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Dienstag, 25.06.2019

Das Kino der Zukunft

Die Filme im CineVision Wettbewerb

Einer von zehn Titeln im CineVisions Wettbewerb: CENIZA NEGRA

Der internationale Regie-Nachwuchs ist mutig, denkt um immer neue Ecken und weiß andere Perspektiven einzunehmen. Traditionell würdigt das FILMFEST MÜNCHEN deshalb herausragende Debüt- oder Zweitfilme im Wettbewerb CineVision. In diesem Jahr sind zehn vielversprechende Produktionen in der Programmreihe vertreten, darunter auch der Eröffnungsfilm THE ART OF SELF-DEFENSE. Der CineVision Award ist mit 15 000 Euro dotiert, gestiftet von MPLC Deutschland. Über den Gewinnerfilm entscheidet eine dreiköpfige Jury.

Was bedeutet „Fremdsein“ und was heißt es dann, dazuzugehören? Diese Fragen ziehen sich in vielen Facetten durch die Filme des diesjährigen CineVision Wettbewerbs. ANGELO von Markus Schleinzer etwa erzählt die an wahre Begebenheiten angelehnte Geschichte eines Sklaven, der als Kind aus Afrika nach Europa verschleppt wird und fortan ein Leben im goldenen Käfig führt – als Kammerdiener einer noblen Comtesse.

In MANTA RAY von Phuttiphong Aroonpheng hingegen ist das Fremde kein exotisches Faszinosum, sondern ein Grund zur Verfolgung. In einem Küstenstädtchen in Thailand findet ein Fischer einen der muslimischen Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar und nimmt ihn bei sich auf. Als der Fischer eines Tages spurlos verschwindet, übernimmt der Gerettete nach und nach dessen Leben, von den blondgefärbten Haaren bis hin zur Exfrau.

 

MANTA RAY, ANGELO und WINTER AFTER WINTER

 

Dass das Fremde bedrohlich ist und sogar Familienverhältnisse zerrütten kann, zeigt WINTER AFTER WINTER vom chinesischen Regisseur Jian Xing. Der Film handelt von einem Familienvater, der während des Zweiten Weltkriegs angesichts des Einmarschs durch die Japaner so besorgt um die Blutlinie seiner Familie ist, dass er seine Söhne dazu zwingen will, die eigene Schwägerin zu schwängern.

Und auch in THE MAN WHO SURPRISED EVERYONE ist das harmonische Familienleben gefährdet, als Egor  an Krebs erkrankt und einen ungewöhnlichen Weg geht, um der Krankheit zu entfliehen: Er verkleidet sich als Frau. Der Film von Natasha Merkulova und Aleksey Chupov erzählt von der Angst vor dem Tod, der Suche nach der eigenen sexuellen Identität und dem russischen Umgang mit Homosexualität.

Familie, Tradition, Kontrollverlust. Diese Motive klingen immer wieder in den Filmen des CineVision Wettbewerbs 2019 an. In schwarz-weißen Bildern entfaltet etwa CANCIÓN SIN NOMBRE von Melina León die Geschichte einer Peruanerin, die sich mit Hilfe eines Journalisten auf die Suche nach ihrem Kind macht, das ihr direkt nach der Geburt geraubt wurde.

Auch die 13-jährige Selva wächst ohne ihre Eltern in einem Dorf mitten im Urwald Costa Ricas auf. CENIZA NEGRA von Sofía Quirós Ubeda erzählt auf magische Weise von Selvas Weg ins Erwachsenenleben – zwischen dem Zusammenwohnen mit ihrem Großvater, ihren Freundschaften in der Schule und dem allgegenwärtigen Thema Tod.

Auf- und über sich hinauswachsen, ist eine der schwersten Aufgaben überhaupt. Sich selbst zu überwinden, klappt manchmal nur mit Hilfe anderer. In THE ART OF SELF-DEFENSE beispielsweise ist es ein charismatischer Sensei, der seinen ängstlichen Schüler nicht nur Karate lehrt, sondern auch, was es heißt, „ein richtiger Mann“ zu sein. Der schwarzhumorige Film von Riley Stearns mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle wird das 37. FILMFEST MÜNCHEN eröffnen. Regisseur und Hauptdarsteller sind am Eröffnungsabend persönlich dabei.

 

THE MAN WHO SURPRISED EVERYONE, ANIMALS und JUDY AND PUNCH

 

Doch nicht nur stereotype Männlichkeitsbilder werden in den CineVision Award-Anwärtern hinterfragt. Auch die Frage, wie sich Frauen zu verhalten haben, steht im Raum. In JUDY AND PUNCH von Mirrah Foulkes eskaliert in einem quasi historischen Setting die Situation zwischen den verheirateten Puppenspielern Judy und Punch. Nachdem ihr Mann volltrunken gewalttätig wird, tritt Judy emanzipiert einen Rachefeldzug an.

Dass im Umkehrschluss für eine selbstbestimmte Frau im feministischen Sinn das traditionelle, domestizierte Leben scheinbar tabu ist, macht ANIMALS von Sophie Hyde zum Thema. Da bröckelt schon mal eine langjährige Freundschaft, wenn sich eine der Freundinnen dazu hinreißen lässt, zu heiraten und somit in den Augen der Anderen ihre Werte verrät.

Und auch in Michael Angelo Covinos THE CLIMB wird das Band zwischen zwei Freunden auf die Probe gestellt, als einer dem anderen gesteht, dass er früher eine Romanze mit dessen Verlobter hatte – und das, während er ihn gerade mit dem Fahrrad eine Berg-Etappe hochtreibt.

Immer wieder wird in den Filmen der neuen Kino-Visionäre das Humane im Menschen herausgefordert. Wie bewahren wir unsere Menschlichkeit in Zeiten der Krise? Eine Frage, die gegenwärtig nicht oft genug gestellt werden kann.

Die Regie-Newcomer präsentieren in der diesjährigen CineVision-Reihe thematisch vielseitige und großartig inszenierte Projekte. Wir freuen uns auf viele schöne Filmvorführungen und einen spannenden Wettbewerb!

 

Nina Kühne