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Mittwoch, 26.06.2019

Bella Italia

Italienische Filme auf dem FILMFEST MÜNCHEN

Ein Augenblick für die Ewigkeit: MOMENTI DI TRASCURABILE FELICITÀ

Von großen Altmeistern bis zu vielversprechenden Nachwuchstalenten, von schonungslosen Dokumentationen der Realität bis zu fantasievollen Visionen – das FILMFEST MÜNCHEN zeigt die gesamte Vielfalt aktueller italienischer Filme. Bei dieser cineastischen Reise in den Süden heißt es Ticket lösen, einsteigen und staunen.

Ein fester Pfeiler des italienischen Kinos ist seit jeher der Kriminalbereich, schon in den 1930ern erschienen erste Filme, die sich mit der Mafia befassten. DER VERRÄTER von Marco Bellocchio setzt diese stolze Tradition fort und rollt einen der spektakulärsten Justizfälle neu auf. Im Mittelpunkt: Tommaso Buscetta, der in den 1980ern als Kronzeuge auftrat und mit seinen Aussagen dazu beitrug, dass hunderte Verbrecher verurteilt werden konnten.

Noch weiter in die Vergangenheit reist Matteo Rovere. In seinem dritten Film interpretiert der Regisseur und Co-Autor die Legende um Romulus und Remus ganz neu. IL PRIMO RE nimmt uns mit auf ein großes, actiongeladenes Abenteuer, welches die beiden Brüder meistern müssen, bevor sie als Gründer der Stadt Rom Geschichte schreiben können. Ein Abenteuer voller Gefahren und düsterer Bilder, das dennoch versucht, das Leben und die Sprache von damals authentisch abzubilden.

 

IL PRIMO RE, IL VIZIO DELLA SPERANZA und DER VERRÄTER

 

Der Blick zurück prägt auch Daniele Luchettis Tragikomödie MOMENTI DI TRASCURABILE FELICITÀ, wenngleich Hauptfigur Paolo gerne darauf verzichten könnte. Denn Paolo ist tot. Oder fast tot: Aufgrund eines kleinen Missgeschicks im Jenseits kehrt er nach einem Verkehrsunfall noch einmal in sein altes Leben zurück, allerdings nur für 92 Minuten. Das ist nicht viel, um über all das nachzudenken, was ihm einmal wichtig war oder hätte wichtig sein sollen.

Tod und Leben bestimmt noch einen weiteren der acht aktuellen Titel aus dieser Reihe: IL VIZIO DELLA SPERANZA. Darin stellt uns Edoardo De Angelis eine junge Frau vor, die ihren Lebensunterhalt mit dem Transport von Babys illegaler Leihmütter bestreitet. Bislang war das für Maria kein Problem, ein Job ist ein Job. Doch dann wird sie selbst schwanger und muss für sich einen eigenen Weg aus dieser dystopischen Tristesse der italienischen Provinz finden. Denn nun liegt es an ihr, eine Entscheidung über Leben und Tod zu fällen.

Weibliche Selbstfindung? Die gibt es in STILLSTEHEN gleich doppelt. Anders als es der Titel der deutsch-italienischen Co-Produktion impliziert, ist nämlich mächtig Bewegung im Leben von Julie und Agnes. Dabei war es reiner Zufall, der die zwei grundverschiedenen Frauen in einer psychiatrischen Anstalt zusammengeführt hat. Eine Tragikomödie über das kleine Glück, das man an unerwarteten Orten finden kann.

 

WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD'S ON FIRE?, STORIA DI B. LA SCOMPARSA DI MIA MADRE und SANTIAGO, ITALIA

 

Enge Bindungen gibt es natürlich auch im wahren Leben. Von einer solchen erzählt Beniamino Barreses in STORIA DI B. LA SCOMPARSA DI MIA MADRE, einer von drei Dokumentarfilmen mit italienischen Beteiligungen, die auf dem FILMFEST MÜNCHEN 2019 laufen. Barrese schildert darin mit großer Zärtlichkeit den Alterungsprozess seiner Mutter, die auch mit 75 Jahren selbst bestimmen will, welches Bild andere von ihr haben – ihr eigener Sohn eingeschlossen.

Die beiden anderen Dokumentarfilme widmen sich hingegen größeren gesellschaftlichen Themen. So führt uns Roberto Minervini in WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD’S ON FIRE die Situation afroamerikanischer Gemeinschaften im Süden der USA vor Augen, wo Kinder schon früh lernen müssen, dass sie auf offener Straße erschossen werden können. Nanni Moretti hat sich einen nicht weniger brisanten, historischen Stoff für seinen Beitrag ausgesucht: In SANTIAGO, ITALIA reisen wir ins Chile im Jahr 1973, als die italienische Botschaft Hunderten Zuflucht gewährte, die nach dem Putsch um ihr Leben fürchten mussten.

Tipp: Wer noch mehr über das aktuelle italienische Kino erfahren möchte, dem legen wir einen Besuch des FILMMAKERS LIVE: CINEMA ITALIANO (4.7., 16.00 Uhr) ans Herz.

 

Oliver Armknecht