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Donnerstag, 13.06.2019

Spieglein, Spieglein…

Das Programm des 37. FILMFEST MÜNCHEN

Realität und Schein verschwimmen in A VIDA INVISÍVEL DE EURÍDICE GUSMÃO

In seinem 37. Jahr zeigt das FILMFEST MÜNCHEN 180 aktuelle Filme an zehn Tagen. Nationale und internationale Produktionen beschäftigen sich mit aktuellen Inhalten, innovativen Erzählformen und atemberaubenden Bildern. Im Mittelpunkt steht die Realität: Sie wird abgebildet, verfremdet, gespiegelt oder ganz umgangen – aber entkommen können ihr die Filme 2019 nicht.

 

Realitätsspiegel

Die Filmemacher*innen finden immer wieder unterschiedlichste Mittel und Wege, um politische Missstände und Veränderungen deutlich zu machen. Der Cannes-Gewinner PARASITE von Bong Joon Ho, dessen Werke in einer Retrospektive auf dem FILMFEST MÜNCHEN gezeigt werden, verhandelt gesellschaftliche Ungleichheiten unter dem Deckmantel eines spannenden Genrefilms. Ladj Lys LES MISÉRABLES thematisiert die zunehmende Frustration marginalisierter Bevölkerungsgruppen, deren emanzipatorische Bewegungen sich gewaltsam ihren Weg bahnen. Migration und der damit oft Hand in Hand gehende Rassismus sind in vielen Filmen zentrale Themen. In PERRO BOMBA lebt der haitische Steevens in Chile. Sein Alltag dort ist sehr fragil, sein Aufenthaltsstatus kritisch und es schlägt ihm viel Unmut der Leute entgegen. Als sein Kumpel Junior auch nach Chile flieht, droht aber sogar sein unsicheres Leben zu zerbrechen. LUCIÉRNAGAS hingegen erzählt die Geschichte eines homosexuellen Iraners, der als blinder Passagier auf einem Frachtschiff nach Mexiko gelangt.

 

PERRO BOMBA, LES MISÉRABLES und LUCIÉRNAGAS

 

Unsere derzeitige globale politische Situation spiegelt aber auch die Vergangenheit wider. Markus Schleinzers ANGELO verhandelt ebenfalls Diskriminierung und Ausgrenzung in dem Kontext der Kolonialisierung. Mike Leighs neuer Film beschäftigt sich mit dem Begriff „Demokratie“, der auch in Zeiten von Nachrechtsbewegungen in Regierungen auf globaler Ebene an Bedeutung zu verlieren scheint: PETERLOO ist die Geschichte des gleichnamigen Massakers in Manchester von 1819, bei dem eine friedliche Demonstration von der Armee brutal niedergeschlagen wurde.

Den Blick afroamerikanischer Filmemacher*innen zeigt die Reihe „A Peculiar Vantage: A Selection of Black Cinema“. Die von Künstler Arthur Jafa ausgesuchten Filme geben einen Einblick in historische Diskriminierung sowie in die Situation, in der sich Afroamerikaner heute befinden. Daneben gibt es auch eine Sicht von außen auf die Lage: die neue Dokumentation WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD’S ON FIRE? vom italienischen Regisseur Roberto Minervini.

Generell verarbeiten viele Regisseur*innen das Weltgeschehen in bildgewaltigen dokumentarischen Formen, darunter etwa Alison Klaymans THE BRINK, in dem die Regisseurin Steve Bannon auf einer Vortragsreise durch Europa begleitet. Nanni Morettis SANTIAGO, ITALIA schildert die Ereignisse des chilenischen Putsches von 1973, infolgedessen Flüchtlinge sich in die italienische Botschaft in Santiago retten mussten. Mit den Auswirkungen des arabischen Frühlings beschäftigt sich Eyad Aljarods THE GREATEST SACRIFICE.

 

SANTIAGO, ITALIA, THE GREATEST SACRIFICE und THE BRINK

 

Spiegelwelt

Die Grenzen von Fiktionalität und Realität können aber auch verschwimmen, wie etwa bei dem dänischen Filmemacher Mads Brügger, dem wir in diesem Jahr eine Retrospektive widmen. Mit seinen performativen Dokumentarfilmen deckt er soziale Missstände auf, ganz aktuell in COLD CASE HAMMARSKJÖLD.

