Retrospektive | Mads Brügger

Agent Provocateur des Kinos

Für seine Filme riskiert er mehr als viele andere: Mads Brügger – geboren 1972 in Dänemark, Programmchef des dänischen Hörfunksenders Radio24syv, Journalist und Regisseur – betreibt gerade in seinen filmischen Werken eine neuartige Form des performativen Gonzo-Journalismus. So tritt er nicht als neutraler Beobachter auf, sondern macht die dreckigen Geschäfte lieber gleich selbst. Sein Verhalten bewegt sich dabei zwischen Zynismus, Ironie und moralischer Skrupellosigkeit, ohne auf die Political Correctness zu achten. Brügger überschreitet bewusst Grenzen und bringt sich selbst immer wieder in Gefahr. Sein Performance-Alter Ego erinnert oft an Sacha Baron Cohens BORAT, sein Enthüllungsanspruch gleicht demjenigen Michael Moores. Mit einer Mischung aus Humor, Provokation und Dreistigkeit lässt sich der Däne auf gewagte Abenteuer ein, ohne zu wissen, wohin sie ihn führen.

So landet er für den TV-Dokumentarfilm DANES FÜR BUSH mitten im US-Wahlkampf 2004, wo er sich als dänischer Anhänger von Präsident Georg W. Bush ausgibt. In RED CHAPEL reist Brügger als skrupelloser Regisseur mit zwei koreanisch-dänischen Comedians nach Nordkorea, um tiefere Eindrücke aus dem abgeschotteten Land liefern zu können. Für THE EMBASSADOR perfektioniert der Filmemacher sein Rollenspiel und kauft sich für 135000 Dollar einen liberianischen Diplomatenpass, der ihm den Einstieg in den Diamantenhandel ermöglicht. Den Dreh der semi-fiktionalen Komödie THE SAINT BERNARD SYNDICATE (2018), in dem die beiden Dänen Rasmus und Frederik eine Bernhardiner-Zucht in China aufziehen wollen, realisierte Brügger ebenfalls guerilla-mäßig, ohne Genehmigungen.

In seinem neuen Film COLD CASE HAMMERSKJÖLD versucht er, die Umstände des bisher ungeklärten Flugzeugabsturzes aufzudecken, bei dem 1961 der schwedische UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld im damaligen Nord-Rhodesien ums Leben kam. Seine filmische Recherche führt ihn jedoch weit über das geplante Vorhaben hinaus, in ein Netz aus politischen Verschwörungen, verdeckt agierenden Söldnervereinigungen, geheimdienstlichen Verwicklungen und menschenverachtenden AIDS-Experimenten rassistischer weißer Europäer. Dem großen Agent Provocateur des Kinos widmet das FILMFEST MÜNCHEN eine Hommage und freut sich, dass Mads Brügger selbst nach München kommt.

Anna Steinbauer

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