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Donnerstag, 04.07.2019

Auf zu neuen Welten

Virtual Reality Made in Germany

In Deutschland ist bei der Förderung von Virtual Reality Projekten noch viel Luft nach oben. So jedenfalls konnte man den Appell von Kuratorin Astrid Kahmke verstehen, den sie am Dienstag bei der Eröffnung der Filmfest-VR-Reihe Virtual Worlds an die Politik richtete. Das betreffe nicht nur den finanziellen Umfang, es müsse auch mehr speziell auf VR zugeschnittene Förderprogramme geben, statt Ableger der Film- und Gamesförderung, sowie eine Unterstützung der Distribution von VR. Zwar ist das Programm der ersten Virtual-Reality-Reihe des Filmfest Münchens sehr frankophon geprägt, mit Frankreich als Gastland und Unterstützung aus dem kanadischen Québec treten VR-Pioniere auf. Doch zahlreiche deutsche Beiträge im Wettbewerbsprogramm zeigen, dass auch hierzulande VR-Experiences von hoher Qualität entstehen.

Diese eröffnen Welten, die üblicherweise unzugänglich sind. In INSIDE TUMUCUMAQUE kann man etwa im brasilianischen Regenwald mit Fledermäusen abhängen und mit Krokodilen untertauchen. Das Projekt von Filmtank und der Interactive Media Foundation ist mit Unterstützung des Museums für Naturkunde Berlin entstanden. Es steht folglich in der Tradition der Naturdokumentation, erweitert diese aber um die Erfahrung der Tierperspektive am eigenen Körper. Aus Sicht einer Spinne sieht diese schon wieder ganz anders aus.

Einen dokumentarischen Ansatz verfolgt auch BLAUTOPF VR, gleichzeitig ist die Experience aber auch ein spannendes Adventure-Game. Man taucht ganz wörtlich in die Höhlenwelt des Blautopf in der Schwäbischen Alb ein, schwimmt als Taucherin in die Kammern hinab – und ist plötzlich ganz alleine. Zwischen den Tropfsteinen lauert ein Geheimnis. Die Höhlen sind für Touristen nicht zugänglich, erst die virtuelle Welt macht sie erfahrbar. Entstanden ist sie mittels Fotogrammetrie aus zehntausenden Fotos, die während einer mehrtägigen Expedition aufgenommen wurden. Eine weitere Experience sucht nach dem besonderen Ort statt in der Tiefe weit oberhalb der Erdatmosphäre. In 2ND STEP: FROM MOON TO MARS AND BEYOND steht man zuerst auf dem Mond neben der Landefähre von Apollo 11, später am Rande eines Vulkankraters auf dem Mars.

Während die genannten Experiences verschiedene reale Orte nachbilden, entstehen die Räume anderer Projekte fast komplett aus der Fantasie. So erwecken etwa in der deutsch-französischen Koproduktion ACCUSED #2: WALTER SISULU grobe, schwarz-weiß gezeichnete Animationssequenzen den Mentor von Nelson Mandela zum Leben. Zu den originalen Tonaufnahmen des Gerichtsprozesses gegen ihn und andere Mitglieder des ANC, von dem es keine Bilddokumente gibt, tobt ein rassistischer Anwalt um den Zuschauer herum.

Durch Zeichnungen und die Erinnerungen eines Mitstreiters wächst Walter Gropius Architektur in BAUHAUS IN BAYERN bis zum Abgleich der Pläne mit den realen Gebäuden heute. Der 360-Grad-Film der Münchner Schwarzbild Medienproduktion zeigt die Rosenthal-Fabrik am Rothbühl in Selb und die Glaskathedrale in Amberg aus völlig neuen Perspektiven und erklärt die Ideen ihres Schöpfers ebenso wie dessen Freundschaft mit dem Porzellanfabrikanten Phillip Rosenthal.

Wieder andere VR-Macher widmen sich ganz der bildenden Kunst. Die Master’s Visions-Serie ist in deutsch-norwegisch-französische Koproduktion unter anderem für Arte entstanden. Beim Filmfest können interessierte VR-Nauten in die Gemälde MONK BY THE SEA von Caspar David Friedrich, THE SUN von Edvard Munch und WATER LILIES von Claude Monet regelrecht hineinsteigen. Nur die letztgenannte Experience ist nicht Teil des Wettbewerbs. Virtuell mitten in den Bildern stehend, erfährt man die bekannten Kunstwerke völlig neu.

Komplett abstrakt wird es schließlich in der deutsch-französischen Koproduktion FEVER, die bereits in Cannes gezeigt wurde. Halluzinationsartig wie im Fiebertraum schweben Hände durch den Raum, umgreifen einen, dazu ist eine Art Bericht über die Wärme und den Körper zu hören. Das ist nun endgültig mehr Gedicht als Dokumentation, wobei schon aufgrund der sinnlichen Natur des Mediums Virtual Reality die Grenze auch bei den anderen Experiences durchaus verwischt.

Die Beiträge mit deutscher Beteiligung bei Virtual Worlds zeigen das breite Spektrum des Mediums. Vom 360-Grad-Film zum interaktiven VR-Spiel, von dokumentarischen zu künstlerischen Ansätzen. Selbst ausprobieren kann die Exponate, wer sich unter VirtualWorlds-Munich.com noch eine der letzten freien Reservierungen sichert oder unangemeldet im Isarforum vorbeischaut und mit etwas Glück einen freien Platz ergattert. Am Donnerstagabend wird sich dann zeigen, ob die VR Made in Germany auch die internationale Jury überzeugt.

 

Benedikt Frank