Eine zweite Realität wird indes in den Sozialen Medien geschaffen. Sie ermöglicht den Nutzern dieser Plattformen ein anderes Spiegelbild des Selbst zu kreieren. Gleich vier Filme setzen sich mit diesem Thema auseinander: Von selbstverständlicher Alltäglichkeit in Bo Burnhams EIGHTH GRADE und CRSHD über professionalisierter Selbstdarstellung wie in Leiza Mandelups JAWLINE bis hin zu obsessivem Realitätsverlust wie in dem Familiendrama PLAY von Philip Koch. Virtuelle Welten werden nicht nur in diesem Film aus der Reihe Neues Deutsches Fernsehen aufgegriffen, sondern mit der VR-Ausstellung VIRTUAL WORLDS, einer neuen Reihe erlebbar, die in Kooperation mit dem Bayerischen Filmzentrum umgesetzt wird.

Kann man die Realität nicht länger im Spiegel betrachten, hilft nur noch eins: Die Flucht in fantastische Welten. Diese Methode wählt Mark Webbers THE PLACE OF NO WORDS, der ein Paralleluniversum voller magischer Kreaturen entwirft, um einer Familie über einen Schicksalsschlag hinweg zu helfen. Und das dystopische Märchen MÄR von Katharina Mihm aus der Sektion Neues Deutsches Kino, das in eine Welt voller Wölfe führt. Fantasie ist selbstverständlich auch das bestimmende Element in den Beiträgen des Kinderfilmfests, wo kleine Alltags- und Superheld*innen die Welt entdecken und retten, aber auch ganz reale Probleme von Kindern verhandelt werden.

 

THE PLACE IF NO WORDS und MÄR

 

Die Welt hinter dem Spiegel

Viele Filmemacher*innen bedienen sich vermeintlich traditionellen Genreelementen, um ihre Visionen von der Welt abzubilden. Eine bewährte Strategie, um ernste Themen zu verhandeln, ist die Komödie: Im Eröffnungsfilm THE ART OF SELF-DEFENSE von Riley Stearns geht es etwa um toxische und fragile Männlichkeitskonzepte, im Filmfest-Abschlussfilm LATE NIGHT – DIE SHOW IHRES LEBENS von Nisha Ganatra dagegen um emanzipierte Frauen in Männerdomänen. TEL AVIV ON FIRE von Sameh Zoabi und THE ANNOUNCEMENT von Mahmut Fazıl Coşkun verarbeiten politisch brisante Konflikte mit humoristischen Mitteln. Im breit gefächerten Programm sind aber auch Variationen von Horror- und Katastrophenszenarien vertreten. Der Sci-Fi-Western BACURAU von Juliano Dornelles und Kleber Mendonça Filho wirft derweil einen kreativen Blick in die Zukunft. Dabei werden aktuelle Konfliktfelder des zutiefst gespaltenen Landes Brasilien aufgenommen und in eine überzogene, surreale Welt gepackt, die der Unseren doch nicht allzu fremd scheint. Das Mammutprojekt LA FLOR von Mariano Llinás und dem argentinische Künstlerkollektiv El Pampero Cine vereint gleich mehrere Genrefilme in einem rund 14-stündigen Episodenfilm.

Wer hinter die Kulissen der Musikwelt blicken will, hat dafür auch mehrere Möglichkeiten. Zum einen wird es lokal mit SPIDER MURPHY GANG – GLORY DAYS OF ROCK’N’ROLL, und um die vielleicht berühmtesten deutschsprachigen Rapper, die Fantastischen 4, geht’s dagegen in WER 4 SIND. Zwei weitere Dokumentarfilme widmen sich einer der einflussreichsten Jazzlegenden, MILES DAVIS: BIRTH OF THE COOL sowie dem tragischen INXS-Frontman, MYSTIFY: MICHAEL HUTCHENCE. Der Spielfilm PRÉLUDE zeigt die Schattenseiten des Musikgeschäfts und den Druck, der auf junge Musiker ausgeübt wird, während CRESCENDO #MAKEMUSICNOTWAR von der verbindenden Kraft der Musik erzählt. In gleich drei Produktionen wird gemeinsam gesungen: In DER CLUB DER SINGENDEN METZGER, FISHERMAN’S FRIENDS und OUT OF TUNE geht es um Chöre – mal historisch, mal komödiantisch, aber stets mit einem Augenzwinkern.

 

FISHERMAN'S FRIENDS, DER CLUB DER SINGENDEN METZGER und OUT OF TUNE

 

Spiegelbild

Zehn Tage lang können Sie diese und noch viele weitere Filme schauen, neue Welten entdecken und die Stargäste persönlich erleben. Wie jedes Jahr gibt es nach vielen Screenings bei Q&As die Möglichkeit, Regisseuren Fragen zu ihren Projekten zu stellen sowie bei den Filmmakers Live! längeren Gesprächen mit unseren Ehrengästen zuzuhören. Also, schnell die Spiegelreflexkamera einpacken und auf zum FILMFEST MÜNCHEN 2019. Wir freuen uns auf 10 unvergessliche Tage!

 

Barbara Oswald