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Freitag, 21.06.2019

Ich glaub das nicht …

Religion und Spiritualität in Filmen

Ich glaub das nicht …

PENNY LANE, die Regisseurin des Dokumentarfilms HAIL SATAN? über eine etwas andere Protestbewegung.


Viele kommen im Leben einmal an den Punkt, an dem sie ihr eigenes Weltbild hinterfragen. Gerade religiöse Überzeugungen, die einem schon im Kindesalter mitgegeben wurden, können Teil dieser Überlegungen sein: Gibt es einen Gott, der uns erschaffen hat und der über unser Leben wacht? Und wenn ja, wie sieht unsere Beziehung zu ihm aus?

Darüber grübelt beispielsweise die Protagonistin in dem Kurzfilm DIARY OF AN AFRICAN NUN, wenn ihre Ängste und Zweifel von Tag zu Tag größer werden. Ein Leben in Armut und Keuschheit, völlig fremdbestimmt und von Regeln geprägt, kann das wirklich der richtige Weg sein? Auch Huldrych Zwingli war nicht überzeugt davon, dass der von Kirchen vorgesetzte Glauben zu Gott führt. Der Schweizer Theologe war einer der frühesten Kritiker des Katholizismus  und drängte in seinem berühmten Werk „Kommentar über die wahre und falsche Religion“ 1525 zu einer Reformation des Christentums. Das Historiendrama ZWINGLI – DER REFORMATOR zeichnet den Weg des radikalen Erneuerers nach, dessen Thesen und Überzeugungen bis heute nachwirken.

 


EIN LICHT ZWISCHEN DEN WOLKEN zeigt Muslime und Christen in trauter Zweisamkeit ... bis eine alte Geschichte für Unmut sorgt.


Konflikte gibt es jedoch nicht nur bei der Auslegung innerhalb einer Religion. Gerade wenn Menschen aufeinandertreffen, die völlig unterschiedlichen Glaubens sind, kann das heikel werden. Schließlich sind es hier dann andere, die unsere Überzeugungen in Frage stellen. Das müssen beispielsweise die Bewohner eines albanischen Dorfes in EIN LICHT ZWISCHEN DEN WOLKEN feststellen. Bislang funktionierte das Zusammenleben von Christen und Muslimen eigentlich ganz gut, die beiden Bevölkerungsgruppen haben gelernt, friedlich zusammenzuleben. Doch das ändert sich eines Tages, als bekannt wird, dass die Moschee des Dorfes früher eine christliche Kirche war – was bei manchen ziemlichen Ärger auslöst.

In anderen Teilen der Welt ist die Hoffnung auf Frieden ohnehin schon lange erloschen. So schildert MANTA RAY, wie die muslimische Minderheit der Rohingyas in Myanmar verfolgt wird. Und auch im Nachbarland Thailand sind diese Flüchtlinge wenig willkommen, werden immer wieder zur Zielscheibe grausamer Menschenjagden. In SATURDAY AFTERNOON wiederum sind es radikale Muslime, die keine Religion neben sich dulden: Der Thriller erzählt basierend auf einer wahren Geschichte, wie sechs Terroristen in einem Café in Bangladesch Andersgläubige brutal ermorden. Werden solche Vorfälle auch bei uns bald Alltag werden? Davor warnt zumindest der österreichische Beitrag WIENER BLUT, in dem versteckte Islamisten Mitteleuropa nachhaltig destabilisieren wollen.


Konfliktstoff damals und heute: ZWINGLI – DER REFORMATOR und WIENER BLUT.


Dabei können Glaube und Spiritualität durchaus Halt geben in einer Welt, die so groß und verwirrend sein kann. Das beste Beispiel ist Elena in CENIZA NEGRA, die mit ihren 13 Jahren an der Schwelle vom Kind zur Erwachsenen steht. Aber sie steht auch ein wenig zwischen Leben und Tod. Mal ist die im Urwald von Costa Rica lebende Jugendliche mit ihren Schulfreundinnen unterwegs. Mal pflegt sie die Erinnerung an die Toten, die für sie wie selbstverständlich noch immer Teil ihres Alltags sind. Vor allem der Geist ihrer verstorbenen Mutter hilft ihr in dem Coming-of-Age-Drama, ihren Weg durch das Dickicht des Erwachsenwerdens zu finden.

