International Independents

Mach dein Ding!

Die Reihe International Independents bewegt sich wie ihre Protagonist*innen abseits vom Mainstream – im besten Sinne. Denn hier werden Klischees verweigert, Stereotypen missachtet und auch mal unangenehmere Wege gewählt. Die Filme sind getragen von ihren Charakteren, die es wert sind, sie trotz aller Widrigkeiten auf die Leinwand zu bringen. Im Fiktionalen wie im Dokumentarischen sind es Figuren, deren individuelle Geschichten im Vordergrund stehen und die sich nicht danach richten, was andere um sie herum erwarten mögen.

In einer konservativ-muslimisch geprägten Stadt wie Teheran fällt es oftmals nicht leicht, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören und sich den gesellschaftlichen Erwartungen zu widersetzen. Doch die Rezeptionistin Mina (siehe Bild mit Bär), der Beerdigungssänger Vahid und der Ex-Bodybuilder Hessam machen sich in TEHRAN: CITY OF LOVE auf ganz eigene Weise auf die Suche nach der großen Liebe. Mina setzt dabei auf ihre verführerische Stimme und ihr Alter-Ego, welches Männer über das Telefon um den Finger wickelt. Da Beerdigungen eher selten romantische Begegnungen bereithalten, sattelt Vahid auf das Singen für Hochzeiten um, und Hessam entdeckt durch einen Zögling die Zuneigung zum eigenen Geschlecht.

In Fällen, in denen die Bedingungen nicht eigenhändig verändert werden können und die gesellschaftlichen Konventionen eine Selbstentfaltung unmöglich machen, bleibt manchmal nur die Flucht in ein neues Leben: In LUCIÉRNAGAS verlässt Ramin seine Heimat Iran, um in Mexiko fortan seine Homosexualität nicht mehr verbergen zu müssen. Neben der Sehnsucht nach dem zurückgelassenen Geliebten und dem eigenen Land, entdeckt Ramin zunehmend sich selbst.

Zu der Entscheidung, den eigenen Geburtsort zu verlassen, kann sich Waad al-Kateab in FOR SAMA nicht durchringen. Denn ihre Überzeugungen lassen sie in der kriegsgebeutelten Stadt Aleppo ausharren. Von Beginn der Auseinandersetzungen an dokumentiert sie die politischen Entwicklungen in Syrien mit ihrer Kamera. Ihre schonungslosen Bilder offenbaren die Zuspitzungen der Auseinandersetzungen genauso wie die katastrophalen Lebensumstände. Daneben ist der Film ein persönliches Zeugnis einer jungen Frau, die sich wider aller Umstände verliebt, heiratet und schwanger wird. Und die nicht davor zurückschreckt, für ihre Tochter Sama schließlich einen Beschluss zu fassen.

Selbst wenn die Umstände um einen herum ein weitgehend selbstbestimmtes Dasein ermöglichen, fällt es trotzdem manchmal nicht leicht, seinen Weg zu finden. In SAINT FRANCES lebt Bridget in Chicago eigentlich recht privilegiert. Doch ohne große Karriere oder eigene Familie entspricht sie nicht dem, was von einer 34-jährigen Frau erwartet wird. Ein neuer Job als Babysitterin für die eigensinnige sechsjährige Frances, die mit ihren beiden Müttern aufwächst, eröffnet ihr jedoch eine Perspektive darauf, dass das Glück nicht nur in dem wartet, was die Gesellschaft als Norm propagiert.

Doch auch innerhalb von Normen kann Selbstverwirklichung gefunden werden, wie die 75-jährige Benedetta Barzini beweist. In den 60ern war sie ein gefragtes Model und Künstlermuse, setzte sie sich trotzdem beständig für die Rechte der Frauen und den Feminismus ein. In THE DISAPPEARANCE OF MY MOTHER zeigt sie darüber hinaus, dass stete Veränderung und Entwicklung zum Leben dazugehören. Das Kino bietet dafür den besten Beweis.

Tatjana Michel

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