Spotlight

Aufwachen!

Mitten im Rampenlicht schmelzen die Konflikte des Alltags doch allzu oft dahin – so als wären sie Wachs im Brennpunkt einer zerstreuungsgeilen Medienöffentlichkeit. Und die Reihe Spotlight sucht und findet ja immer wieder: die Stars, die großen und satten Bilder, die flüssigen Erzählungen. Aber ist der Star, dieses glitzernde Produkt, nicht das Gegenteil des echten Menschen? Und verdrängt das große, überwältigende Bild nicht all die kleinen, wuseligen, unüberschaubaren Widrigkeiten des Lebens?

Nicht bei uns. In einem ewig schattigen Tal wird die feindlich karge Berglandschaft zum Hauptdarsteller und Gegenspieler zugleich für eine Familie, die sich so stolz wie eindrucksvoll weigert, diese lebensfeindliche Heimat zu verlassen. Und wer sich an die riesigen Fersen eines Elefanten heftet, beobachtet den Umbruch, in dem die ganze Region Südostasiens steckt, mit ganz frisch entdeckter Neugierde.

Die Filmemacher dieser Reihe wagen mehr als nur Ausflüge: Sie wollen nicht nur eben Schlaglichter werfen, sondern ganze Panoramen zeichnen – im Vorübergehen. Dazu gehört zweifelsohne ein ganz besonderes inszenatorisches Fingerspitzengefühl. Vielleicht tasten diese Fingerkuppen nicht ganz so rau wie die der jungen Wilden in den Sektionen nebenan. Sie erspüren das zerklüftete Terrain der Gegenwart allerdings nicht exakt oder ehrlich, wenn sie auch nicht von jeder Unebenheit erzählen.

Auffällig oft tauchen sie hinab in einen ganz bestimmten historischen Moment – etwa den, an dem die Schweizer Frauen sich endlich erfolgreich das Wahlrecht erkämpfen konnten. Oder in eine ganz besonders nervöse Phase der Weltgeschichte, die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen Korea unter der japanischen Besatzung ächzte. Heute kehren die Kämpfe zurück, wenn auch in neuen Konstellationen: In vielen unserer Filme sind es Frauen, die navigieren müssen zwischen dem realen Terror der Gegenwart und der genauso realen Hysterie und ihrer Lautsprecher, die mit der Angst vor dem Terror Politik machen wollen.

Noch die Fluchtbewegungen vor diesem furchtbaren Dilemma führen in die Wirklichkeit. Künstlerbiographien erzählen mindestens so viel von ihren Malern, Bildhauern, Rockbands und Sängerinnen wie von der Umgebung, in der sie malen, hauen und singen durften – oder mussten. Filmemacher nutzen Drehbücher und Kameras auch als Waffen im Propagandakrieg. Ein fernöstlicher Genremeister macht ausgerechnet ein Krankenhaus zum Schauplatz einer explosiven Verwicklung von Verbrechen, Strafe und anderen düsteren Wünschen.

Aber darf denn im Kino überhaupt nicht mehr geträumt werden? Und ob! All die Monster der Märchenwelt bevölkern unsere Reihe, eine russische Bühne wird zur ekstatischen Spiegelwelt wirklicher Intrigen, Südfrankreich zum Schlaraffenland romantisch-kulinarischer Phantasien. Schließlich kitzelt der Traum des Kinos ganz besonders stark das Bewusstsein. Bis wir irgendwann aufwachen.

Tim Slagman

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