes Meisterwerk aus Brasilien: BACURAU


Mal treffen wir eigenartige Fantasiekreaturen in einer fremden Welt, mal lernen wir unsere eigene Welt wieder neu zu erfahren, sind dabei, wenn junge Menschen das Leben entdecken, aber auch in den letzten Momenten, wenn der Tod näher rückt – die Filme des diesjährigen CineMasters-Wettbewerbs zeigen die ganze Bandbreite der filmischen Vielfalt. Sie wollen provozieren, manchmal wehtun oder zum Nachdenken anregen. Manchmal zeigen sie auch die Schönheit um uns herum, wollen verzaubern und Hoffnung spenden. Eines haben sie aber gemeinsam: Hier waren absolute Meister*innen des Kinos am Werk.  

Einige bekannte Namen finden sich darunter. Ethan Hawke zum Beispiel, der als Schauspieler Weltruhm erlangte und mehrere Male für einen Oscar nominiert war. In seiner vierten Regiearbeit BLAZE wendet er sich wieder seiner großen Liebe für Musik zu, die ihn schon mehrfach zu Filmen inspiriert hat. Dieses Mal erzählt er die bewegende Geschichte des Country-Sängers Blaze Foley, dessen Musik viele Künstler*innen beeinflusste, jedoch nie die Anerkennung erhielt, die sie verdiente.

Bong Joon Ho ist hingegen derzeit in aller Munde, dank seines großen Triumphes in Cannes, wo sein neuestes Werk als bester Film die Goldene Palme erhielt. In PARASITE kehrt der südkoreanische Ausnahmeregisseur in seine Heimat zurück, wo eine arbeitslose Familie eine neue Perspektive erhält – dank einer anderen Familie, an die sie sich heftet. Wie von Bong gewohnt wechselt das traumwandlerisch zwischen den Genres, ist mal Satire, dann wieder Thriller oder auch sehr tragisch.

 

Zwei von zehn cineastischen Höhepunkten: PARASITE und BLAZE


Eine Tragödie war auch der 16. August 1819, als eine friedliche Demonstration in Manchester für mehr Rechte in einem blutigen Massaker endete. Der englische Veteran Mike Leigh gedenkt in PETERLOO eines Ereignisses, das ebenso grauenerregend wie bedeutsam war. Ein fataler Angriff auf die freie Meinungsäußerung, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind.

Der Spanier Albert Serra hat sich ebenfalls schon mehrfach als Meister historischer Stoffe gezeigt. In LIBERTÉ kehrt er zurück ins Frankreich des späten 18. Jahrhunderts. Gewalt müssen die Protagonist*innen hier zwar keine befürchten, Unterdrückung aber sehr wohl. Und so macht sich ein adliges Trio auf den Weg, um sich in einem einsamen Wald ungestört seinen Lüsten und Begierden hinzugeben, als Ausdruck einer neu entdeckten Freiheit.

 

Historische Stoffe im Doppelpack: PETERLOO und LIBERTÉ


Auch Naïma in UNE FILLE FACILLE der Französin Rebecca Zlotowski ist gerade dabei, sich selbst und die Welt zu erforschen, Grenzen auszutesten und nach einem eigenen Weg zu suchen. 16 Jahre ist sie, ein aufregendes Alter, voller Möglichkeiten und unbestimmter Sehnsüchte. Ihre sechs Jahre ältere Cousine Sofia ist da schon deutlich weiter und weiß sehr genau, was sie will – gerade auch von den Männern. Diese selbstsichere Art fasziniert die Jugendliche, die noch gar nicht sicher ist, wer sie eigentlich sein möchte.

Eine ganz andere Familiengeschichte erzählt der Spanier Isaki Lacuesta in ENTRE DOS AGUAS, ein irgendwo im Grenzgebiet von Dokumentarfilm und Spielfilm angesiedeltes Werk. Hier sind es zwei Brüder, die sich nach der Rückkehr in die alte Heimat mit sehr unterschiedlichen Lebensauffassungen auseinandersetzen müssen, aber auch mit den schmerzhaften Erinnerungen an den verstorbenen Vater.

Einen Vater gibt es in O QUE ARDE ebenso wenig. Stattdessen beleuchtet der in Frankreich geborene spanische Filmemacher Oliver Laxe die besondere Beziehung einer Mutter zu ihrem Sohn, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Es ist keine Beziehung der großen Worte, die alte Frau lebt so wie die anderen wenigen Menschen in den galizischen Bergen im Einklang mit der Natur.  Bis diese lichterloh brennt.

 

Familiengeschichten aus Spanien: ENTRE DOS AGUAS und O QUE ARDE


Unberührte Natur? Die gibt es prinzipiell auch in BACURAU. Es ist sogar ein kleines Idyll, welches das das in Brasilien geborene Regieduo Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles da erschaffen hat. Doch der Eindruck trügt. Während sich die Einwohner des kleinen Dorfes mitten im dichten Dschungel liebevoll umeinander kümmern, verfolgen andere sehr finstere Ziele. Und sehr blutige: Von der eingeschworenen Gemeinschaft soll am Ende ebenso wenig übrig bleiben wie von dem Dorf selbst.

In COLD CASE HAMMARSKJÖLD wechseln wir den Kontinent, wenn wir Mads Brügger bei seinen Nachforschungen begleiten, weshalb der UNO-General Sekretär Dag Hammarskjöld nun wirklich 1961 im heutigen Sambia sterben musste. Und wer die anderen Filme des dänischen Provokateurs kennt, weiß, dass er in seinen Dokumentarfilmen sehr eigene Wege verfolgt – mit überraschenden Ergebnissen, mal urkomisch, dann wieder erschreckend.

Ein Fall fürs Herz ist hingegen der zehnte und letzte Film der Reihe: THE PLACE OF NO WORDS von US-Regisseur Mark Webber. Ohne Beschönigung oder falsche Sentimentalität lernen wir Webbers Alter Ego kennen, einen Familienvater, der bereits im Sterben liegt und nach einem Weg sucht, seinen erst dreijährigen Sohn darauf vorzubereiten. Beide eint eine große Liebe zur Fantasie, weshalb sie gemeinsam in ihrer Vorstellungskraft viele Abenteuer erleben – und eine große Liebe füreinander, die über den Tod hinausgeht.

 

Oliver Armknecht