International Independents

Welt aus den Fugen

Das internationale Independent Kino ist in erster Linie seinen Themen verpflichtet. Es interessiert sich für Protagonisten, Orte, künstlerische Vision und experimentelle Herangehensweise – und dies in der Regel mehr als für den Roten Teppich und die Social Media Resonanz. In diesem Jahr bringt es vor allem Grenzgänger und Exoten auf die Leinwand; die Filmemacher wagen sich mitten ins existentielle Chaos. Den inneren und äußeren Zusammenhalt verlieren zu können, ist eine der virulenten Ängste unserer Zeit. Die Reihe International Independents verschließt ihre Augen davor nicht, wenn die Welt aus den Fugen gerät, sondern schaut genau hin.

Wie geht ein schwarzer Polizist in Kanada mit der Gewalt um, die seine weißen Kollegen ganz selbstverständlich Menschen seiner Hautfarbe antun? Die Zerrissenheit zwischen Beruf und Community nimmt zu, bis unser titelgebender BLACK COP sich dazu entschließt, von nun an seinem moralischen Kompass zu folgen.

Auch Paula begibt sich in MATAR A JESÚS auf dunkle Pfade, wenn sie einen Mörder sucht. Als ihr Vater vor ihren Augen auf offener Straße erschossen wird, sind ihre Rachegefühle groß. Aber Selbstjustiz üben am kriminellen Abgrund Kolumbiens, ist wie ein Tanz auf dem Vulkan.

VULKAN heißt auch ein ukrainisches Roadmovie, in dem ein Übersetzer von seiner Mission auf der Krim auf Abwege geführt wird, hin zu einem kuriosen Ort, der diametral zum bewaffneten Konflikt im Osten steht. Noch größer ist nur der Kontrast in dem Abu Osamas acht Söhne aufwachsen, geboren mitten in einen tosenden Militärkonflikt an der syrischen Grenze: eine verspielte Kindheit neben der Agonie des Krieges. Der Vater ist ein glühender Verehrer des islamistischen Kalifats, ihr Weg vorgeschrieben. In OF FATHERS AND SONS werden bereits die beiden ältesten Jungen zu Dschihad-Kämpfern ausgebildet.

Kinder, die Krieg führen sollen, das ist finsterste Enthemmung. Aleksey Fedorchenkos Film ANNA’S WAR beginnt in absoluter Dunkelheit. Ein jüdisches Mädchen erwacht in einem Massengrab - neben seiner toten Familie. Eine gespenstische Prämisse, aber das Kind erweist sich als clevere Überlebenskämpferin.

Ähnlich die Unverdrossenen in Sodom, einem gottverlassener Ort, der seltsam charismatisch auf den Zuschauer und auch auf seine dankbaren Bewohner wirkt. Die größte Deponie für Elektro-Müll der Erde liegt in Ghana und ist nicht nur einer der giftigsten Plätze überhaupt, sie bietet auch ein Vermögen an Rohstoffen und wird deshalb von 6000 Erwachsenen und Kindern bewohnt. WILKOMMEN IN SODOM könnte auch ein Science-Fiction-Film sein, so apokalyptisch sind die Bilder vom Ertrinken der Welt in ihrem eigenen Elektroschrott.

Auch die Drohne aus EYE ON JULIET wird eines Tages in Sodom ihr Ende finden. Noch steuert Gordon sie von Detroit aus, während sie im Norden Afrikas eine amerikanische Öl-Pipeline überwacht. Das unvermeidliche Öl erinnert an das Eingreifen des Westens in so viele Länder, interessiert an den Schätzen, nicht den Konsequenzen. Gordon will der jungen Ayusha helfen einer Zwangsheirat zu entgehen. Ob er einschätzen kann welche Folgen das haben wird?

Was dem einen ein Inferno ist, ist dem anderen ein Himmelreich. Gewollt ist das Spiel, das der portugiesische Film INFERNINHO in seinem Titel aufmacht, kommen seine bunten Protagonist doch recht harmlos jeden Abend in der gleichnamigen Bar in Rio zusammen und feiern ihre Vielfalt. Von homosexuellen Nachtgestalten in Kostümen ist nun wirklich kein Weltuntergang zu befürchten. Doch droht der Regenbogen-Zuflucht leider das Aus von echten Gangstern und gierigen Baulöwen. Die Hölle, das sind die anderen.

Antonia Mahler

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