Neues Deutsches Fernsehen

WO DAS HERZ LIEGT

Das Herz ist ein einsamer Jäger, so lautet der berühmte Titel eines ebenso berühmten Romans der US-Schriftstellerin Carson McCullers, und man weiß gar nicht so recht, wem oder welcher Sache das Herz eigentlich nachjagt. Vermutlich hetzt es dem Erfolg oder dem Glück hinterher, jedenfalls meist einem Ziel, das es wahrscheinlich selbst gar nicht so genau kennt. Das (Wiener) Blut, das wiederum durch die Adern jagt, ist ja bekanntlich dicker als Wasser, was heißt, dass die Familie und Verwandtschaft einem am Herzen hängen, wobei das durchaus bedrohlich sein kann. Man bekommt sein Umfeld einfach nicht mehr los, die angeheirateten Partner*innen auch nicht, und wenn es zur Trennung kommt, dann hängt man dem/der Alten nach, wünscht sich eine Wiedervereinigung oder doch die endgültige Loslösung.

Das Fernsehen hat sich schon immer diversen Herzensangelegenheiten angenommen, den Emotionen freien Lauf gelassen, wobei zwischen Kopf und Herz doch eine gute Balance gefunden werden sollte. Den Filmen dieser Reihe – allesamt Weltpremieren, geschaffen für den Bildschirm und bildmächtig geeignet für die große Leinwand – gelingt das wunderbar, gegen so manche Kälte des digitalen Zeitalters. Ein Mädchen lässt sich dabei gefährlich von plastisch scheinenden Spielwelten aufsaugen – und irgendwie verlieren sich ganz viele Figuren, sind auf der Suche nach einem Ort (Mallorca?), wo sie aufgehoben sind, wo sie ganz sie selbst sein können oder zumindest nach sich selbst fahnden können.

Früher war das vielleicht mal die Familie, aber die ist oft auch keine Heimat mehr. Das Blut verflüssigt sich zunehmend zu Wasser und es ist schon unheimlich mitanzuschauen, wie die Eltern sich miteinander und auch mit ihren, oft kaum zu kontrollierenden, Kindern streiten. Oder einander anschweigen. Einfache Wahrheiten gibt es nun mal nicht, nur komplexe Fälle und Konflikte ohne leichte Lösungen, dafür mit vielen verschiedenen Sichtweisen, sodass die Herzen ins Stolpern geraten. Kurioserweise kann gerade ein frisch implantiertes Exemplar den Daseinsrhythmus der Neubesitzerin aus dem Takt bringen und schon muss sie sich neu erfinden, ihr Leben neu entwerfen, wie so viele andere auch.

Manche Entwicklungen überraschen dabei, sind magisch schön: Eine Gruppe von Metzgern in Übersee beispielsweise sucht und findet vielleicht Ablenkung und Glück in einem Gesangschor. Drei andere Männer, einst Jungs, jagen einer Sehnsucht hinterher und müssen dann die alte Idee aus der Jugend mit der neuen Realität abgleichen. Kein leichtes Unterfangen ist das, aber sicherlich ein beherztes.

Kühler wird es jedoch, wenn eine Mutter gnadenlos intrigant wird, WEIL DU MIR GEHÖRST. In diesem Titel lauert der Horror des Besitzdenkens, und auch ICH BRAUCHE EUCH klingt eher verzweifelt. Aber auch nach einem schönen Eingeständnis: Wenn das Herz ein einsamer Jäger ist, will es vielleicht nicht mehr einsam sein. Im Kino, wo diese Filme zuerst das Licht der Leinwand erblicken, ist man ja schon mal rein formal nicht völlig für sich allein, kann sich gemeinsam bewegen und berühren lassen.

Michael Stadler

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