Neues Deutsches Kino

Schöner Schein

In einer Zeit, in der die Fakten in absurder Konkurrenz zu den gefühlten Realitäten stehen, wird das Vertrauen auf die „bessere“ Zukunft bisweilen unsicher. Die eigene Realität, ein positives Narrativ für einen selbst darin lässt sich immer schwerer konstruieren. Die Filmemacher*innen, die in diesem Jahrgang der Reihe Neues Deutsches Kino ihre neuesten Arbeiten in Weltpremieren präsentieren, reagieren darauf mit Lust – mit Lust an dieser Unsicherheit, mit Lust am Driften und am Finden von persönlichen Theorien mittlerer Reichweite.

Was das Morgen bringt? Schwer zu sagen. Schauen wir auf das Heute. Vielleicht ist morgen schon kein Geld mehr für den heutigen Lebensentwurf da, oder keine Energie. Machen wir das Beste daraus. Will man das dann Dekadenz nennen? Diese wäre jedenfalls durchaus angebracht, als schlüssige Reaktion auf gesellschaftliche Ungewissheiten. Die Goldenen Zwanziger mit ihrem ausschweifenden Hedonismus sind nun ein Jahrhundert von uns entfernt – wie steht es um die Twentysomethings oder Fortysomethings von heute?

Auf das Unvermögen, einen stabilen Boden zu finden, gibt es verschiedene Reaktionsmöglichkeiten. Coolness, Driften, Improvisation. Ein gutes Bier und ein gutes Gespräch in der Kneipe. Einfach gute Musik. Die Glory Days of Rock ‘n‘ Roll. Bei sich bleiben, solange es geht. Sexuelle Freizügigkeit. Oder man kreiert für sich Scheinwelten, Parallelwelten, Fantasiewelten – im Glauben daran, dass die Realität diesen Visionen schon folgen wird. Bloß nicht Stillstehen.

Dass manche Oberflächen dann doch brüchig sind, wissen die Figuren selbst. Da fliegt man in Flugzeugen und hat keine eigene Wohnung, kreiert Märchen für sich oder seine Kinder – Märchen von einer Gesellschaft und einem persönlichen Platz darin. Wer zu tief im falschen Leben steckt und dann auch noch Perfektion anstrebt, ist zum Scheitern, zum Abgrund verurteilt. Mitunter werden dabei sogar brutalstkonservative Werte restauriert. Alles in allem sind die Filme dieses Jahrgangs eine Einladung, jede Perfektion über Bord zu werfen, jedes stabile Selbstimage – und sich einfach mal wieder überraschen zu lassen. Am besten von sich selbst.

Schön zu erleben ist das auch in einem Special Screening, bestehend aus einem Kurz- und Langfilm, und einer daran angrenzenden Diskussion. Sie laden allesamt zur Frage ein, was Kino ist, sein kann und was es sein wird. Ob es vielleicht einmal ohne Mensch existieren kann, ganz digital? In der Rezeption natürlich auf keinen Fall. Treffen wir uns also im Dunkeln, schauen gemeinsam, reden darüber und verlassen – hoffentlich – bereichert das Kino. 16 + 2 neue Angebote stehen an. Herzlich willkommen.

Christoph Gröner

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