SCHILDKRÖTEN KÖNNEN FLIEGEN
Filmfest 2016

„Satellite“ ist nicht nur der Anführer aller Kinder im Flüchtlingslager an der irakisch-türkischen Grenzen, auch die Erwachsenen verlassen sich auf ihn. Als Einziger kennt er sich aus mit Fernsehantennen und Satellitenschüsseln. Alle Dörfer der Umgebung und auch das Flüchtlingslager wollen Nachrichten empfangen, denn der Einmarsch der USA steht unmittelbar bevor und die Kurden hoffen auf Befreiung. Der Fünfzehnjährige versteht auch einige Brocken Englisch und soll nebenbei für die Dorfältesten übersetzen – aber bloß keine verbotenen Sender mit tanzenden Frauen einschalten! Im Fokus dieses außergewöhnlichen Filmes steht das Leben der Flüchtlingskinder. Ausschließlich aus ihrer Perspektive erzählt Bahman Ghobadi vom Dasein ohne Eltern, vom Minensuchen für Geld, vom Spielen im Matsch einer Zeltstadt. Die Helden und Heldinnen dieses Films haben den Krieg erlebt, haben sich schlimme Verletzungen zugezogen, denn alle sind Laiendarsteller aus der Region. Was sie dem Publikum eröffnen, ist der unbefangene Blick in eine uns fremde Welt, die doch für so viele heute der Alltag ist.

tags: Humor, Jugend/Coming of Age, Krise/Revolution, Spielfilm, Trauer/Trauma

Darsteller: Avaz Latif, Soran Ebrahim, Saddam Hossein Feysal, Hiresh Feysal Rahman, Abdol Rahman Karim

Credits

Drehbuch: Bahman Ghobadi

Kamera: Shahryar Assadi

Schnitt: Mostafa khergheh Poosh, Hayedeh Safi Yari

Musik: Hossein Ali Zadeh

Produktionsdesign: Bahman Ghobadi

Ton: Bahman Ardalan

Produzent: Hamid Ghavami, Batin Ghobadi, Hamid Karimi, Babak Amini

Produktion (Firma): Mij Film Co

Verleih: mîtosfilm

Regie: Bahman Ghobadi

Biografie

Bahman Ghobadi wurde 1969 in Baneh geboren, einer Stadt im iranischen Kurdistan nahe der iranisch-irakischen Grenze. Seine Kindheit war geprägt vom Ersten Golfkrieg, der die Familie auch zwang nach Sanandaj umzusiedeln. Nach seinem Schulabschluss zog es Ghobadi nach Teheran, wo er seine Karriere zunächst als Fotograf begann. Einige Zeit besuchte er das Iranian Broadcasting College, schloss dort aber nicht ab. Nach mehreren 8mm Kurzdokus gelang ihm 1999 der Durchbruch mit seinem hochgelobten Kurzfilm LEBEN IM NEBEL. Dieser gab auch seiner im darauf folgenden Jahr gegründeten Produktionsfirma Mij (Nebel) Film den Namen. Mij Film fördert und produziert seither kurdische Filme. Bahman Ghobadi: „Iran ist schon immer die Wiege für eine Vielzahl von unterschiedlichen ethnischen Gruppen wie Turkmenen, Kurden und Türken gewesen, und dennoch sind deren Stimmen kaum im iranischen Kino vertreten.“ Ghobadi selbst feierte mit dem ersten kurdischen Langfilm in der Geschichte des Iran ZEIT DER TRUNKENEN PFERDE (2000), sowie HALF MOON (2004) SCHILDKRÖTEN KÖNNEN FLIEGEN (2006) und PERSERKATZEN KENNT DOCH KEINER (2009) herausragenden Erfolge und gewann diverse internationale Preise, darunter die Caméra d'Or in Cannes, den Gläsernen Bären und Friedensfilmpreis auf der Berlinale, zweifach den Hauptpreis des Internationalen Filmfestivals in San Sebastian, den Index on Censorship Filmpreis und unzählige Publikumspreise weltweit. Bahman Ghobadi erzählt seit nun fast zwanzig Jahren Geschichten von seinem Volk, den Kurden. Typisch für iranische Filmemacher ist dabei das semi-dokumentarische Kino mit Laiendarstellern.