Seinen eigenen Weg finden, unabhängig von den Vorgaben anderer, das ist auch das Ziel der Vereinigung The Satanic Temple: Der Dokumentarfilm HAIL SATAN? von Penny Lane stellt diese etwas andere Organisation vor, die für Religionsfreiheit eintritt und den Glauben zu einer sehr persönlichen Angelegenheit erklärt. Klingt skurril? Ist es auch. Aber eben noch viel mehr, wie uns Penny in einem Interview verraten hat. Darin schildert die Regisseurin, wie sie zu dem Thema gekommen ist und wie sie selbst zu Religion steht.


Wann und wie bist du mit The Satanic Temple in Berührung gekommen?

Das dürfte so etwa 2014 gewesen sein, als die News um ihre Pläne, in Oklahoma eine Baphomet-Statue zu errichten, verstärkt in den Medien auftauchte. Ich fand diese Kampagne lustig und clever und nahm an  – fälschlicherweise, wie sich später herausstellte –, dass das mehr oder weniger eine Art politischer Medien-Streich ist. Ich dachte, dass es den Satanic Temple gar nicht wirklich gibt, sondern einfach eine Gruppe von Aktivisten so tat, als wären sie Satanisten, um auf diese Weise die Scheinheiligkeit der Gesetzgeber aufzudecken, die im Namen von Religionsfreiheit eine christliche Vorherrschaft auf öffentlichen Plätzen etablieren will.  

Was hat dich an diesem Thema so interessiert, dass du darüber einen Film drehen wolltest?

Das kam durch einen Artikel der großartigen Journalistin Anna Merlan. Sie legte darin dar, dass die Gruppe nicht annähernd so simpel war, wie ich beim Überfliegen der lustigen Headlines gedacht hatte. Ich fing dadurch an zu verstehen, dass da tatsächliche Mitglieder einer tatsächlichen Organisation waren und nicht einfach nur ein paar Scherzbolde. The Satanic Temple war offensichtlich real und die Mitglieder wirklich Satanisten. Dadurch wurde mir auch klar, dass ich gar nicht wusste, was Satanisten sind und woran sie glauben. Dann ging es richtig los, und jeder Schritt des Verständnisprozesses brachte neue Überraschungen mit sich.

Bist du selbst religiös erzogen worden?

Nein, meine Erziehung war überhaupt nicht religiös. Sie war sogar eher anti-religiös. Meine Mutter war katholisch erzogen worden und fühlte sich dadurch unterdrückt. Deshalb gab es bei ihr immer eine vage, aber doch starke Ablehnung von religiösen Institutionen. Ich wusste auch nie so recht, warum Leute religiös sind oder in die Kirche gehen. Das erschien mir immer dumm und ein bisschen geisteskrank. Jetzt sehe ich das ganz anders durch meinen Kontakt mit Satanismus und Satanisten und das Verständnis, das ich dafür entwickelt habe. Ich bin jetzt viel näher dran zu verstehen, wofür es überhaupt Religion gibt, auch wenn ich mich selbst nicht übermäßig von religiösen Praktiken angezogen fühle.

Denkst du, dass Religion als solche überholt ist?

Nicht wirklich. Aber ein bisschen schon. Nicht wirklich, weil wir alle an etwas glauben, das wir nicht auf einer materiellen Ebene als real beweisen können. Wir alle organisieren uns basierend auf Geschichten, mythologischen Strukturen, moralischen Überzeugungen usw. Das ist, wo Religion ihren Anfang nimmt. Und diesen Zweck hat Religion immer erfüllt und tut es bis heute. Überholt ist Religion auf gewisse Weise aber schon, da viele religiöse Überzeugungen ihre Ursprünge vor der Moderne hatten und mit ihren anti-modernen Ausführungen sogar schädlich für uns sind.

 

Das Interview wurde geführt von Oliver Armknecht