ROCKY - DIE CHANCE SEINES LEBENS
Filmfest 2018

Könnte ein Boxer zartfühlender sein? Rocky kümmert sich um einen Goldfisch namens Moby Dick, den er von der Einsamkeit zu befreien sucht, indem er den Fisch im Glas immer mal wieder zu den zwei Schildkröten Klay und Frazier stellt. Letztere kommen mit dem Schildkrötenfutter aus Rockys Lieblingstierhandlung nicht ganz klar, weil sie sich an den Motten verschlucken. Sensibilität überall. Ziemlich gutmütig hat Sylvester Stallone diesen Rocky Balboa angelegt, der jedoch im Ring als „The Italian Stallion“ wüst austeilen kann. Ein erfolgreicher Profi ist Rocky nicht. Vielmehr streunt er durch den Tag, treibt für einen Mafiosi Geld ein, hat aber Mitgefühl für all die verschuldeten Loser, denen er eigentlich die Finger brechen soll. Zudem versucht er, die schüchterne Adrian (Thalia Shire), Schwester seines Kumpels Paulie, aus der Reserve zu locken. Verführung ist ein Boxkampf, den man samtweich angehen sollte, sonst lässt sich das Eis nicht brechen. Rocky weiß das nur zu gut und organisiert für Adrian eine kleine Fahrt auf der Eiskunstbahn. So sanft könnte es weiter gehen, aber dann hat der aktuelle Schwergewichts-Boxweltmeister Apollo Creed (Carl Weathers) die Idee, einem Underdog die große Chance zum Fight zu geben, und per Zufall, weil „The Italian Stallion“ so hübsch klingt, fällt seine Wahl auf Rocky. Dann geht es zum Kampf und zu ikonischen Szenen wie etwa jener, in der Rocky zum Fanfaren-Thema von Bill Conti die Stufen zum Philadelphia Museum of Art hochrennt und jubelnd die Arme ausstreckt. Gewinnen ist dann gar nicht mal mehr so wichtig, eher durchhalten durch die Runden gegen Creed. Einen langen Atem hat auch Stallone mit diesem Projekt gehabt: Inspiriert von dem Kampf des „Bayonne Bleeders“ Chuck Wepners gegen Weltmeister Muhammad Ali (siehe CHUCK – DER WAHRE ROCKY, beim Open Air zu sehen am Dienstag, 22:00 Uhr) schrieb der damals 28-jährige Stallone angeblich in nur dreieinhalb Tagen die erste Fassung des ROCKY-Drehbuchs und ging damit bei den Produzenten hausieren. Selbst hohe Geldangebote nahm er nicht an, weil Schauspielgrößen wie Ryan O’Neal oder James Caan den Boxer spielen sollten. Stallone bestand auf der Hauptrolle und willigte auf ein Angebot ein, bei dem er zwar eine niedrige Gage aber 10 Prozent vom Einspielergebnis bekommen sollte – was sich später als sehr lukrativ herausstellte. ROCKY unter der Regie von John G. Avildsen wurde 1976 zum Überraschungserfolg in den Kinos und für zehn Oscars nominiert, darunter für die beste Hauptrolle. Der Film gewann schließlich in den Kategorien „Bester Schnitt“, „Beste Regie“ und „Bester Hauptdarsteller“. Es war der Durchbruch von Stallone, der noch sechs Mal Rocky spielen sollte, zuletzt in CREED (2015), wo er der Trainer des Sohnes von Apollo Creed wird (beim Open Air zu sehen am Freitag, 6. Juli, 22:00 Uhr). Die Fackel hat Stallone also schon weiter gegeben, das Original bleibt jedoch ungeschlagen. Welcher andere Boxfilm endet sonst noch mit einem großen Schrei der Liebe?

tags: Liebe, Sport, Spielfilm

Darsteller: Sylvester Stallone, Talia Shire, Burt Young, Carl Weathers, Burgess Meredith

Credits

Drehbuch: Sylvester Stallone

Kamera: James Crabe

Schnitt: Scott Conrad, Richard Halsey

Musik: Bill Conti

Produktionsdesign: William J. Cassidy

Kostüme: Robert Cambel

Ton: Harry W. Tetrick

Produzent*in: Robert Chartoff, Irwin Winkler

Produktion (Firma): Chartoff-Winkler Productions

Weltvertrieb: Park Circus Group

Regie: John G. Avildsen

Biografie

John G. Avildsen wurde 1935 in Oak Parks, Illinois geboren. Er arbeitete zunächst als Werbetexter, um in den 1960er-Jahren als Regie-Assistent für Arthur Penn und Otto Preminger sowie als Kameramann und Cutter im Filmbereich erste Erfahrungen zu sammeln. Mit TURN ON TO LOVE, einem Film über eine Hausfrau, die sich aus Langeweile mit Marihuana rauchenden Hippies und einem italienischen Filmemacher einlässt, legte Avildsen 1969 sein Filmdebüt vor. Im Jahr darauf hatte er mit JOE seinen ersten Erfolg an der Kinokasse, das Drehbuch von Norman Wexler wurde für einen Oscar nominiert. Auch SAVE THE TIGER (1973) erntete positive Kritiken. Jack Lemmon bekam für seine Darstellung einen Oscar. Drehten sich JOE und SAVE THE TIGER um sympathische Loser-Figuren, wurde Avildsen in der Folge mit Sportfilmen inklusive Aufsteigergeschichten bekannt. Für ROCKY (1976) arbeitete er eng mit Drehbuchautor und Hauptdarsteller Sylvester Stallone zusammen. Der Film war 1976 der erfolgreichste an der Kinokasse und wurde zehnmal für den Oscar nominiert. Avildsen gewann einen für die „Beste Regie“. Jahre später übernahm er für eine weitere Folge der Serie erneut die Regie: ROCKY V (1990) war ebenfalls ein Blockbuster-Hit. Zuvor hatte Avildsen die ersten drei KARATE KID-Filme (1984, 1986, 1989) inszeniert. Jenseits dieser Reihen drehte er unter anderem LEAN ON ME (1989), ein Biopic über einen Schuldirektor in New Jersey, verkörpert von Morgan Freeman. INFERNO (1999) mit Jean-Claude Van Damme war Avildsens letzter Film. Er starb 2017 im Alter von 81 Jahren.