Neues Deutsches Fernsehen

Im Heimatdschungel

Zuhause ist es doch am schönsten, sagt das eine Sprichwort; daheim sterben die Leut‘, sagt das andere. Und das Fernsehen hat ohnehin eine besondere Beziehung zum privaten Raum, in dem es regelmäßig als Eindringling willkommen geheißen wird.

Die Heimat, aktuell sowieso ein umstrittener Begriff, nimmt manchen die Luft zum Atmen. Zu eng sein kann es zwischen Mauern ebenso wie auf Almwiesen und freiem Feld. Wenn die politische Situation unerträglich wird, dann bleibt vielleicht nur noch ein bisschen Land auf dem Meer als Fluchtpunkt, um eine Inselutopie zu leben.

Die wirkliche Welt findet sich derweil in einem Umbruch, der brutale Wellen schlägt – bis tief hinein in das private Umfeld eines nicht wirklich fiktiven Treuhandchefs, der sich den Feind in seine Nähe holt. Die ach so lieben Nächsten erweisen sich sowieso nicht selten als eingefleischte Terrorgruppe, die ihre Reißzähne zum Beispiel dann auspackt, wenn es gilt, das Erbe des Familienoberhauptes zu verteilen.

So richtig irre wird es, wenn dieses Erbe in die Heimatkultur hineinfließt und die Streithennen auf dem goldenen Nass ausrutschen, das die Stammtische am Leben erhält. Weniger bodenständig, aber mindestens so münchnerisch geht es auf dem umkämpften Pflaster der Maximilianstraße zu, wo ein Original ludwighaften Ausmaßes sich womöglich der Stillosigkeit des Mammons unterwerfen muss und ganz gewiss seiner schrillschrulligen Mama.

Die Heimat mag also etwas je Typisches an sich haben, doch so viele der kleinen Heimaten überall auf der Welt teilen ihre Übersichtlichkeit: Jede sieht jeden. Was für ein Faszinosum für ein visuelles Medium; was für ein Albtraum für die, die im Dunkeln bleiben möchten! Weil Lügen über sie verbreitet werden oder weil sie gerne Lügen verbreiten möchten. Vielleicht lässt sich die Heimat auch danach beurteilen, wem sie es leichter macht auf dem Weg zur Wahrheit oder fort von dieser.

Flucht kann da eine Lösung sein, auch wenn es nicht um Leib und Leben geht. Die Ferne kann man sich wohl doch nicht so einfach vom Halse halten, jedenfalls nicht, wenn die eigene Tochter verschluckt wird von den Umwälzungen in anderen Regionen der Welt. Überhaupt, dieses Ineinander von Wirklichkeit und Enge: Ein Verbrecher zwingt eine Therapeutin sieben Stunden mit seinem Körper und womöglich ein Leben lang mit der Erinnerung daran in seine Gewalt.

Der Fernsehfilm behauptet sich zwischen der großen Geste des Kinos, die er sich zutrauen darf, und dem großen Erzählatem der Serie, den er komprimieren kann. So wie die heftigsten Emotionen sich manchmal herausquetschen aus der quälendsten Enge.

Tim Slagman

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