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Mittwoch, 19.06.2019

Der Blick nach Fernost

Asiatische Filme beim FILMFEST MÜNCHEN

Harte Kost aus Fernost: der philippinische Thriller ALPHA, THE RIGHT TO KILL

Filme sind immer eine wunderbare Gelegenheit, das Tor zu fernen Ländern aufzustoßen, fremde Kulturen kennenzulernen und spannende Erfahrungen zu machen. Das zeigt sich beispielsweise bei den Titeln aus Fernost, die dieses Jahr auf dem FILMFEST MÜNCHEN vertreten sind und uns die Welt noch einmal mit ganz neuen Augen zu sehen lehren.

Das gilt sogar wörtlich für die beiden taiwanesischen Kurzfilme, die Teil der neuen Reihe Virtual Worlds sind: AFTERIMAGE FOR TOMORROW befasst sich mit Erinnerungen in einer künstlichen Welt, in LIVE STREAM FROM YUKI <3 folgen wir einer jungen Frau, die ihr Liebesleben öffentlich macht. Das stark boomende Thema Live Stream wird auch in dem Dokumentarfilm PRESENT.PERFECT. aus Hongkong aufgegriffen: Mehr als 800 Stunden Filmmaterial wurde hier zusammengetragen und zu einem Querschnitt durch die junge Gesellschaft Chinas kondensiert. Was bewegt sie? Welche Bedeutung hat das Internet für sie? Wie sieht ein Alltag aus, der in der Öffentlichkeit stattfindet?

Ein ganz anderes Bild vom Reich der Mitte vermittelt UP THE MOUNTAIN, einer von fünf Filmen, die das FILMFEST MÜNCHEN in Zusammenarbeit mit dem Konfuzius Institut zeigt. Der Dokumentarfilm nimmt uns mit auf eine Reise nach Dali, in der Provinz Yunnan im Süden Chinas gelegen, ein Ort, an dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Ein Film wie ein Gemälde, gefertigt von einem Meister der naiven Landschaftsmalerei. Die Menschen pflegen dort ihre Traditionen, erfreuen sich an Drachentänzen und lassen das Leben in meditativer Ruhe angehen. KOALI & RICE zeigt sich ebenfalls von einer nachdenklichen Natur, wenn eine 70-Jährige ihr Leben noch einmal überdenkt. Was bleibt, wenn die Kinder einen nicht mehr brauchen, die Freunde nach und nach sterben?

Moderne vs. Tradition: der taiwanesische Virtual-Reality-Kurzfilm LIVE STREAM FROM YUKI <3 und das chinesische Drama KOALI & RICE

In Erinnerungen schwelgt auch Zhou Jun in WALKING IN DARKNESS, der seinen verlorenen Sohn sucht. Mit einer Flasche Schnaps in der Hand und in Begleitung eines Taxifahrers fährt er durch die Nacht, wenn die Bilder der Vergangenheit mit dem schimmernden Grau seiner Umgebung verschmelzen. Komplett in Schwarz-Weiß gehalten ist hingegen WINTER AFTER WINTER: In kunstvoll durchkomponierten Aufnahmen erzählt auch dieses Historien-Drama von brüchigen Familienbanden, von Schatten der Vergangenheit, wenn im besetzten China des Zweiten Weltkriegs ein Stammesoberhaupt seine Blutlinie erhalten will – um jeden Preis. Blut fließt zu guter Letzt in THE WILD GOOSE LAKE. Denn in dem packenden Thriller sind alle hinter dem Gangster Zhou Zenong her: die Polizei, ehemalige Gangkollegen, sie alle versuchen, den Flüchtigen zu schnappen.

Nicht minder spannend geht es zu, wenn wir von China aus aufbrechen und noch weiter Richtung Osten reisen. In MANTA RAY, der an der Grenze zwischen Thailand und Myanmar spielt, machen die Menschen ebenso Jagd auf Manta-Rochen wie auf Flüchtlinge – bis ein Fischer einen Sinneswandel hat. Das auf mehreren Festivals ausgezeichnete Drama gewährt uns einen ebenso rätselhaften wie poetischen Blick auf eine ganz besondere Begegnung. ALPHA, THE RIGHT TO KILL wiederum ist ein knallharter Action-Thriller, der uns in den Drogensumpf der Philippinen mitnimmt. Denn dort kämpft jeder ums Überleben, vom kleinen Dealer bis zum Polizisten, während das ganze Land in einen brutalen Drogenkrieg hineingezogen wird.

Zum Abschluss unserer Fernost-Reise machen wir Halt in Südkorea, wo feste Genreschubladen der Vergangenheit angehören. Ausnahmeregisseur Bong Joon Ho ist dieses Jahr mit einer Retrospektive auf dem FILMFEST MÜNCHEN vertreten und hat auch sein in Cannes ausgezeichnetes Meisterwerk PARASITE im Gepäck, in dem Satire, Drama, Thriller und Gesellschaftsporträt wie selbstverständlich eine Einheit bilden. Gleichermaßen ungewöhnlich ist das von seiner Landsfrau Yi Ok-seop inszenierte MAGGIE, ein lustvoll-absurdes Filmexperiment, in der sprechende Welse und unendlich tief scheinende Senklöcher nur die Spitze eines eigenwilligen Eisbergs darstellen.

Tipp: Wer noch mehr über das asiatische Kino erfahren möchte, dem empfehlen wir die FILMMAKERS LIVE! Veranstaltungen BEST OF PINGYAO über das gleichnamige Nachwuchsfestival China und das Gespräch mit Bong Joon Ho.

 

Oliver Armknecht